Sergej Rachmaninow: Сирень - Die Flieder
„Сирень“ („Die Flieder“), Op. 21 Nr. 5, gehört zu Sergei Rachmaninows bekanntesten Liedern. Es entstand 1902 als Teil der 12 Romansy Op. 21 und vertont ein Gedicht von Ekaterina Beketova. In sanftem Es-Dur entfaltet sich ein atmosphärisches Klangbild, in dem Duft, Erinnerung und Sehnsucht zu einer zarten, fast impressionistischen Vision verschmelzen – ein typisches Beispiel für Rachmaninows lyrischen Spätromantizismus.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Ekaterina Beketova – russisch / deutsche Übersetzung)
Русский текст:
В саду весной цветут сирени,
И тени тихо падают кругом…
Я иду меж кустов сирени,
Дышу их сладостным весенним сном.
Deutsche Übersetzung (nach Beketova):
Im Garten blühn im Mai die Fliederzweige,
Ihr Duft umweht mich – süß und still.
Ich geh im Schatten durch die Zweige,
und atme, was mich träumen will.
Text: Ekaterina Beketova (1855–1892); freie Nachdichtung nach dem russischen Original. Rachmaninow op. 21 Nr. 5 (1902).
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Sergei Rachmaninow (1873–1943)
- Zyklus: 12 Romansy Op. 21 – Nr. 5 Сирень / Die Flieder
- Textvorlage: Ekaterina Beketova
- Komposition: 1902 in Moskau; Erstdruck 1903 bei Gutheil (Moskau)
- Tonart / Takt / Tempo: Es-Dur, 4/4, Con dolcezza / Dolce tranquillo
- Dauer: ca. 2 ½ – 3 Minuten
- Besetzung: Singstimme und Klavier (Transpositionen gängig)
- Form: Dreiteilig (A – B – A′), lyrisch geschlossene Bogenform mit Steigerungswelle zur Mitte
Entstehung & Kontext
Rachmaninow komponierte die 12 Romansy Op. 21 zwischen 1899 und 1902 parallel zur 2. Klaviersonate. „Сирень“ steht innerhalb der Sammlung als Moment intimer Lyrik: keine Drama-Gestik, sondern duftende Atmosphäre. Der Komponist spielte dieses Lied häufig selbst am Klavier – später entstand eine beliebte Solotranskription (1915), die den duftenden Atem in reine Klangbewegung überträgt.
Aufführungspraxis & Rezeption
Gesang: Lyrisch-ruhiger Ton, leicht ansteigende Bögen ohne Druck. Das russische „y“ und „i“ weich verbunden; Vibrato sparsam – die Linie atmet.
Klavier: Flirrende Triolen als Duftteppich; Pedal reich, aber nicht verschwommen. Rachmaninows eigene Aufnahme (1923) zeigt eine transparente, fast harfenhafte Artikulation.
Rezeption: „Сирень“ gehört zu den meistaufgeführten russischen Liedern überhaupt und existiert in zahlreichen Bearbeitungen – u. a. für Orchester und für Klavier solo vom Komponisten selbst.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Elisabeth Schwarzkopf / Gerald Moore
- Anna Netrebko / Daniel Barenboim
- Dmitri Hvorostovsky / Ivari Ilja
- Sergei Rachmaninow (Klavier Solo-Transkription)
Analyse – Musik
Das Lied steht auf einer ostinaten Triolenfigur im Klavier, die den Fliederduft malerisch andeutet. Darüber entfaltet sich eine kantable, quintfallende Melodie in zartem pianissimo. Die harmonische Sprache ist reich an chromatischen Rückungen (II–V–I Sequenzen), die eine traumhafte Bewegung ohne Schwere schaffen. Der Mittelteil führt kurz nach cis-Moll – ein Schattenmoment – bevor die Es-Dur-Helligkeit sanft zurückkehrt.
Analyse – Dichtung
Beketovas Text beschreibt kein Ereignis, sondern einen duftenden Zustand – eine Metapher für Erinnerung und Frieden. Die Sprache schwebt zwischen Außenbild („Garten“, „Schatten“, „Duft“) und Innenempfindung. Rachmaninow verwandelt dies in eine Lyrik der Stille – Sehnsucht ohne Schmerz, Erinnerung ohne Verlust.
Aussage & Wirkung
„Сирень“ ist kein Liebeslied im engen Sinn, sondern eine Meditation über Wahrnehmung und Gegenwart. Wie in „Morgen!“ von Strauss verwandelt sich Natur in inneren Klang. Rachmaninow zeigt hier seine feinste Seite: Stille, Licht und Duft werden zu Musik.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Evgenia Fölsche interpretiert das Lied mit zarter Balance zwischen Atem und Linie: Die Begleitfiguren schimmern wie Licht im Laub, die Stimme bewahrt eine innere Ruhe – duftend, nicht sentimental.
Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen
FAQ – Rachmaninow: „Сирень“ / „Die Flieder“ Op. 21 Nr. 5
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Zu welchem Zyklus gehört „Сирень“?
Zum Liederzyklus 12 Romansy Op. 21 (1902), Nr. 5.
Welche Tonart und Stimmung prägen das Lied?
Es-Dur, Dolce tranquillo – eine träumende, leichte Klangfarbe ohne dramatische Höhepunkte.
Gibt es eine Klavierfassung ohne Gesang?
Ja – Rachmaninow selbst transkribierte das Lied 1915 für Klavier solo (op. 21 Nr. 5a). Diese Version ist ebenfalls berühmt.