Franz Schubert: Gretchen am Spinnrade
„Gretchen am Spinnrade“, Op. 2, D 118, ist Schuberts frühes Meisterstück nach Goethes Faust I (Gretchens Monolog am Spinnrad). Das kreisende Begleitbild des Klaviers formt das Spinnrad – unablässig treibend – und lässt die Stimme zwischen Bekenntnis, Sehnsucht und fiebriger Ekstase aufglühen. Am Höhepunkt zerreißt die Mechanik für einen Moment – und stürzt danach in die atemlose Kreisbewegung zurück.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Goethe - Faust, Der Tragödie erster Teil)
Meine Ruh’ ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht hab’,
Ist mir das Grab
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.
Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
Meine Ruh’ ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Nach ihm nur schau’ ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh’ ich
Aus dem Haus.
Sein hoher Gang,
Sein edle Gestalt,
Seiner Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,
Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach! sein Kuß!
Meine Ruh’ ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ach dürft’ ich fassen
Und halten ihn!
Und küssen ihn,
So wie ich wollt’,
An seinen Küssen
Vergehen sollt’!
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
- Opus/Titel: Gretchen am Spinnrade Op. 2, D 118
- Textvorlage: Johann Wolfgang von Goethe, Faust I
- Komposition: 1814 (Wien)
- Tonart / Takt / Tempo: meist d-Moll (Ausgaben/Transpositionen gängig), 6/8, fließend-bewegt
- Dauer: ca. 3–4 Minuten
- Besetzung: Singstimme und Klavier
- Form: durchkomponiert (ohne wiederkehrende Strophenform), mit Rückkehr der Klageformel „Meine Ruh’ ist hin …“
Daten zum Vers
- Autor: Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
- Gattung: Monologlied (Auszug aus Faust, der Tragödie erster Teil, Gretchens Stube, Gretchen am Spinnrade allein)
- Stilmittel: Refrainformel, Anaphern („und …“), Synästhesien („Zauberfluss“), Steigerungsreihen (Gang–Gestalt–Lächeln–Augen–Rede–Kuss)
Entstehung & Kontext
Schubert komponierte das Lied als 17-Jähriger – ein frappierendes Beispiel jugendlicher dramatischer Begabung. Die ikonische Klavierfigur (rechte Hand: rotierende Sechzehntel, linke Hand: Puls/Tretbewegung) übersetzt die Bühnenrequisite Spinnrad in Musik und schafft eine psychologische Motorik, die Text und Szene zusammenschweißt.
Der Erfolg des Liedes prägte früh Schuberts Ruf als Liedkomponist: Textdarstellung als Klanghandlung – nicht Illustration, sondern Identifikation von Innenwelt und Außenbild.
Aufführungspraxis & Rezeption
Puls & Diktion: kontinuierlicher 6/8-Kreis ohne Eile; Silben klar, Konsonanten weich gebunden. Atembögen so setzen, dass der „Spinnrad“-Fluss ununterbrochen wirkt – die Stimme „denkt“ gegen die Mechanik an.
Klavierbild: die Sechzehntel der rechten Hand sind Textur, nicht virtuos zur Schau; linke Hand federnd (Pedal schlank). Am Kulminationspunkt („sein Kuss!“) darf die Mechanik kurz weichen, bevor sie wieder anspringt.
Rezeption: Kanonisches Goethe-Lied; oft als Lehrstück für lieddramatisches Atmen, Klangbalance und Textdeklamation programmatisch eingesetzt.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Elly Ameling – Dalton Baldwin
- Barbara Bonney – Geoffrey Parsons
- Jessye Norman – Phillip Moll
- Ian Bostridge – Julius Drake
- Christoph Prégardien – Michael Gees
Analyse – Musik
Spinnrad-Gestik & Atem
Die rechte Hand malt das Rad (kreisende Sechzehntel), die linke den Tritt (punktierte Achtel/Grundschläge). Diese Mechanik erzeugt die innere Unruhe, gegen die die Stimme anredet. Phrasenenden sind bewusst kurz gehalten – Gretchens Atem stockt.
Dramaturgie & Kulmination
Textlich-musikalische Steigerung von Beschreibung zu Beschwörung: Von „Ruh’ ist hin“ über idealisierte Attribute („Gang“, „Gestalt“) bis zur sinnlichen Zuspitzung („Kuss“). Am Höhepunkt bricht die Begleitmechanik auf: harmonische Glut, größere Notenwerte, anschließender Absturz zurück in die kreisende Textur – Sucht nach Ruhe bleibt unerfüllt.
Analyse – Dichtung
Das Gedicht „Gretchen am Spinnrade“ von Johann Wolfgang von Goethe bildet einen der eindringlichsten inneren Monologe der deutschen Literatur. In Franz Schuberts Vertonung wird es zu einem Schlüsselwerk des romantischen Liedes. Der Text zeigt Gretchen in radikaler Selbstversenkung: Alle Wahrnehmung der Außenwelt ist aufgehoben, das Denken kreist ausschließlich um die abwesende Geliebtenfigur Faust.
Gleich zu Beginn wird Gretchens innerer Zustand unmissverständlich formuliert:
Meine Ruh’ ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Die Wiederholung einfacher, elementarer Aussagen verleiht dem Text eine obsessive Eindringlichkeit. Ruhe und innere Ordnung sind unwiederbringlich verloren. Das Ich ist vollständig von einem einzigen Gefühl besetzt, das keinen Ausweg mehr kennt.
In der zweiten Strophe weitet sich dieses Empfinden ins Totale:
Wo ich ihn nicht hab’,
Ist mir das Grab;
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.
Die Welt existiert nur noch in Relation zur geliebten Person. Abwesenheit wird mit Tod gleichgesetzt, die Realität verliert ihren Sinn. Liebe erscheint hier nicht als bereichernde Kraft, sondern als existenzielle Abhängigkeit.
Die folgende Strophe beschreibt den inneren Zerfall:
Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
Gretchen erlebt ihre Leidenschaft als Zerstörung geistiger Ordnung. Denken und Empfinden sind fragmentiert, der Verstand hat keine lenkende Kraft mehr. Die Rückkehr der Eingangszeilen verstärkt den Eindruck des Kreisens ohne Fortschritt.
Danach richtet sich der Blick nach außen – jedoch ausschließlich in Erwartung Fausts:
Nach ihm nur schau’ ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh’ ich
Aus dem Haus.
Alle Handlungen sind funktionalisiert. Gretchen lebt nicht mehr eigenständig, sondern nur noch im Modus des Wartens. Raum und Bewegung verlieren ihre Autonomie und dienen allein der Hoffnung auf Begegnung.
In der folgenden Strophe steigert sich die Erinnerung zur idealisierten Liebesvision:
Sein hoher Gang,
Sein edle Gestalt,
Seiner Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,
Faust erscheint als überwältigende Erscheinung. Körper, Blick und Sprache besitzen „Gewalt“ – eine Wortwahl, die bereits auf Gretchens Unterworfenheit verweist. Liebe und Macht sind untrennbar verschränkt.
Die Sinnlichkeit kulminiert im Kuss:
Sein Händedruck,
Und ach! sein Kuß!
Der Ausruf „ach!“ markiert den emotionalen Höhepunkt. Erinnerung wird körperlich, das Begehren drängt sich unmittelbar in die Sprache.
Die Schlussstrophen geben diesem Begehren eine gefährliche Radikalität:
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ach dürft’ ich fassen
Und halten ihn!
Liebe erscheint nun als unwiderstehlicher Trieb. Der Wunsch nach körperlicher Vereinigung verdrängt jede moralische oder gesellschaftliche Grenze.
Der letzte Wunsch steigert sich zur Selbstauflösung:
Und küssen ihn,
So wie ich wollt’,
An seinen Küssen
Vergehen sollt’!
Das Vergehen im Kuss verbindet erotische Erfüllung und Todessehnsucht. Liebe wird zur totalen Hingabe, die kein Weiterleben mehr kennt.
Aussage & Wirkung
„Gretchen am Spinnrade“ zeigt Liebe nicht als harmonisches Ideal, sondern als zerstörerische Macht. Gretchen verliert durch ihre Leidenschaft Autonomie, Weltbezug und Identität. Die Geliebte existiert nur noch im Spiegel des Begehrens.
Goethes Text ist dabei radikal subjektiv: Es gibt keine kommentierende Distanz, keine moralische Einordnung. Der Leser ist unmittelbar in Gretchens innere Bewegung eingeschlossen. Gerade diese Unmittelbarkeit macht den Text psychologisch modern.
In Schuberts Vertonung wird dieser innere Kreislauf musikalisch verstärkt: Das unablässige Drehen des Spinnrades und der pochende Herzrhythmus lassen keinen Stillstand zu. Text und Musik bilden eine Einheit aus obsessiver Wiederholung und innerer Getriebenheit.
So wird „Gretchen am Spinnrade“ zu einer der eindrucksvollsten Darstellungen leidenschaftlicher Selbstaufgabe in der Liedgeschichte – ein frühes Meisterwerk, das Liebe als existenzielle Grenzerfahrung erfahrbar macht.
Konzertanfrage
Der Musensohn von Franz Schubert gehört zum Liedrepertoire von Evgenia Fölsche und wird regelmäßig in Zusammenarbeit mit renommierten Sängern aufgeführt. Konzertprogramme können flexibel gestaltet und auf verschiedene Besetzungen abgestimmt werden.
Evgenia Fölsche hat unter anderem mit Maria Nazarova zusammengearbeitet, die Gretchen am Spinnrade in ihrem Repertoire führt.
Konzertanfrage sendenIm folgenden Video interpretiert Evgenia Fölsche Franz Schuberts „Gretchen am Spinnrade“ in der Klavierbearbeitung von Franz Liszt.
Franz Liszt: Klaviertranskription von „Gretchen am Spinnrade“ – Rezeption & Transformation
Die Rezeptionsgeschichte von Franz Schuberts „Gretchen am Spinnrade“ D 118 zeigt sich besonders deutlich in der Klaviertranskription von Franz Liszt. Mit ihr wird das Lied aus dem ursprünglichen Rahmen von Singstimme und Klavier in den Raum des virtuosen Klavierrezitals überführt – ohne dass der psychologische Kern des Werkes verloren geht: das kreisende Denken, das sich in der unablässigen Bewegung des Spinnrades spiegelt.
Werkdaten & Fassungen
- Vorlage: Franz Schubert (1797–1828), „Gretchen am Spinnrade“ D 118 (1814)
- Bearbeitung: Franz Liszt (1811–1886), Klavier solo (Transkription im Kontext der Schubert-Lied-Bearbeitungen)
- Charakter: Erweiterter Klaviersatz, verdichtete Klangschichtung, größere Kulminationen
- Dauer: ca. 5–7 Minuten (tempo- und rubatoabhängig; teils mit Ossia-Stellen)
Was Liszt übernimmt – und was er verändert
Im Original bilden Stimme und Klavier ein dramatisches Spannungsverhältnis: Das Klavier erzeugt die Mechanik des Spinnrades (kreisende Figur rechts, Tretpuls links), während die Stimme „gegen“ diese Bewegung anredet. Liszt überträgt die vokale Linie vollständig auf das Klavier und macht das Instrument selbst zum singenden Subjekt.
Das Spinnradmotiv bleibt das Zentrum der Textur, wird jedoch in klavieridiomatische Figurationen geweitet: Die Kreisbewegung leuchtet glitzernder, die Register werden ausgedehnt, die Dynamik dramatischer modelliert. Dadurch entsteht weniger der Eindruck einer bloßen Übertragung als vielmehr einer Interpretation: Gretchen erscheint als innerer Monolog, der sich ausschließlich im Klang artikuliert.
Besonders in der Steigerungszone arbeitet Liszt mit Verdichtung (mehrstimmige Schichtung, Oktavverdopplungen, registerweite Arpeggien) und mit plötzlicher Entspannung danach – die Mechanik „steht“ jedoch nie wirklich still: Der Kreis wird höchstens kurz „angehalten“, um danach umso zwingender zurückzukehren.
Aufführungspraxis (Klavier)
- Motorik: Die Kreisfigur muss gleichmäßig wirken, aber elastisch bleiben. Handgelenk- und Unterarmflexibilität sind entscheidend, damit das Ostinato nicht hart wird.
- Voicing: Die Melodie braucht ein gesungenes Legato über der Textur – dolce ma espressivo. Das Ostinato bleibt weich und „unter“ der Linie.
- Pedal: Eher klar als üppig: feines Wechsel- oder Halbpedal, damit die Figur nicht verschwimmt. Glanz entsteht durch Klangmischung, nicht durch Überpedalisierung.
- Rubato: In Kulminationen weiten (Atem-Illusion), danach rasch zum Grundpuls zurück – das Spinnrad bleibt das psychologische „Raster“.
- Ossia/Technikplanung: Lagenwechsel, Repetitionen und Läufe früh fingern; Ziel ist dramatische Stringenz statt äußerer Virtuosenpose.
So dokumentiert Liszts Transkription eindrucksvoll, wie Schuberts frühes Lied über seinen ursprünglichen Gattungsrahmen hinauswirkte: als psychologisches Klangbild, das auch ohne Worte die obsessive Kraft von Gretchens innerem Monolog erfahrbar macht.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche hält die Kreisfigur elastisch und transparent; die Stimme führt sprechnahe Bögen mit kontrollierter Ekstase. Der Kulminationsmoment („sein Kuss!“) leuchtet kurz und fällt in die Mechanik zurück – keine Sentimentalität, sondern Atemnot.
Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen
Häufige Fragen zu Schubert: „Gretchen am Spinnrade“ Op. 2 (D 118)
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Welche formale Anlage hat das Lied?
Es ist durchkomponiert – mit wiederkehrender Klageformel, aber ohne strophische Wiederholung.
Wodurch entsteht das Spinnrad-Gefühl im Klavier?
Rechte Hand: ununterbrochene Sechzehntel (Rad); linke Hand: pulsierende Achtel (Tretbewegung) – zusammen ein kreisender 6/8-Flow.
In welcher Tonart wird das Lied häufig gesungen?
Oft in d-Moll; es existieren Ausgaben und Transpositionen für verschiedene Lagen.