Franz Schubert: Nacht und Träume
„Nacht und Träume“, Op. 43/2, D 827, ist eine der konzentriertesten Nacht-Miniaturen Franz Schuberts auf einen Text von Matthäus von Collin. In äußerster Langsamkeit entfalten Singstimme und Klavier eine kontemplative Ruhe – kaum Bewegung, reines Leuchten. Die Musik wirkt wie ein Atem in Zeitlupe: ein einziges, sanftes Anschwellen und Verlöschen.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Matthäus von Collin)
Gedicht „Nachtfeyer“ – Matthäus von Collin
Heil`ge Nacht, du sinkest nieder;
Nieder wallen auch die Träume,
Wie dein Licht durch diese Bäume,
(Schubert: Wie dein Mondlicht durch die Räume)
Lieblich durch der Menschen Brust;
(Schubert: Durch der Menschen stille Brust;)
Die belauschen sie mit Lust;
Rufen, wenn der Tag erwacht:
Kehre wieder, heil`ge Nacht!
Holde Träume, kehret wieder!
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
- Opus/Titel: Nacht und Träume Op. 43 Nr. 2, D 827
- Textvorlage: Matthäus von Collin (1779–1824)
- Komposition: 1822 (Wien); Erstdruck 1823
- Tonart / Takt / Tempo: häufig H-Dur (Ausgaben/Transpositionen gängig), 4/4, Vortragsangabe sehr langsam, pianissimo
- Dauer: ca. 3–4 Minuten (je nach Tempo)
- Besetzung: Singstimme und Klavier
- Form: durchkomponierte Einteil-Form (8-zeiliger Text), Bogen mit Rückkehrstendenz
Daten zum Vers
- Autor: Matthäus von Collin
- Strophenform: 8 Verse (zwei Vierergruppen), ruhiger, periodischer Fluss
- Stilmittel: Apostrophe („heilge Nacht“), Vergleich/Metapher (Mondlicht/Träume), Alliteration/Assonanz, Antithese (Nacht/Tag)
Entstehung & Kontext
Schubert schrieb das Lied 1822. Im Unterschied zu vielen erzählenden Liedern setzt er hier auf maximale Reduktion: statische Zeit, innere Bewegung. Das Nacht-Stück steht in einer Reihe meditativer Lieder, in denen Schubert kontemplative Klangflächen und feinste dynamische Schattierungen erprobt.
Der Text von Collin gehört zu den oft vertonten Nachtgedichten des frühen 19. Jahrhunderts; Schuberts Fassung ist durch ihre asketische Ruhe und den „Atem“-Bogen paradigmatisch geworden.
Aufführungspraxis & Rezeption
Puls & Diktion: extrem ruhiger Viertelpuls; Silben weich gebunden, Konsonanten ohne Härte. Luftführung gleichmäßig – pianissimo bei tragfähiger Resonanz.
Klavierbild: ruhige, gleichmäßige Zerlegungen/Akkordfelder als Klangteppich; Pedal schlank und kontinuierlich erneuert (ggf. una corda), damit die Harmonie schwebt, ohne zu verschwimmen.
Rezeption: Kanonische Nacht-Miniatur; häufig als leiser Schluss- oder Ruhepunkt programmiert.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Elisabeth Schwarzkopf – Edwin Fischer / Gerald Moore
- Dietrich Fischer-Dieskau – Gerald Moore
- Ian Bostridge – Julius Drake / Mitsuko Uchida
- Barbara Bonney – Geoffrey Parsons
Analyse – Musik
Klangfläche, Atem & Zeit
Der Satz vermeidet motorische Impulse: Das Klavier bildet eine ruhende Fläche, über der die Stimme in langen Bögen schwebt. Dynamik als Mikrobewegung (Cresc./Dim.) modelliert den Text – die Form entsteht aus Atem und Farbe, nicht aus Rhythmus.
Harmonische Schwebung
Die Harmonik bleibt nah am Grundtonraum, mit wenigen, dafür prägnanten Färbungen (Zwischendominanten, Subdominant-Leuchtpunkte). Die Rückkehrformeln („kehre wieder“) erhalten ein sanftes Aufglimmen, das sofort wieder verlöscht – Nachtszene ohne Pathos.
Analyse – Dichtung
Das Lied „Nacht und Träume“ von :contentReference[oaicite:0]{index=0} basiert auf dem Gedicht „Nachtfeyer“ von :contentReference[oaicite:1]{index=1}. Es gehört zu den stillsten und entrücktesten Liedern Schuberts und entzieht sich weitgehend dramatischer Entwicklung. Statt innerer Bewegung herrscht hier Sammlung, Ruhe und eine fast zeitlose Versenkung.
Bereits die erste Zeile etabliert den feierlich-sakralen Ton:
Heil’ge Nacht, du sinkest nieder;
Nieder wallen auch die Träume,
Die Nacht wird als „heilig“ angerufen und erhält damit eine quasi religiöse Qualität. Ihr Herabsinken geschieht sanft und gleichmäßig, parallel zum „Wallen“ der Träume. Außenwelt und Innenwelt bewegen sich synchron: Mit der Nacht senkt sich auch der seelische Zustand des Menschen.
In den folgenden Versen verbindet sich das Nachtbild mit Licht:
Wie dein Licht durch diese Bäume,
(Schubert: Wie dein Mondlicht durch die Räume)
Lieblich durch der Menschen stille Brust;
Schubert ersetzt das Licht der Natur durch das Mondlicht im Innenraum. Damit wird der Vorgang noch stärker verinnerlicht: Die Nacht wirkt nicht draußen, sondern dringt in die „stille Brust“ ein. Träume erscheinen als leise, durchscheinende Kräfte, die das Innere des Menschen erhellen, ohne es zu stören.
Die Menschen begegnen diesen Träumen nicht aktiv, sondern lauschend:
Die belauschen sie mit Lust;
Das Lauschen verweist auf eine Haltung der Hingabe. Träume werden nicht erzeugt, sondern empfangen. Die Lust ist still, nicht sinnlich aufgewühlt, sondern kontemplativ. Nacht und Traum ermöglichen eine Form des inneren Einklangs, der dem Tagesbewusstsein verschlossen bleibt.
Mit dem Erwachen des Tages tritt ein Verlust ein:
Rufen, wenn der Tag erwacht:
Kehre wieder, heil’ge Nacht!
Der Tag erscheint hier nicht als Erfüllung, sondern als Störung. Mit ihm endet der Zustand innerer Sammlung. Der Ruf nach der Nacht ist kein Ausdruck von Angst vor dem Licht, sondern Sehnsucht nach der verlorenen Tiefe.
Die Schlusszeile verstärkt diesen Wunsch:
Holde Träume, kehret wieder!
Träume werden als „hold“ bezeichnet – freundlich, mild, tröstend. Sie stehen für eine innere Wahrheit, die im wachen Zustand nicht verfügbar ist. Das Gedicht endet nicht mit Lösung, sondern mit Bitte und Wiederholungswunsch.
Formal ist der Text schlicht gebaut, mit weichen Lautfolgen und gleichmäßiger Rhythmik. Wiederholungen und Anrufungen erzeugen eine meditative Kreisbewegung statt eines dramatischen Verlaufs.
Aussage & Einordnung
„Nacht und Träume“ entwirft eine Gegenwelt zum aktiven, zielgerichteten Tagesleben. Die Nacht steht für Sammlung, Innigkeit und ein seelisches Gleichgewicht, das nicht durch Handlung, sondern durch Hingabe entsteht.
Im Unterschied zu vielen anderen Schubert-Liedern fehlt hier Konflikt, Leidenschaft oder äußere Bewegung. Sehnsucht äußert sich nicht als Drängen, sondern als leiser Wunsch nach Wiederkehr eines inneren Zustands.
Innerhalb von Schuberts Liedschaffen nimmt das Werk eine Sonderstellung ein: Es gehört zu jenen Liedern, in denen Zeit nahezu aufgehoben scheint. Musik und Text erzeugen gemeinsam einen Zustand des Innehaltens, der an Gebet oder Meditation erinnert.
So wird „Nacht und Träume“ zur poetischen Vision einer idealen Innerlichkeit. Nacht und Traum sind nicht Flucht, sondern Rückbindung an eine stille, schützende Tiefe des menschlichen Daseins – ein leiser Gegenpol zu Unruhe, Leidenschaft und Weltverlust in vielen anderen Liedern Schuberts.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche hält die Klangfläche federnd-transparent; die Stimme führt lange, ruhige Bögen mit feinsten Crescendi. Der Schluss ruht im kaum hörbaren Diminuendo – ein Verlöschen statt eines „Schlusses“.
Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen
Häufige Fragen zu Schubert: „Nacht und Träume“ Op. 43/2 (D 827)
Klicken Sie auf eine Frage, um die Antwort einzublenden.
Wer schrieb den Text zu „Nacht und Träume“?
Matthäus von Collin (1779–1824).
Welche Angaben macht Schubert zu Tempo und Dynamik?
Sehr langsam, überwiegend pianissimo – getragen, ohne zu stocken.
Welche Tonart wird häufig verwendet?
Oft H-Dur (mit üblichen Transpositionen für verschiedene Stimmfächer).