Franz Schubert: Drei Klavierstücke

Symbolische Darstellung zu Schuberts "Drei Klavierstücke". Wiesenlandschaft mit wegen die manchmal eine Abzweigung haben, ziellos verlaufen und teils einfach im Gras enden.
Autorin: Evgenia Fölsche

Franz Schubert: Drei Klavierstücke D 946 (Mai 1828) gehören zu den reifsten Zeugnissen seines späten Klavierschaffens. Sie entstanden wenige Monate vor seinem Tod und verbinden formale Freiheit mit melodischer Klarheit, innigem Ausdruck und pianistischem Glanz. Ursprünglich als mögliche „Dritte Impromptus“ konzipiert, gelten sie heute als eigenständiger Zyklus, der Schuberts späten Stil in exemplarischer Weise zeigt. Gerade im Wechsel von konzentrierter Bewegung, liedhaftem Gesang und überraschender Harmonik offenbart sich eine Musik, die weniger „erzählt“ als Zeit erfahrbar macht.

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Franz Schubert (1797 – 1828)
  • Titel: Drei Klavierstücke D 946
  • Entstehung: Mai 1828 (Wien)
  • Veröffentlichung: Postum 1868 durch Johannes Brahms (bei Haslinger)
  • Widmung: nicht bekannt
  • Dauer: ca. 25–30 Minuten (gesamter Zyklus)
  • Tonarten: E♭-Moll / E♭-Dur · Es-Dur / Cis-Moll · C-Dur / A-Dur

Schubert komponierte die drei Stücke wahrscheinlich als Nachfolger der Impromptus D 935. Jedes Stück steht formal und charakterlich für sich, doch gemeinsam bilden sie eine große poetische Trilogie, in der sich Melancholie, Leidenschaft und heitere Versöhnung abwechseln. Für viele Pianistinnen und Pianisten sind die Stücke zudem ein Schlüssel zum Verständnis von Schuberts Spätstil: große Form aus kleinen Zellen, weit gespannter Atem ohne äußere Effekte und eine Harmonik, die scheinbar mühelos zwischen Licht und Schatten wechselt.

Obwohl Schubert sie unbetitelt hinterließ, besitzen die Drei Klavierstücke eine geschlossene Wirkung: nicht als „Zyklus“ im strengen Sinne, sondern als Folge von drei Perspektiven auf dieselbe klangliche Welt. Gerade dieser offene Zusammenhang macht das Werk für Konzertprogramme attraktiv – als eigener Block, aber auch als Ergänzung zu Sonaten oder Impromptus.

Analyse & Form

Nr. 1 in E♭-Moll / E♭-Dur

Sonaten-ähnliche Großform (A–B–A–Coda). Das leidenschaftliche Hauptthema in Sechzehntelbewegung kontrastiert mit einem lyrisch-ruhigen Seitengedanken in E♭-Dur. Der Mittelteil bricht in c-Moll auf, bevor die Reprise und Coda den Bogen schließen. Charakteristisch ist das Spannungsfeld zwischen drängender Motorik und plötzlicher Weitung: Schubert lässt die Musik vorwärtsgehen, ohne ein eindeutiges Ziel zu behaupten – ein „Unterwegssein“ in der Form selbst.

Pianistisch ist die Herausforderung weniger die Virtuosität an sich als die Transparenz in der Bewegung: selbst in dichten Passagen müssen Bass, Mittelstimmen und Oberstimme klar unterscheidbar bleiben. Wer den Wechsel zwischen Energie und lyrischem Nachgeben sorgfältig ausbalanciert, hört in diesem Stück eine große dramatische Kurve – jedoch ohne triumphalen Schluss, eher als Abschluss einer inneren Argumentation.

Nr. 2 in Es-Dur / Cis-Moll

Liedhafte Rondoform (A–B–A–C–A). Das singende Thema trägt schlichte Anmut, während die beiden Episoden plötzliche Dramatik und tief chromatische Schattierungen einführen. Die harmonische Kühnheit des Cis-Moll-Mittelteils weist weit über die Zeit hinaus. Besonders reizvoll ist die Art, wie Schubert „Gesang“ auf dem Klavier komponiert: Die Melodie wirkt selbstverständlich, doch die Begleitung verändert permanent Farbe und Gewicht.

Interpretatorisch lohnt es sich, die Wiederkehr des A-Teils nicht als bloße Wiederholung zu behandeln, sondern als veränderte Rückkehr: Nach den dunkleren Episoden klingt derselbe Gesang anders – heller, verletzlicher oder (je nach Lesart) gelassener. Genau diese Mehrdeutigkeit macht das zweite Stück zum poetischen Zentrum der Trilogie.

Nr. 3 in C-Dur / A-Dur

Bewegte Rondoform (Allegro – Trio – Rückkehr). Das spielerische Außen-Thema im 6/8-Takt erinnert an eine ungarische Tanzfigur, das Trio in A-Dur bringt cantabile Ruhe. Die Coda schließt leicht, fast heiter – ein Abschied ohne Tragik. Hinter der Leichtigkeit liegt jedoch große Kunst: Der rhythmische Schwung darf nie mechanisch wirken, sondern braucht federnden Atem.

Im Trio zeigt sich erneut Schuberts Fähigkeit, mit minimalen Mitteln eine andere Welt zu öffnen: weniger Kontrast durch Lautstärke als durch Klangfarbe und Stimmführung. So entsteht ein Finale, das nicht „siegt“, sondern sich einfach – fast beiläufig – verabschiedet.

Charakter & Ausdruck

Schuberts spätes Klavierschaffen zeigt hier eine neue Balance zwischen innerem Monolog und lyrischer Erzählung. Die Drei Klavierstücke wirken wie Miniaturen von Seelenzuständen – vom Dunkel zum Licht. Sie vereinen Beethoven’sche Dramatik, Liedhaftigkeit und Formfreiheit auf höchstem Niveau.

Zugleich sind sie typisch Schubert, gerade in dem, was nicht ausgestellt wird: Die Musik sucht selten die große Geste, sondern gewinnt Intensität aus Dauer, Wiederkehr und feiner Veränderung. Man hört eine Sprache, die sich ständig bewegt und doch immer wieder innehält – nicht als Effekt, sondern als natürliche Folge der Phrasierung. So entsteht ein Ausdruck, der auf dem Klavier zugleich kammermusikalisch und orchestral wirken kann, ohne die intime Grundhaltung zu verlieren.

Aufführung & Interpretation

  • Klang: Kammermusikalische Transparenz statt orchestraler Wucht; Schubert lebt von Schichtung, nicht von Druck.
  • Tempo: Flexibel mit natürlichem Atem; Tempo rubato im Dienst der Phrasierung, nie als Selbstzweck.
  • Pedal: Zurückhaltend, differenziert nach Harmonie; halbes Pedal für Klarheit in gebrochenen Akkorden und schnellen Figurationen.
  • Formgefühl: Beachten Sie die Bögen – jede Episode hat Eigenleben und muss doch Teil des Gesamtbogens bleiben.

Praktisch bedeutet das: Die großen Linien entstehen aus kleinen Entscheidungen – Artikulation, Stimmgewicht, Atempausen. Wer Schubert zu stark „dramatisiert“, verliert die Weite; wer ihn zu neutral spielt, verliert die Spannung. Gerade in D 946 lohnt sich die Arbeit an Übergängen: Wie ein Abschnitt in den nächsten gleitet, ist oft wichtiger als der Abschnitt selbst.

Evgenia Fölsche – Aufführung

Evgenia Fölsche interpretiert die Drei Klavierstücke D 946 als poetische Erzählung: sie betont die dynamischen Kontraste und das sängerische Legato, das Schubert aus dem Lied ins Klavier überträgt. Ihre Lesart konzentriert sich auf transparente Stimmführung und ein fein nuanciertes Klangbild.

Im Mittelpunkt steht dabei ein natürlicher Form-Atem: Die Musik darf fließen, doch an Schlüsselstellen wird die Struktur klar hörbar – etwa durch gezielte Artikulation, dezente agogische Akzente und sorgfältig abgestufte Klangfarben. So entsteht eine Interpretation, die weder „romantisch aufträgt“ noch nüchtern distanziert bleibt, sondern Schuberts Sprache aus der Partitur heraus sprechen lässt.

Konzertanfrage

Die drei Klavierstücke von Franz Schubert sind Teil des Repertoires von Evgenia Fölsche und wird gerne im Rahmen von Konzertengagements aufgeführt. Für Programmvorschläge, Terminabsprachen und Engagement-Anfragen nehmen Sie bitte Kontakt auf.

Auf Wunsch sind auch Programme möglich, die Schuberts späte Klavierwerke in einen größeren Kontext stellen – etwa mit ausgewählten Impromptus, Lied-Transkriptionen oder einem Schwerpunkt „Spätstil“.

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FAQ – Schubert: Drei Klavierstücke D 946

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Sind die Stücke Teil der Impromptus?

Wahrscheinlich ja – Schubert plante sie zunächst als dritten Impromptus-Zyklus, ließ sie aber unbetitelt zurück. Brahms gab ihnen später die heutige Nummerierung D 946. In der Aufführungspraxis werden sie heute meist als eigenständige Dreiergruppe gespielt.

Wie lang sind die einzelnen Stücke?

Nr. 1: ca. 10 Minuten · Nr. 2: 8–9 Minuten · Nr. 3: 6–8 Minuten (je nach Tempo und Wiederholungen). Insgesamt ergeben sich meist 25–30 Minuten.

Wie schwer sind die Drei Klavierstücke D 946?

Mittel bis gehoben – vergleichbar mit den Impromptus D 899/D 935; die technischen Schwierigkeiten liegen vor allem in Transparenz, Pedal-Kultur und Stimmführung. Häufig sind die interpretatorischen Anforderungen anspruchsvoller als die reine Fingertechnik.

Wie steht das Werk im Verhältnis zu Schuberts später Sonate in B-Dur D 960?

Beide entstanden im letzten Lebensjahr und teilen die lyrisch-epische Grundhaltung sowie den weiten Form-Atem – die Klavierstücke sind gleichsam „Miniatur-Sonaten“. Im Gegensatz zur Sonate sind sie konzentrierter und unmittelbarer, öffnen aber dieselbe späte Klangwelt.

Gibt es eine empfohlene Reihenfolge oder kann man einzelne Stücke auch separat spielen?

Die Reihenfolge 1–2–3 hat sich etabliert und wirkt dramaturgisch schlüssig. Dennoch lassen sich einzelne Stücke – besonders Nr. 2 oder Nr. 3 – auch separat in Programmen platzieren, sofern der Kontext stimmt (z. B. neben Impromptus oder Sonatensätzen).

Quellenverzeichnis

  1. IMSLP – Drei Klavierstücke D 946 (Schubert, Franz): Autograph, Erstausgabe (Brahms 1868), Werkbeschreibung.
  2. Neue Schubert-Ausgabe – Serie VII, Band 2 (Henle / Bärenreiter): kritischer Kommentar zu D 946.
  3. Grove Music Online – Artikel „Schubert, Franz – Piano Music“ (Abschnitt D 946).