Clara Schumann: Die Loreley
„Die Loreley (Lorelei)“, KochS WoO 19, ist Clara Schumanns dramatischste Heine-Vertonung: der Blick auf den Rhein, das unheimliche Schimmern – und der Gesang, der ins Verderben lockt. In g-Moll, 12/8 und mit der Vortragsangabe Schnell treibt ein unruhiger Wellenpuls die Erzählung voran. Das Lied ist durchkomponiert: wiederkehrende Motive (Wasser, Lockgesang) verbinden die Strophen zu einer steigenden Szene.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Heinrich Heine – moderne Orthographie)
Gedicht „Die Loreley“ – Heinrich Heine
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin;
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
und ruhig fließt der Rhein;
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar,
ihr gold’nes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei;
das hat eine wundersame,
gewalt’ge Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh;
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh’.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
am Ende Schiffer und Kahn;
und das hat mit ihrem Singen
die Loreley getan.
Orthographie behutsam modernisiert (Interpunktion/Apostroph dem heutigen Abdruck angenähert); Wortlaut nach gängigen Ausgaben.
Werkdaten & Überblick
- Komponistin: Clara Schumann (1819–1896)
- Werk: Die Loreley (Lorelei), KochS WoO 19 (ohne Opuszahl)
- Textvorlage: Heinrich Heine (1797–1856), Die Loreley
- Komposition: Juni 1843 (Wien/Leipzig-Umfeld); Erstdruck: 1990 (Breitkopf & Härtel)
- Tonart / Takt / Tempo: g-Moll, 12/8, Vortragsangabe Schnell
- Dauer: ca. 2½–3 Minuten
- Besetzung: Singstimme und Klavier
- Form: durchkomponiert mit motivischer Wiederkehr (Wasserfigur, Lockgesang, Blickpunkte)
Daten zum Vers
- Autor: Heinrich Heine
- Strophenform: 6 Strophen à 4 Verse; einfacher, liedhafter Duktus
- Stilmittel: Volkslied-Ton, Personifikation, szenische Blickführung, dramatische Pointe
Entstehung & Kontext
Claras Vertonung entstand im Juni 1843. Anders als die weithin bekannte Silcher-Fassung (Volkslied-Ton) wählt sie eine dramatische, harmonisch bewegte Erzählweise – näher am Balladen-Charakter der Heine-Strophen. Die späte Veröffentlichung (1990) erklärt die geringere Präsenz im Repertoire gegenüber ihren Opus-Sammlungen Op. 12/13. :contentReference[oaicite:1]{index=1}
Aufführungspraxis & Rezeption
Puls & Diktion: der 12/8-Fluss ist vorwärtsdrängend, jedoch nicht gehetzt; Text klar sprechend, Konsonanten elastisch. Die Strophen staffeln vom staunenden Erzählen zum Unheil.
Klavierbild: wellenartige Figur als Motorik; Bass konturiert Felsen-/Strudelstellen. Pedal schmal, damit die harmonischen Umschläge (Zwischendominanten, Chromatik) leuchten.
Rezeption: Rarität im Konzert, aber wirkungsvolles Gegenstück zu Silcher und zu Roberts Heine-Vertonungen; ersetzt „Volkslied“ durch dramatische Miniatur.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Anne Sofie von Otter – Bengt Forsberg
- Barbara Bonney – Geoffrey Parsons
- Louise Alder – Joseph Middleton
- Golda Schultz – Jonathan Ware
Analyse – Musik
Wasserpuls & Motorik (12/8)
Der durchgehende 12/8-Gestus zeichnet das ruhige Fließen des Rheins; punktierte Antriebe und synkopierte Akzente markieren Funkeln/Felsen. Der vokale Bogen nimmt Heines Wechsel aus Beschreiben und Vision auf – mit klaren Kulminationen auf „wundersame Melodei“ und „Felsenriffe“.
Harmonik & Lockgesang
G-Moll als Grundtrauer; Aufhellungen (B-Dur/Es-Dur) malen das Abendlicht, Rücktrübungen und Chromatik signalisieren Gefahr. Der „Lockgesang“ erhält kurze Leuchtpunkte, die sich unmittelbar verdunkeln – Verführung ohne Entlastung.
Analyse – Dichtung
Heines Ballade entfaltet eine Blickdramaturgie: Beobachtung → Verklärung → Katastrophe. Die letzte Strophe ist eine nüchterne Konsequenzformel („das hat … getan“). Clara übernimmt die Kühle des Schlusses: kein pathetisches Ende, sondern ein ernüchtertes „Ich glaube …“.
Aussage & Wirkung
Clara Schumann transformiert das Volkslied-Narrativ in psychologisches Musiktheater: Das Wasser fließt, die Harmonik warnt – und der Gesang verführt. Ergebnis: eine knappe, hochdramatische Miniatur.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche hält den Wellenpuls geschmeidig; die Stimme zeichnet klare Textkonturen und differenziert den Lockgesang farblich. Der Schluss bleibt kontrolliert – eher Beobachtung als Katastrophenbild.
Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen
Häufige Fragen zu Clara Schumann: „Die Loreley (Lorelei)“ – WoO 19
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Hat das Lied eine Opuszahl?
Nein, es ist ohne Opusnummer und in Kochs Werkverzeichnis als WoO 19 geführt. Komposition Juni 1843, Erstdruck erst 1990 (Breitkopf & Härtel). :contentReference[oaicite:2]{index=2}
Tonart, Takt und Tempo?
g-Moll, 12/8, Vortragsangabe Schnell. :contentReference[oaicite:3]{index=3}
Ist es strophisch?
Nein – durchkomponiert mit motivischen Rückbezügen (Wasser/Lockgesang) zwischen den Strophen.