Franz Schubert: Am See
„Am See“, D 746 („In des Sees Wogenspiele“) ist ein kurzes, schimmerndes Lied Franz Schuberts auf einen Text von Franz von Bruchmann. In barcarollenhaftem 6/8-Schwingen spiegeln sich Sonnenfunken als „Sterne“ im Wellenspiel – Naturbild und Seelenmetapher fallen zusammen. Das Stück wirkt wie ein Miniatur-Retabel: zwei zarte Strophen, leuchtend und schlicht, mit stiller Innerlichkeit.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Franz von Bruchmann – moderne Orthographie)
Gedicht „Am See“ – Franz von Bruchmann
In des Sees Wogenspiele
fallen durch den Sonnenschein
Sterne, ach, gar viele, viele,
flammend leuchtend stets hinein.
Wenn der Mensch zum See geworden,
in der Seele Wogenspiele
fallen aus des Himmels Pforten
Sterne, ach, gar viele, viele.
Orthographie modernisiert; Text nach gängigem Abdruck der Bruchmann-Fassung.
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
- Titel: Am See D 746 („In des Sees Wogenspiele“)
- Textvorlage: Franz von Bruchmann (1798–1867)
- Komposition: 1822/23 (unsicher datiert); Erstdruck 1831
- Tonart / Takt / Tempo: Es-Dur, 6/8, Vortragsangabe mäßig
- Dauer: ca. 2 Minuten
- Besetzung: Singstimme und Klavier (Transpositionen gängig)
- Form: strophisches Lied (2 Strophen) mit feiner agogischer und dynamischer Differenzierung
Daten zum Vers
- Autor: Franz von Bruchmann
- Strophenform: 2 Strophen à 4 Verse; Gleichklang durch Refrainformel „Sterne, ach, gar viele, viele“
- Stilmittel: Metapher (Seele als See), Spiegel-/Lichtbild, Alliteration/Assonanz, Parallelismus
Entstehung & Kontext
Die Entstehung fällt wahrscheinlich in die Jahre 1822/23; der Druck erfolgte erst 1831. Bruchmann gehörte zum engen Freundeskreis Schuberts. Das See-Bild berührt Schuberts Naturmeditationen und steht in Nachbarschaft zu anderen Wasserstücken; der 6/8-Schwingungston erinnert an barcarollenartige Lieder gleichen Ambitus.
Wichtig: „Am See“ D 746 (Bruchmann) ist nicht mit Goethes „Auf dem See“ D 543 zu verwechseln; beide Lieder sind eigenständig und unterscheiden sich deutlich in Textgestus und musikalischer Faktur.
Aufführungspraxis & Rezeption
Puls & Diktion: ruhiges 6/8-Schaukeln (mäßig) mit klarer, weicher Artikulation. Keine „breiten“ Züge – das Fließen bleibt durchsichtig.
Klavierbild: wellenartige Begleitfigur (gleichmäßige Achtel-/Sechzehntelbewegung) als Spiegelgrund; Pedal schlank, damit die Leuchtpunkte („Sterne“) farblich hervorblitzen.
Rezeption: Kurzes, gern programmiertes Ruhebild; häufig in Sammlungen mit Natur- und Wasserliedern.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Felicity Lott – Graham Johnson
- Marlis Petersen – Stephan Matthias Lademann
- Anna Prohaska – Eric Schneider
- Maarten Koningsberger – Bas Verheijden
Analyse – Musik
Barcarolle & Spiegelbild
Der 6/8-Gestus evoziert ein sanftes Schaukeln; die Stimme zeichnet einen ruhigen Bogen über der flirrenden Wassertextur. Die Wiederkehr der Refrainformel („Sterne … viele, viele“) erhält ein leises, staunendes Crescendo – mehr Glanz als Lautstärke.
Harmonische Färbungen
In Es-Dur entfalten kleine Zwischenfärbungen (Zwischendominanten, Sekundvorhalte) das Leuchten der „Sterne“. Die Kadenz bleibt unpathetisch; das Bild endet im ruhigen Grundtonbereich – ein Nachglanz, kein Schlussakkord mit Ausrufungszeichen.
Analyse – Dichtung
Das Gedicht „Am See“ gehört zu den knappsten und zugleich am stärksten verdichteten Texten der Romantik. In nur zwei Strophen entfaltet es ein streng parallel gebautes Bildsystem, das Naturerscheinung und menschliche Existenz nicht psychologisch, sondern ontologisch miteinander verschränkt.
Die erste Strophe beschreibt den See:
In des Sees Wogenspiele
fallen durch den Sonnenschein
Sterne, ach, gar viele, viele,
flammend leuchtend stets hinein.
Der See erscheint als bewegte, aber passive Oberfläche. Die Sterne entstehen nicht aus dem Wasser selbst, sondern fallen von außen in es hinein. Der See handelt nicht, er empfängt. Himmel und Erde, Oben und Unten sind nicht getrennt, sondern durch Spiegelung miteinander verbunden.
Die zweite Strophe überträgt dieses Bild auf den Menschen:
Wenn der Mensch zum See geworden,
in der Seele Wogenspiele
fallen aus des Himmels Pforten
Sterne, ach, gar viele, viele.
Der Mensch wird hier nicht mit dem See verglichen, sondern ist „zum See geworden“. Die Formulierung bezeichnet einen abgeschlossenen Zustand, keinen innerseelischen Vorgang. Das handelnde Ich ist aufgehoben; der Mensch existiert nicht mehr als Subjekt, sondern als durchlässiger Resonanzraum.
Die Wendung „aus des Himmels Pforten“ ist eindeutig christlich konnotiert. Sie bezeichnet nicht einen metaphorischen Erfahrungsraum, sondern eine transzendente Schwelle. Die Sterne erscheinen als Gabe aus einer göttlichen Ordnung, nicht als Produkt menschlicher Wahrnehmung oder Erkenntnis.
Vor dem Hintergrund des streng katholischen Glaubens des Autors ist diese Bildsprache nicht symbolisch offen, sondern theologisch gerahmt. Der Text beschreibt keinen meditativen Seelenzustand im Leben, sondern einen Zustand nach der Auflösung des individuellen Ichs.
Formal wird diese Aussage durch die strenge Parallelstruktur, die Wiederholung und die zeitenthobene, kreisende Sprache gestützt. Bewegung findet statt, aber ohne Ziel und ohne Entwicklung – als Zustand vollendeter Ordnung.
Aussage & Wirkung
„Am See“ entwirft kein Gleichnis innerer Sammlung, sondern eine existentielle Zustandsbeschreibung. Der See steht für eine Seinsform jenseits von Wille, Handlung und individueller Identität.
In der Konsequenz der christlichen Bildsprache und der religiösen Prägung des Autors ist das Gedicht als Darstellung eines jenseitigen Zustands zu lesen: nicht des Sterbens, sondern des Zustands nach dem Tod, frei von Schmerz, Konflikt und Zeit.
Erkenntnis entsteht hier nicht durch Denken oder Empfinden, sondern durch vollständige Ent-Ichung. Der Mensch empfängt nicht, weil er sucht, sondern weil er aufgehört hat zu handeln.
Die Wirkung des Gedichts ist daher nicht tröstend oder kontemplativ, sondern radikal still. Es zeigt keinen Übergang, keine Entwicklung und keine psychologische Bewegung, sondern eine vollzogene Ordnung, in der Himmel und Mensch endgültig verbunden sind.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche hält den Barcarollenpuls elastisch; die Stimme phrasiert mit feinem Legato und klaren Konsonanten. Die Refrainformel leuchtet mit minimaler Agogik auf – ein sanftes Glitzern statt Effekt.
Hörbeispiel: Am See mit Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore
Konzertanfrage
Das Lied Am See von Franz Schubert gehört zum Liedrepertoire von Evgenia Fölsche und wird regelmäßig in Zusammenarbeit mit renommierten Sängern aufgeführt. Konzertprogramme können flexibel gestaltet und auf verschiedene Besetzungen abgestimmt werden.
Evgenia Fölsche hat unter anderem mit Maria Nazarova, zusammengearbeitet, die Am See in ihrem Repertoire führt.
Konzertanfrage sendenHäufige Fragen zu Schubert: „Am See“ D 746
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Wer schrieb den Text zu „Am See“ D 746?
Franz von Bruchmann (1798–1867).
In welcher Tonart und welchem Takt steht das Lied?
Es-Dur, 6/8; Vortragsangabe mäßig.
Ist „Am See“ mit „Auf dem See“ (D 543) identisch?
Nein – „Am See“ D 746 (Bruchmann) und „Auf dem See“ D 543 (Goethe) sind unterschiedliche Lieder.