Ralph Vaughan Williams: Youth and Love

„Youth and Love“ ist das vierte Lied aus Ralph Vaughan Williams’ Zyklus Songs of Travel nach Robert Louis Stevenson (1901–1904). Es bildet einen Wendepunkt: Der wandernde Sprecher blickt auf verlorene Jugend und Liebe zurück – nicht bitter, sondern wehmütig. Die Musik wandelt zwischen Dur und Moll, Bewegung und Stillstand, als Spiegel eines Abschieds, der zugleich Freiheit bedeutet.

Der Vers (Robert Louis Stevenson – Original / deutsche Nachdichtung)

Aus: Songs of Travel and Other Verses (1896) – Nr. 4

Original (englisch):
When the youth moves out of the door,
When the love goes down to the river,
When the years are heavy and sore,
And the spring-time comes never more,
Oh, what shall deliver?

When the days are heavy with care,
And the night is weary with sighing,
When the lips have nothing to dare,
And the heart has forgotten to share,
What end but dying?

Deutsche Nachdichtung (sinngemäß):
Wenn Jugend hinauszieht zur Tür,
wenn Liebe hinabgeht zum Flusse,
wenn Jahre beschweren die Spur,
und Frühling kehrt nimmer mehr nur –
wer bringt Erlösung?

Wenn Tage schwer werden von Leid,
und Nächte von Seufzern durchzogen,
wenn Lippen verlernen das Freud’,
und Herzen verlernen das Leid –
was bleibt? – das Schweigen.

Text: Robert Louis Stevenson (1850–1894), gemeinfrei. Deutsche Nachdichtung: frei, singnah.

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Ralph Vaughan Williams (1872–1958)
  • Zyklus: Songs of Travel – Nr. 4 Youth and Love
  • Textvorlage: Robert Louis Stevenson, Songs of Travel (1896)
  • Komposition: ca. 1901–1904; Veröffentlichung 1904 (Klavierfassung), spätere Orchestrierung autorisiert
  • Tonraum / Takt / Tempo: Wechsel zwischen Dur und Moll, 6/8 bzw. 3/4; Andante con moto
  • Dauer: ca. 3–4 Minuten
  • Besetzung: Singstimme und Klavier (auch orchestriert)
  • Form: durchkomponiert, freier Aufbau mit Refrainansätzen

Entstehung & Zyklus-Kontext

Mit Youth and Love verlangsamt Vaughan Williams den Zyklusfluss. Nach den lichteren ersten Liedern folgt eine Reflexion über Vergänglichkeit. Das Stück verbindet schwebende Lyrik mit resignativer Klarheit – eine Art „Adagio“ des Zyklus, das innerlich den Abschied von der Jugend markiert.

Aufführungspraxis & Rezeption

Gesang: Zurückgenommene Intensität, innere Bewegung statt Pathos. Linien weich geführt, Atembögen groß. Textverständlichkeit bleibt zentral.

Klavier: Weiche Arpeggien, zarte Binnenbewegung; Klangfläche mehr als Begleitung. Harmonische Drehungen behutsam farblich gestalten.

Rezeption: Seltener einzeln aufgeführt, aber innerhalb des Zyklus ein Ruhepunkt von tiefer Melancholie; oft mit Wither must I wander? kontrastiert.

Referenzaufnahmen (Auswahl)

  • Gerald Finley – Julius Drake
  • Sir Thomas Allen – Roger Vignoles
  • Roderick Williams – Iain Burnside
  • Bryn Terfel – Malcolm Martineau

Analyse – Musik

Zwischen Dur und Moll: Erinnerungsfarbe

Die Harmonik oszilliert zwischen leuchtenden Durflächen und weichen Mollrückungen – musikalisches Symbol für Erinnerung und Verlust. Modale Wendungen verleihen der Trauer eine volksliednahe Natürlichkeit.

Fließender Puls & Rückschaugestus

Der Puls bleibt ruhig, fast wogend. Kurze melodische Anstiege, die sich rasch zurücknehmen, erzeugen den Eindruck einer Geste des Nachsinnens. Das Lied klingt in sanftem Moll aus – ohne Kadenz-Schluss, offen wie Erinnerung.

Analyse – Dichtung

Stevenson formuliert hier eine späte Lebensweisheit: Jugend und Liebe sind Flüchtige; wer sie verliert, steht vor dem Schweigen. Der Text vermeidet jede religiöse Tröstung – er vertraut auf die Schönheit des Erinnerns selbst.

Aussage & Wirkung im Zyklus

„Youth and Love“ schließt den ersten Block der Songs of Travel: Nach Aufbruch, Wahrnehmung und Zärtlichkeit folgt nun die erste Rückschau. Der Wanderer blickt sich um – ein stiller Moment, bevor der Weg weiterführt in „In Dreams“.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Evgenia Fölsche gestaltet den Fluss ruhig und atmend: weiche Klangübergänge, vokale Zurückhaltung, harmonisches Leuchten in den Zwischentönen. Die Melancholie bleibt edel, nie sentimental.

Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen

Zur Zyklus-Übersicht (Songs of Travel)

FAQ – Vaughan Williams: „Youth and Love“ (Songs of Travel Nr. 4)

Klicken Sie auf eine Frage, um die Antwort einzublenden.

Welche Stellung hat „Youth and Love“ im Zyklus?

Es bildet das Zentrum des ersten Zyklusteils – das Nachsinnen über die vergangene Jugend, vor dem Übergang zur Nacht und zum Traum.

Wie wirkt das Lied klanglich?

Weich, warm, schwebend. Keine Schärfe; modale Färbung und zurückgenommene Dynamik schaffen eine Atmosphäre stiller Erinnerung.

Welche Fassung gilt als maßgeblich?

Beide – Klavier und Orchester. Die Orchestrierung verstärkt die pastorale Weite, die Klavierfassung wirkt intimer.