Richard Strauss: Die Nacht

„Die Nacht“, Op. 10 Nr. 3, stammt aus Richard Strauss’ frühem Liederzyklus Acht Gedichte aus „Letzte Blätter“ (1885, Text: Hermann von Gilm). In zartem 6/8-Takt und dunklem fis-Moll entfaltet sich eine schwebende Atmosphäre zwischen Liebesangst und Träumerei. Das Lied gilt als eine der lyrischsten Eingebungen des jungen Strauss – ein stilles Nachtstück voller psychologischer Spannung.

Der Vers (Hermann von Gilm – moderne Orthographie)

„Die Nacht“ – aus Letzte Blätter (1858)

Aus dem Walde tritt die Nacht,
Aus den Bäumen schleicht sie sacht,
Schaut sich um im weiten Kreise,
Nun gib acht!

Alle Lichter dieser Welt,
Alle Blumen, alle Farben sind verstellt;
Sie nimmt alles, was sie lieblich macht,
Nimmt das Lächeln deiner Züge –
Fürcht’, sie stiehlt auch mir dich weg!

Text: Hermann von Gilm (1812–1864); modernisierte Orthographie. Miniatur zwischen Naturbild und Eifersuchtsfantasie.

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Richard Strauss (1864–1949)
  • Opus/Titel: Acht Gedichte aus „Letzte Blätter“, Op. 10 – Nr. 3 Die Nacht
  • Textvorlage: Hermann von Gilm
  • Komposition & Druck: 1885 (München); Verlag Joseph Aibl 1887
  • Tonart / Takt / Tempo: fis-Moll, 6/8, Zart, innig beweglich
  • Dauer: ca. 3 Minuten
  • Besetzung: Singstimme und Klavier
  • Form: Durchkomponiert – entwickelnde Variation ohne formale Wiederkehr

Entstehung & Kontext

„Die Nacht“ entstand 1885 im gleichen Jahr wie Allerseelen und Zueignung. Während jene Lieder offen deklamieren, wendet sich „Die Nacht“ nach innen: ein leises Psychogramm der Eifersucht und Verlustangst. Strauss zeigt hier sein Talent, inneres Beben in atmende Klangflächen zu übersetzen – ein frühes Meisterstück der Intimität.

Aufführungspraxis & Rezeption

Gesang: Pianissimo aus dem Atem, nicht aus der Kehle. Der Text muss verstehbar bleiben, doch nie deklamatorisch. „Aus dem Walde tritt die Nacht“ fordert schwebende Klangfarbe, nicht Dramatik.

Klavier: Weiche arpeggierte Bewegung im 6/8; Pedal nur andeutend – keine Dauer-Resonanz. Jede Harmonie ist ein Atemzug der Nacht.

Rezeption: Das Lied gehört zu den am häufigsten aufgenommenen Werken aus Op. 10 und steht oft im Konzert neben Allerseelen und Zueignung.

Referenzaufnahmen (Auswahl)

  • Elisabeth Schwarzkopf / Gerald Moore
  • Jessye Norman / Geoffrey Parsons
  • Diana Damrau / Helmut Deutsch
  • Christiane Karg / Malcolm Martineau

Analyse – Musik

Die Begleitung zeigt schwebende Terz- und Sextparallelen, die eine Nebel-Atmosphäre erzeugen. Die Melodie steigt und sinkt in langen Linien; jede Phrase atmet eine Spannung zwischen Sehnsucht und Furcht. Der Schluss verharrt auf einem offenen fis-Moll-Akkord, wie ein nicht erlöster Traum.

Analyse – Dichtung

Gilm stellt die Nacht als sanfte Räuberin dar, die alles Licht und Farbe nimmt – bis hin zur Geliebten. Das Ich fürchtet den Verlust an die Dunkelheit selbst. Strauss verwandelt diese Metapher in eine musikalische Metamorphose des Lichts: jede Modulation ein Schattenwurf.

Aussage & Wirkung

„Die Nacht“ ist kein Wiegenlied, sondern ein Stück innerer Unruhe: ein Lied über das Bewahren der Liebe im Moment des Verblassens. In seiner zurückgenommenen Intensität gehört es zu den geistig tiefsten Liedern des 19. Jahrhunderts.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Evgenia Fölsche interpretiert das Lied mit feinstem Atembogen und leisem Glanz in den Zwischentönen; das Klavier atmet mit, nicht unterstützt – „Nacht“ als schwebende Raumfigur.

Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen

Zur Partitur (IMSLP)

FAQ – Richard Strauss: „Die Nacht“ Op. 10 Nr. 3

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Zu welchem Opus gehört das Lied?

Zu den Acht Gedichten aus „Letzte Blätter“, Op. 10 (1885), Nr. 3 Die Nacht.

Welche Tonart und Taktart hat es?

fis-Moll, 6/8, Vortragsbezeichnung Zart, innig beweglich.

Ist das Lied strophisch?

Nein – es ist durchkomponiert; jede Textzeile erhält eigene harmonische Färbung und Motivwiederkehr.