Richard Strauss: Morgen!

„Morgen!“, Op. 27 Nr. 4, beschließt Richard Strauss’ Vier Lieder op. 27 (1894, Text: John Henry Mackay). In stiller Es-Dur-Schwebung entfaltet sich ein Lied der Hoffnung und Gelassenheit, das kaum noch Musik, sondern fast Atem ist. Strauss schrieb es als Hochzeitsgeschenk an seine Frau Pauline – eine der zartesten und zugleich erhabensten Liebesbekenntnisse der Romantik.

Der Vers (John Henry Mackay – moderne Orthographie)

„Morgen!“ – John Henry Mackay (1861–1933)

Und morgen wird die Sonne wieder scheinen,
Und auf dem Wege, den ich gehen werde,
Wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen
Inmitten dieser sonnenatmenden Erde …

Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen,
Werden wir still und langsam niedersteigen,
Stumm werden wir uns in die Augen schauen,
Und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen …

Text: John Henry Mackay (1861–1933), modernisierte Zeichensetzung; freier, jambischer Vers ohne Reimschema.

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Richard Strauss (1864–1949)
  • Opus/Titel: Vier Lieder Op. 27 – Nr. 4 Morgen!
  • Textvorlage: John Henry Mackay
  • Komposition & Widmung: 1894; an Pauline de Ahna zur Hochzeit gewidmet
  • Tonart / Takt / Tempo: Es-Dur, 4/4, Zart (Sehr ruhig, kaum bewegt)
  • Dauer: ca. 3–4 Minuten
  • Besetzung: Singstimme und Klavier; 1897 auch mit Orchesterfassung durch den Komponisten
  • Form: Durchkomponiert, zwei Hauptabschnitte mit symmetrischer Rückkehr der Anfangsruhe

Entstehung & Kontext

Die Vier Lieder op. 27 entstanden 1894 während der Vorbereitung von Strauss’ Eheschließung. „Morgen!“ ist das letzte und bekannteste der Gruppe. Es verkörpert nicht Leidenschaft, sondern vollkommene Ruhe – das Wissen um Erfüllung. Die Komposition bewegt sich in langsamem Atem über einem wellenförmigen Klaviergrund, dessen Figuren später in die berühmte Orchesterfassung übergingen.

Aufführungspraxis & Rezeption

Gesang: Extrem zurückgenommen, fast flüsternd getragen. Keine Vibrato-Intensität, sondern Linie – der Klang soll wie Atem erscheinen. Worte wie „stumm“ und „Schweigen“ markieren das Crescendo → Diminuendo des gesamten Liedes.

Klavier: Die linke Hand wiegt in ruhigem Achtelstrom, die rechte atmet gebundene Wellenbewegung. Pedal fein abgestuft; Resonanz darf den Raum „atmen“, nicht füllen.

Rezeption: Eines der meistaufgeführten Strauss-Lieder; in der Orchesterfassung oft am Ende von Strauss-Programmen – Sinnbild von Transzendenz und innerer Ruhe.

Referenzaufnahmen (Auswahl)

  • Elisabeth Schwarzkopf / Gerald Moore
  • Jessye Norman / Geoffrey Parsons
  • Renée Fleming / Christoph Eschenbach
  • Jonas Kaufmann / Helmut Deutsch

Analyse – Musik

„Morgen!“ entfaltet seine Wirkung aus der Stille. Über dem wellenförmigen Klavierostinato schwebt eine diatonische, weitgespannte Melodie. Strauss verzichtet nahezu auf Modulation – stattdessen formt er weite Spannungsbögen durch Dynamik und Textsyntax. Die Wiederholung von „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ am Schluss ist kein Rückblick, sondern Erfüllung in Gegenwart.

Analyse – Dichtung

John Henry Mackays Text ist von schlichter, fast mystischer Ruhe. Die Zukunftsform „wird“ steht nicht für Erwartung, sondern für Gewissheit. Der Vers verzichtet auf Pathos und endet im Schweigen – „des Glückes stummes Schweigen“ wird zum Schlüsselmotiv für Strauss’ musikalische Zeitdehnung und das Auflösen des Endes in Stille.

Aussage & Wirkung

„Morgen!“ ist ein Bekenntnislied ohne Pathos – eine Meditation über erfüllte Liebe. Strauss komponiert Vertrauen, nicht Verlangen. Diese Balance aus tonaler Schlichtheit und überirdischem Ausdruck macht das Lied zu einem Inbegriff romantischer Kontemplation – und zu einem der stillsten Höhepunkte seines gesamten Schaffens.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Evgenia Fölsche gestaltet das Lied mit schwebendem Puls und quasi-orchestraler Klangtransparenz. Die Stimme ruht auf der Bewegung des Klaviers, jede Phrase atmet. Der Schluss löst sich in Stille – „und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen“.

Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen

Zur Partitur (IMSLP)

FAQ – Richard Strauss: „Morgen!“ Op. 27 Nr. 4

Klicken Sie auf eine Frage, um die Antwort einzublenden.

Zu welchem Opus gehört „Morgen!“?

Es ist Nr. 4 der Vier Lieder op. 27 (1894), gemeinsam mit Ruhe, meine Seele, Cäcilie und Heimliche Aufforderung.

Welche Tonart und Tempoangabe hat das Lied?

Es-Dur, 4/4, Vortragsanweisung Zart (Sehr ruhig, kaum bewegt).

Gibt es eine Orchesterfassung?

Ja – Strauss orchestrierte das Lied 1897. Diese Fassung mit Solo-Violine gilt als eines seiner beliebtesten Orchesterlieder.