Sergej Rachmaninow: Сон - Der Traum
„Сон“ („Der Traum“), Op. 8 Nr. 5, stammt aus den Sechs Romanzen op. 8 (1893–1894) von Sergei Rachmaninow. Der Text von Afanassi Fet beschreibt eine traumhafte Vision von Licht, Liebe und Vergänglichkeit. Das Lied ist von betörender Ruhe und melancholischer Helligkeit – ein früher Höhepunkt von Rachmaninows lyrischer Klangsprache.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Afanassi Fet – russisch / deutsche Nachdichtung)
Русский текст:
Мне снился сон: она пришла,
Вся в блеске, в розовом сиянье,
И нежно, ласково сказала:
«Зачем ты грустен? Я с тобой».
И тихо стало, и светло,
И сердце билось без страданья,
И всё забыл я – всё прошло,
Лишь счастья тихое дыханье…
Deutsche Nachdichtung:
Ein Traum erschien: – sie kam zu mir,
in Glanz, in rosigem Erscheinen,
und flüsterte mit zartem Ton:
„Warum so traurig? Ich bin hier.“
Da ward es still und mild und klar,
mein Herz schlug sanft, ohne Leiden,
und alles Dunkle sank dahin –
nur Glück und Licht blieb mir zu Seiten.
Text: Afanassi Fet (1820–1892); deutsche Nachdichtung nach dem russischen Original. Komposition von Sergei Rachmaninow (1893–94).
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Sergei Rachmaninow (1873–1943)
- Zyklus: 6 Romanzen op. 8 – Nr. 5 „Сон“ / „Der Traum“
- Textvorlage: Afanassi Fet
- Komposition: 1893 in Moskau – veröffentlicht 1894 bei Gutheil
- Tonart / Takt / Tempo: Des-Dur (Transpositionen üblich), 3/4, Andante tranquillo
- Dauer: ca. 3 Minuten
- Besetzung: Singstimme und Klavier
- Form: zwei Strophen, durchkomponiert mit fließender Spannungsentwicklung
Entstehung & Kontext
Das Lied „Сон“ entstand am Übergang zwischen Rachmaninows Studienzeit und den ersten Erfolgen als Komponist. Fets Dichtung spiegelt das späte romantische Ideal des Traums als Zustand geistiger Erhöhung – kein Schlaf, sondern Erinnerung und Erleuchtung. Rachmaninow greift dies in einer leuchtenden Klangsprache auf, die bereits seine spätere Liedpoesie andeutet.
Aufführungspraxis & Rezeption
Gesang: Sehr ruhige Linie, getragen vom Atem; die Worte fließen auf dem Klang, nicht auf Rhythmus. Jede Phrase „aus dem Traum“ heraus entwickeln, nicht erzählen.
Klavier: Weit gespannte Akkordflächen im Halbdunkel; Pedal zart verwoben, nicht verschleiernd. Das Lied lebt von Schwebung und Durchhörbarkeit.
Rezeption: Selten im Konzert, aber unter Kennern hochgeschätzt als Beispiel für Rachmaninows melancholische Frühphase. Oft im Zusammenhang mit „Здесь хорошо“ aufgenommen.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Sergei Leiferkus / Malcolm Martineau
- Olga Borodina / Dmitri Yefimov
- Dmitri Hvorostovsky / Ivari Ilja
Analyse – Musik
„Сон“ arbeitet mit schwebenden Akkorden und einer langsamen Klangwelle zwischen Dur und Moll. Die Melodie verläuft in weiten Bögen, meist in Sekundbewegung – wie ein Erinnern im Halbschlaf. Rachmaninow setzt chromatische Durchgangsnoten ein, um das Gefühl von Traumverzögerung zu erzeugen. Der Schluss erlischt auf einem offenen Des-Akkord – unaufgelöst wie ein Traum.
Analyse – Dichtung
Fets Gedicht ist eine Miniatur über den Moment des Glücks, der im Traum wiederkehrt. Es spielt zwischen Erinnerung und Erkenntnis: Die Geliebte tritt noch einmal auf, spricht ein Wort – und verschwindet. Rachmaninow zeichnet dies musikalisch als langsames Aufleuchten und Verlöschen – eine emotionale Ein- und Ausblendung statt Erzählung.
Aussage & Wirkung
„Der Traum“ ist ein leises Juwel in Rachmaninows Liedschaffen. Es verbindet späte romantische Transparenz mit der tiefen Wehmut der russischen Seele. Ein Lied über Licht und Verlust, das in seinem Schweigen am intensivsten spricht.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Evgenia Fölsche interpretiert das Lied mit höchster Zurücknahme: fließendes Tempo, atemgebundene Linien und ein schwebendes Des-Dur. Klang als Erinnerung, nicht Darstellung.
Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen
FAQ – Rachmaninow: „Сон“ („Der Traum“) Op. 8 Nr. 5
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Wer ist der Dichter des Liedes?
Afanassi Fet (1820–1892), einer der bedeutendsten russischen Lyriker der Spätromantik – berühmt für musikalische Kürze und Lichtbilder.
Welche Tonart und Stimmung prägt das Lied?
Des-Dur, Andante tranquillo – eine melancholisch-helle Ruhe mit zartem Licht statt Pathos.
Wie verhält sich „Сон“ zu anderen Romanzen Rachmaninows?
Es bildet einen lyrischen Gegenpol zu den leidenschaftlicheren Stücken der frühen Zyklen (op. 4 und op. 8). Die Atmosphäre von Stille und Entrückung weist bereits auf „Здесь хорошо“ op. 21 Nr. 7 voraus.