Sergej Rachmaninow: Не пой, красавица, при мне - Sing nicht, Schöne, mir Gesänge

„Не пой, красавица, при мне“ („Sing nicht, Schöne, mir Gesänge“), Op. 4 Nr. 4, gehört zu den frühesten und zugleich bekanntesten Liedern von Sergei Rachmaninow. Es entstand 1893 im Rahmen der Sechs Romanzen op. 4 und vertont ein Gedicht von Alexander Puschkin. In diesem Stück verbinden sich orientalisch gefärbte Melodik und schwermütige Erinnerung – ein Inbild russischer Romantik zwischen Leidenschaft und Schmerz.

Der Vers (Alexander Puschkin – russisch / deutsche Nachdichtung)

Русский текст:

Не пой, красавица, при мне
Ты песен Грузии печальной:
Напоминают мне оне
Другую жизнь и берег дальний.

Увы, напоминают мне
Твои жестокие напевы
И степь, и ночь – и при луне
Черты далёкой, бедной девы...

Deutsche Nachdichtung:

Sing nicht, Schöne, mir Gesänge
von Georgiens Trauerflur –
sie rühren auf das ferne Leben,
das ich verlor einst nur.

Ach, deine grausam süßen Weisen
erwecken Nacht und Schritt im Sand,
das Mondlicht über fernen Hügeln,
und jenes arme Mädchenland.

Text: Alexander Puschkin (1799–1837); deutsche Nachdichtung frei nach dem Original. Komposition von Sergei Rachmaninow (1893).

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Sergei Rachmaninow (1873–1943)
  • Zyklus: 6 Romanzen op. 4 – Nr. 4 „Не пой, красавица, при мне“
  • Textvorlage: Alexander Puschkin
  • Komposition: 1893 (Moskau)
  • Tonart / Takt / Tempo: h-Moll, 3/4, Andante – mit orientalisch gefärbtem Modus
  • Dauer: ca. 3–4 Minuten
  • Besetzung: Singstimme und Klavier
  • Form: durchkomponiert; Wechsel zwischen meditativer Erinnerung und leidenschaftlicher Aufwallung

Entstehung & Kontext

„Не пой, красавица“ entstand, als Rachmaninow erst 20 Jahre alt war. Das Gedicht hatte ihn durch seine Mischung aus Exotik und elegischer Erinnerung fasziniert. In den späten 1890er-Jahren war Puschkin-Vertonung ein zentraler Prüfstein für russische Komponisten. Rachmaninows Fassung zeichnet sich durch melodische Weite und modale Wendungen aus, die eine orientalische Atmosphäre evozieren.

Aufführungspraxis & Rezeption

Gesang: Dunkle, resonante Färbung; das Melos fließt in langen Bögen. Kein Pathos, sondern verhaltene Glut – Erinnerung, nicht Gegenwart.

Klavier: Der Klavierpart imitiert Lauten- oder Saiteninstrumente aus der „orientalischen“ Klangwelt, mit arabesken Linien und synkopierten Begleitfiguren. Die Dynamik atmet – dolce, ma con dolore.

Rezeption: Eines der bekanntesten frühen Lieder Rachmaninows, oft eigenständig aufgeführt. Es wurde mehrfach orchestriert und in Transkriptionen verarbeitet.

Referenzaufnahmen (Auswahl)

  • Sergei Leiferkus / Malcolm Martineau
  • Dmitri Hvorostovsky / Ivari Ilja
  • Anna Netrebko / Daniel Barenboim
  • Elena Obraztsova / Pavel Egorov

Analyse – Musik

Die Begleitung basiert auf orientalisch anmutenden Melismen und Bordun-Anklängen. Die Melodie bewegt sich häufig in Sekunden- und verminderten Terzschritten, wodurch eine klagende Spannung entsteht. Harmonisch wechseln Moll- und Dur-Parallelklänge in weichen Übergängen, was ein Gefühl von Erinnerung statt Erzählung vermittelt. Das Lied endet in resignativer Ruhe – kein Schlussakkord, sondern Verlöschen.

Analyse – Dichtung

Puschkins Gedicht verbindet orientalisches Kolorit mit seelischer Innerlichkeit. Der Sprecher bittet die Geliebte, nicht jene Lieder zu singen, die ihn an eine vergangene Liebe erinnern. Das „Georgische Lied“ steht als Symbol für unerreichbare Ferne – musikalisch wie emotional. Rachmaninow übersetzt diese Spannung zwischen Faszination und Schmerz in Klang.

Aussage & Wirkung

„Sing nicht, Schöne“ ist ein Schlüsselwerk für Rachmaninows frühe Liedsprache. Es zeigt seine Fähigkeit, Text in Klangpsychologie zu verwandeln: ein stilles Erinnern, das im Moment des Singens neu erleidet. Sinnlich, aber innerlich gefasst – russische Romantik in ihrer reinsten Form.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Evgenia Fölsche gestaltet das Lied mit dunklem, ruhigem Tonansatz und feinem inneren Atem. Der Ausdruck entsteht aus dem Rückhalt der Stimme – keine Klage, sondern Erinnerung in Bewegung.

Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen

FAQ – Rachmaninow: „Не пой, красавица, при мне“ Op. 4 Nr. 4

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Zu welchem Zyklus gehört das Lied?

Zum frühen Zyklus 6 Romanzen op. 4 (1893). Es ist die vierte Nummer und das bekannteste Stück der Sammlung.

Welche Stimmung prägt das Lied?

Eine Mischung aus orientalischer Schwermut und lyrischer Erinnerung – kein dramatisches Liebeslied, sondern elegische Beschwörung der Vergangenheit.

Warum gilt es als typisch russisch?

Wegen der Verbindung von Melancholie, Weite und modaler Färbung – das seelische Nachklingen ist wichtiger als Handlung oder Form.