Franz Schubert: Klaviersonate Nr. 21 D 960
Franz Schubert: Klaviersonate B-Dur D 960 (Nr. 21) ist Schuberts letzte vollendete Sonate und eines der bedeutendsten Werke der gesamten Klavierliteratur. Sie entstand im September 1828, nur wenige Wochen vor Schuberts Tod, und krönt das Spätwerk-Trio der letzten Sonaten D 958 – D 960. Die B-Dur-Sonate ist ein Monument lyrischer Weite, innerer Ruhe und metaphysischer Tiefe – ein „Abschiedswerk“ von ergreifender Schönheit.
Inhalt
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797 – 1828)
- Titel: Klaviersonate B-Dur D 960 („Sonate Nr. 21“)
- Entstehung: September 1828, Wien
- Erstveröffentlichung: 1839 bei Diabelli (herausgegeben von Robert Schumann)
- Dauer: ca. 40 – 45 Minuten
- Sätze:
- I. Molto moderato – B-Dur
- II. Andante sostenuto – cis-Moll
- III. Scherzo (Allegro vivace con delicatezza) – B-Dur
- IV. Allegro ma non troppo – B-Dur
Schubert schrieb die Sonate in den letzten Wochen seines Lebens. Während D 958 noch tragisch und D 959 dramatisch ist, schließt D 960 die Trilogie in einem Zustand innerer Versöhnung – eine musikalische „Rückkehr ins Licht“.
Analyse & Formverlauf
I. Molto moderato – B-Dur
Ausgedehnte Sonatenform mit langem Atem. Das schwebende Eröffnungsthema, unterlegt mit dem berühmten Triller-Pedal im Bass, vermittelt zeitlose Ruhe. Das Seitenthema in Fis-Dur strahlt Licht und Weite aus. Die Durchführung führt in ferne Tonarten – eine Reise durch innere Welten. Die Coda verlöscht in unendlicher Stille.
II. Andante sostenuto – cis-Moll
Dreiteilige Liedform (A – B – A). Ein klagendes, fast visionäres Thema in cis-Moll wird von einem magisch-leuchtenden Mittelteil in A-Dur durchbrochen. Die Rückkehr des Anfangs wirkt entrückt, wie ein Echo aus einer anderen Welt. Viele Interpreten sehen darin einen „Abgesang auf das Leben“.
III. Scherzo (Allegro vivace con delicatezza) – B-Dur
Licht, tänzerisch, ätherisch. Der Trio-Teil in G-Dur bietet kurze Erdung, bevor das Scherzo wieder ins Unwirkliche entgleitet. Dieser Satz stellt die Gegenwelt zum tragischen Andante dar.
IV. Allegro ma non troppo – B-Dur
Rondoform mit durchbrochener Themenarbeit. Das bewegte Hauptthema trägt volkstümlichen Charakter, doch in den Zwischenspielen blitzt tiefere Melancholie auf. Die Coda endet hell – nicht heroisch, sondern mit leiser Gelassenheit.
Charakter & Ausdruck
Die B-Dur-Sonate D 960 verkörpert einen musikalischen Kosmos zwischen diesseitiger Klarheit und transzendenter Entrückung. Sie ist frei von Pathos und dennoch tief ergriffen – eine Musik des Loslassens. In ihrer ruhigen Größe vereint sie Liedhaftigkeit, Harmonieerweiterung und formale Weitsicht.
Interpretation & Spielweise
- Tempo: Ruhe im Atem – nicht langsam, sondern zeitlos. Die Spannung entsteht aus innerer Bewegung.
- Pedal: Sehr feinfühlig – Halb- und Viertelpedal zur Farbsteuerung, besonders im ersten Satz.
- Klang: Transparenz vor Volumen; Gesang in allen Stimmen gleich wichtig.
- Andante: Tiefe dynamische Differenzierung – das Mittelstück muss als „Aufhellung“ klingen, nicht als Kontrast.
- Finale: Rondo-Thema leicht und elastisch; kein äußerer Triumph, sondern innere Bewegung zum Licht.
Evgenia Fölsche – Aufführung
Pianistin Evgenia Fölsche interpretiert die B-Dur-Sonate D 960 als Abschied in Klang und Stille. Ihre Darstellung betont den fließenden Atem des Molto moderato, die transzendente Ruhe des Andante und die lichte Heiterkeit des Finales. Im Konzert bildet die Sonate oft den Schlusspunkt eines romantischen Programms.
FAQ – Schubert: Klaviersonate B-Dur D 960 (Nr. 21)
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Wann entstand die Sonate D 960?
Im September 1828 in Wien. Sie ist Schuberts letztes vollendetes Klavierwerk – geschrieben nur zwei Monate vor seinem Tod.
Wie lang dauert das Werk?
Zwischen 40 und 45 Minuten, abhängig von den Wiederholungen im ersten Satz und dem Tempo des Andante.
Wie schwer ist die Sonate technisch?
Technisch anspruchsvoll (weite Akkorde, voicing, Pedalpräzision), aber vor allem interpretatorisch herausfordernd durch ihre Weite und Stille.
Wie verhält sich D 960 zu D 958 und D 959?
D 958 ist tragisch und beethovenisch, D 959 dramatisch und dialogisch, D 960 verklärt und transzendent – der Schluss einer geistigen Trilogie.
Quellenverzeichnis
- IMSLP – Sonata in B-flat major, D 960 (Schubert, Franz): Autograph, Erstausgabe 1839 (Diabelli / Schumann).
- Neue Schubert-Ausgabe – Serie VII, Band 2 (Bärenreiter / Henle): kritischer Kommentar zu D 960.
- Grove Music Online – Artikel „Schubert, Franz – Piano Sonatas (D 958–960)“.