Franz Schubert: Schwanengesang
Franz Schubert – Schwanengesang
- Schwanengesang – Liebesbotschaft
- Schwanengesang – Kriegers Ahnung
- Schwanengesang – Frühlingssehnsucht
- Schwanengesang – Ständchen
- Schwanengesang – Aufenthalt
- Schwanengesang – In der Ferne
- Schwanengesang – Abschied
- Schwanengesang – Der Atlas
- Schwanengesang – Ihr Bild
- Schwanengesang – Das Fischermädchen
- Schwanengesang – Die Stadt
- Schwanengesang – Am Meer
- Schwanengesang – Der Doppelgänger
- Schwanengesang – Die Taubenpost
Schwanengesang D 957 (plus D 965A) ist der posthum veröffentlichte Liederband Franz Schuberts aus dem Jahr 1829, der 14 Lieder umfasst: sieben auf Texte von Ludwig Rellstab, sechs auf Heinrich Heine sowie als häufiges „Envoi“ Die Taubenpost nach Johann Gabriel Seidl. Der Band ist kein von Schubert geplanter Zyklus wie die Winterreise, sondern eine vom Verlag gebündelte Sammlung letzter Liedschöpfungen von 1828 – gerade darum aber ein faszinierendes Panorama von Übergang, Ferne, Erinnerung und Identität. Interpretatorisch lässt sich die Folge als doppeltes Diptychon hören: Rellstabs Reise- und Naturbilder (Nr. 1–7) – Heines Innen- und Nachtbilder (Nr. 8–13) – plus Seidls heiter-melancholischer Abgesang (Die Taubenpost). Auf dieser Seite finden Sie Werkdaten, Dramaturgie, Hörleitfaden und Links zu allen Einzelseiten.
Inhaltsverzeichnis
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
- Band: Schwanengesang D 957 (Rellstab/Heine) – posthum 1829 veröffentlicht; häufig ergänzt um Die Taubenpost D 965A (Seidl)
- Entstehung: überwiegend 1828 (letztes Schaffensjahr)
- Texte: Ludwig Rellstab (Nr. 1–7), Heinrich Heine (Nr. 8–13), Johann Gabriel Seidl (Anhang)
- Besetzung: Singstimme und Klavier (Transpositionen üblich)
- Gesamtdauer: ca. 45–55 Minuten (inkl. Die Taubenpost)
- Edition/Anordnung: Verlagsanordnung (Haslinger, 1829); keine zyklische Reihenfolge von Schubert autorisiert – die heutige Ordnung ist editorischer Standard.
Entstehung, Quellen & Anordnung
Die unter dem Titel Schwanengesang veröffentlichten Lieder sind autonome Einzelschöpfungen aus Schuberts Spätzeit. Der Verleger Tobias Haslinger bündelte sie nach dem Tod des Komponisten (November 1828) zu einem Band. Die Rellstab- und Heine-Gruppe ergeben sich aus der Textquelle; ob Schubert eine feste Reihenfolge intendierte, ist nicht gesichert. Die Taubenpost (Seidl), wohl Schuberts letztes Lied, wurde separat überliefert und dem Band bald als freundliches Nachwort angefügt.
Aufbau & Dramaturgie
Rellstab (Nr. 1–7): Reise, Ferne, Topografie
Die ersten sieben Lieder bilden eine Kette von Reise- und Naturbildern, in denen Bewegung, Ferne und topografische Marker dominieren. Der Ton ist oft hell, bisweilen heiter maskiert – hinter der Oberfläche liegt jedoch Entbehrung/Abschied.
- Liebesbotschaft – fließende Botenmetapher (Bach/Brunnen)
- Kriegers Ahnung – Nacht, Vorahnung, schwebender Ernst
- Frühlingssehnsucht – Drängen, Öffnung, Frage-Gestik
- Ständchen – leises Werben im Schatten
- Aufenthalt – stehende Wucht, Fels/Wasser als Gegenkraft
- In der Ferne – Fluchtmonolog, Partizip-Kaskaden
- Abschied – helles Reiselied, „Ade“-Maske
Heine (Nr. 8–13): Innenbild, Nacht & Identität
Die Heine-Gruppe dreht die Perspektive nach innen. Statt äußeren Wegmarken: Bild, Blick, Echo, Gift, Starre. Der Klang wird knapper, die Harmonik dunkler, die Formen oft durchkomponiert.
- Der Atlas – Titanengestus, Selbstanklage
- Ihr Bild – Vision & Verlöschen
- Das Fischermädchen – helle Barcarolle, Werbegestus
- Die Stadt – Nebel, Ruderschlag, Deixis
- Am Meer – Gift-Pointe in schwebender Ruhe
- Der Doppelgänger – statische Starre, Selbst-Erkenntnis
Seidl: Die Taubenpost (D 965A)
Die Taubenpost beschließt in vielen Aufführungen den Band als heiter-melancholisches Nachwort: die „Brieftaube“ als Allegorie der Sehnsucht. Musikalisch: G-Dur, alla breve, leichte Synkopen – ein lächelndes Leisewerden.
Aufführungspraxis
Disposition & Tonarten: Der Band reicht vom hellen Außen (Rellstab) in die komprimierte Innenfinsternis (Heine). Ein dramaturgisch atmender Bogen profitiert von Kontrasten: federndes Tempo und leichtes Timbre in Liebesbotschaft/Ständchen/Abschied; kompressive, sprechnahe Linien und gedämpfte Farben in Atlas/Ihr Bild/Die Stadt/Am Meer/Doppelgänger. Transpositionen sind Praxis – die Charakterfarben (Licht/Statik/Wellen/Blockakkorde) müssen in jeder Lage erhalten bleiben.
Text & Diktion: Rellstab verlangt klares Reise-Sprechen, Heine ein interiores Deklamieren mit engem Dynamikrahmen. Konsonanten präzise, Vokale gedeckt; Pathos vermeiden – die Wucht entsteht aus Spannung, nicht Lautstärke.
Klavierbild & Pedal: Wechsel zwischen Flussfiguren (Bäche/Barcarollen), Wellen (Meer), Blockakkorden (Atlas), Akkordflächen (Doppelgänger). Pedal stets transparent; innere Stimmen zeichnen das psychologische Relief.
Werkgeschichte & Rezeption
Seit dem 19. Jahrhundert gehört Schwanengesang zu den Kronstücken des Kunstlied-Repertoires. Die Verlagsfügung wurde früh akzeptiert, gleichwohl bleibt die Frage nach Ordnung/Einbindung von Die Taubenpost interpretatorisch offen. Moderne Aufführungen betonen die Kontraste zwischen Rellstab und Heine – und lesen den Band als offenes Album Spätstilstücke, deren innere Logik aus motivischen Rückbezügen (Wasser, Ferne, Nacht) erwächst.
Leitmotive & musikalische Topoi
- Wasser/Fluss/Meer: Bewegungs- und Erinnerungsraum (Liebesbotschaft, Fischermädchen, Die Stadt, Am Meer)
- Reise/Abschied: Maskierte Heiterkeit und beharrender Schritt (Abschied, Aufenthalt, In der Ferne)
- Bild/Blick/Deixis: Innenkamera & Ortung des Verlusts (Ihr Bild, Die Stadt, Der Doppelgänger)
- Identität & Hybris: Titanenlast & Selbstadressierung (Der Atlas, Der Doppelgänger)
- Sehnsucht: dezidiertes Schlussmotiv (Die Taubenpost)
Hörleitfaden & Einzelseiten
Alle Liedartikel mit modernisiertem Text, Werkdaten, Analyse & Aufführungshinweisen:
Häufige Fragen zu Schuberts „Schwanengesang“
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Ist der Schwanengesang ein Zyklus wie die Winterreise?
Nein. Der Band wurde posthum vom Verlag zusammengestellt. Dennoch hat sich die heutige Reihenfolge als sinnvolle Dramaturgie etabliert (Rellstab → Heine → Die Taubenpost).
Warum wirkt die zweite Hälfte dunkler?
Die Heine-Lieder sind formal knapper und harmonisch schärfer; statt Reisebildern zeigen sie Innenzustände, Nacht, Starre – kulminierend im Doppelgänger.
Gehört Die Taubenpost wirklich dazu?
Textlich nicht (anderer Dichter), musikhistorisch aber als Schuberts letztes Lied geschätzt und in Aufführungen meist abschließend platziert. Siehe die Einzelseite: Die Taubenpost.