Franz Schubert: Schwanengesang - Ihr Bild
Franz Schubert – Schwanengesang:
- Schwanengesang – Liebesbotschaft
- Schwanengesang – Kriegers Ahnung
- Schwanengesang – Frühlingssehnsucht
- Schwanengesang – Ständchen
- Schwanengesang – Aufenthalt
- Schwanengesang – In der Ferne
- Schwanengesang – Abschied
- Schwanengesang – Der Atlas
- Schwanengesang – Ihr Bild
- Schwanengesang – Das Fischermädchen
- Schwanengesang – Die Stadt
- Schwanengesang – Am Meer
- Schwanengesang – Der Doppelgänger
- Schwanengesang – Die Taubenpost
„Ihr Bild“ ist Nr. 9 aus Franz Schuberts posthum veröffentlichtem Liedkreis Schwanengesang D 957 (1828/29) nach Heinrich Heine. Ein Blick auf das Bild der Geliebten wird zur Vision: das Antlitz „beginnt zu leben“, lächelt – und die Erkenntnis des Verlusts stürzt herein. Schubert formt ein gedämpftes, durchkomponiertes Nachtstück in e-Moll, 4/4, sehr ruhig, gehalten: ein schmaler, atmender Gesang über schwebenden Akkordfeldern.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Heinrich Heine – moderne Orthographie)
Aus: Schwanengesang – IX. Lied
Ich stand in dunklen Träumen
und starrte ihr Bildnis an;
und das geliebte Antlitz
heimlich zu leben begann.
Um ihre Lippen zog sich
ein Lächeln wunderbar,
und wie von Wehmutstränen
erglänzte ihr Augenpaar.
Auch meine Tränen flossen
mir von den Wangen herab –
und ach, ich kann es nicht glauben,
dass ich dich verloren hab’!
Orthographie behutsam modernisiert (z. B. „dunklen“, „dass“, vereinheitlichte ß/ss). Heine-Text in der Schubert-Fassung.
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
- Zyklus: Schwanengesang D 957, Nr. 9 (Ihr Bild)
- Textvorlage: Heinrich Heine (1797–1856)
- Komposition: 1828; Erstdruck (postum): 1829
- Tonraum / Takt / Tempo: e-Moll, 4/4, sehr ruhig, gehalten
- Dauer: ca. 2:00–3:00 Minuten
- Besetzung: Singstimme und Klavier (Transpositionen üblich)
- Form: durchkomponiert; drei kurze Binnenabschnitte (Vision – Aufleuchten – Absturz)
Daten zum Vers
- Autor: Heinrich Heine (1797–1856)
- Strophenform: 3 Vierzeiler; ruhige, regelmäßige Kadenz
- Stilmittel: Vision/Belebung eines Bildes, Oxymoron zartes Lächeln – Tränen, Pointe der Verneinung („nicht glauben“)
Entstehung & Zyklus-Kontext
Im Heine-Block (Nr. 8–13) folgt Ihr Bild auf den wuchtigen Atlas als verinnerlichte Miniatur: Statt Titanenlast – schwebende Innenzeit. Das Lied bildet den stillen Pol der Folge (Die Stadt, Am Meer, Der Doppelgänger) und zeigt Schuberts Kunst des leisen Schmerzes.
Mehr zum Liedkreis in der Übersicht: Schwanengesang – Überblick.
Aufführungspraxis & Rezeption
Puls & Diktion: absolut ruhiger Grundschlag; Konsonanten weich, Vokale getragen. Keine große Kurve – Geradeaus-Sprechen mit minimalen Atemdehnungen an Sinnwörtern („Lächeln“, „Wehmutstränen“, „verloren“).
Klavierbild: leise Akkordfelder/gebrochene Akkorde wie „Atemzüge“; Pedal transparent, Fingerlegato. Farbverdichtung auf dem Aufleuchten (Strophe 2), danach kontrollierte Rücknahme in die Ausgangskühle.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Dietrich Fischer-Dieskau – Gerald Moore
- Ian Bostridge – Julius Drake
- Christoph Prégardien – Andreas Staier (Fortepiano)
- Matthias Goerne – Alfred Brendel
- Elly Ameling – Dalton Baldwin
Analyse – Musik
Visionärer Stillstand & „Bild“-Gestik
Der Beginn hält die Zeit an: ruhige, gleichförmige Begleitung, die das Starren hörbar macht. In Strophe 2 hebt Schubert die Oberfläche minimal an – ein wunderbares Lächeln als zarter Aufhellungsbogen; Strophe 3 fällt in die Nüchternheit zurück.
Harmonik, Form & Fall in die Erkenntnis
Im e-Moll-Feld öffnen kurze mediantische und dominantische Seitenblicke das Leuchten auf „Lächeln/Wehmutstränen“. Die durchkomponierte Miniatur rahmt ein kurzes Lichtfenster; die Schlusswendung („verloren hab’“) schließt eng – Erkenntnis ohne Trost.
Analyse – Dichtung
1) Vision: „dunkle Träume“, Bild beginnt zu leben. – 2) Aufleuchten: Lächeln & Tränen – Ambivalenz der Hoffnung. – 3) Pointe: Selbstbeteiligung (eigene Tränen), Verneinung der Akzeptanz („nicht glauben“): Verlust wird erst im Blick auf das Bild real.
Aussage & Wirkung im Zyklus
Lichtblitz im Schatten: Ihr Bild zeigt, wie wenig es braucht, um Erinnerung aufleuchten zu lassen – und wie schnell das Licht wieder erlischt. Im Zyklus ist es die stille Kammer zwischen den härteren Heine-Stücken.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche liest das Lied als Standbild mit Atem: ganz ruhiger Puls, schlanke Mittellage, sprechnahe Kontur – Glanz kurz, Ernüchterung lang.
Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen
Häufige Fragen zu Schubert: „Ihr Bild“ (Schwanengesang Nr. 9)
Klicken Sie auf eine Frage, um die Antwort einzublenden.
Ist „Ihr Bild“ strophisch?
Nein: durchkomponiert; die drei Vierzeiler bilden eine innere Dramaturgie (Vision → Aufleuchten → Erkenntnis).
Welche Tonart und Takt?
e-Moll, 4/4, sehr ruhig; schwebende Akkordfelder im Klavier, sprechnahe Linie in der Stimme.
Wie gestaltet man das „Lächeln“ musikalisch?
Mit minimaler Aufhellung (leichte Crescendi, etwas wärmeres Legato, höheres Register) – sofortige Rücknahme, damit der Schluss nicht sentimental wird.