Illusion von Präsenz – Das lebendig werdende Bild als psychologisches und ästhetisches Motiv im romantischen Kunstlied

Das romantische Kunstlied des 19. Jahrhunderts thematisiert häufig eine besondere Form innerer Wahrnehmung: Unbelebte Bilder, Erinnerungen oder Vorstellungen erscheinen dem lyrischen Ich als lebendige Gegenüber. Diese Erfahrung, in der Vorstellung erzeugte Präsenz als real zu empfinden, gehört zu den zentralen Ausdrucksformen romantischer Subjektivität. Moderne Psychologie und Neurowissenschaften beschreiben heute präzise Mechanismen, die diesem poetischen Motiv entsprechen.

Beim Anblick eines Bildes oder bei der intensiven Erinnerung an eine vertraute Person aktiviert das Gehirn Netzwerke der Gesichtserkennung, Emotion und sozialen Kognition. Studien zeigen, dass Porträts oder vorgestellte Personen ähnliche Aktivierungsmuster hervorrufen wie reale soziale Interaktion (Haxby et al., 2000; Gobbini & Haxby, 2007). Dadurch entsteht eine mentale Simulation sozialer Gegenwart, die subjektiv als reale Präsenz erlebt werden kann.

Vittorio Gallese bezeichnet diesen Vorgang als embodied simulation: Wahrnehmung und Imagination erzeugen körperlich-emotionale Resonanzen, die Kunstwerke „beleben“ (Gallese, 2011). In der Kunstpsychologie wird von aesthetic presence gesprochen – dem Eindruck, dass ein Kunstwerk oder inneres Bild eine eigenständige Lebendigkeit entfaltet (Zeki, 1999).

Hinzu tritt das autobiographische Gedächtnis: Bilder und Vorstellungen aktivieren persönliche Erinnerungsschemata, wodurch vergangene Beziehungserfahrungen in die Gegenwart des Bewusstseins treten (Conway & Pleydell-Pearce, 2000). Besonders in Situationen von Sehnsucht, Trennung oder Verlust intensiviert sich diese Simulation. Entscheidend ist: Es handelt sich nicht um pathologische Halluzination, sondern um eine normale, emotional verstärkte Form menschlicher Vorstellungsfähigkeit.

Das romantische Kunstlied bildet genau diese inneren Wahrnehmungsprozesse musikalisch ab: vom statischen Betrachten oder Erinnern über zunehmende Belebung der Vorstellung bis hin zur Erkenntnis ihrer Illusionshaftigkeit. Die Musik übernimmt dabei die Funktion, psychische Dynamik in Zeit und Klang zu übersetzen.

Damit erweist sich das romantische Lied als frühe künstlerische Beschreibung jener mentalen Prozesse, die heutige Kognitionsforschung experimentell nachweist: Das menschliche Bewusstsein kann aus Bildern und Erinnerungen soziale Realität erzeugen.

Literatur (Auswahl)

  • Conway, M. A., & Pleydell-Pearce, C. (2000): The Construction of Autobiographical Memories. Psychological Review, 107(2).
  • Gallese, V. (2011): Embodied Simulation Theory. Neuropsychologia, 49.
  • Gobbini, M. I., & Haxby, J. V. (2007): Neural Systems for Recognition of Familiar Faces. Neuropsychologia, 45.
  • Haxby, J. V. et al. (2000): The Distributed Human Neural System for Face Perception. Trends in Cognitive Sciences.
  • Zeki, S. (1999): Inner Vision: An Exploration of Art and the Brain. Oxford University Press.

Kunstlieder, in denen das Motiv der illusionären Präsenz gestaltet wird

Franz Schubert

  • Ihr Bild (D 957/2) – Bild wird scheinbar lebendig
  • Siehe Artikel Ihr Bild
  • Der Doppelgänger (D 957/13) – Spiegelbild als fremde lebende Gestalt
  • Siehe Artikel Der Doppelgänger
  • Gretchen am Spinnrade (D 118) – imaginierte Gegenwart des Geliebten
  • Siehe Artikel Gretchen am Spinnrade
  • Du bist die Ruh (D 776) – innere Vergegenwärtigung der Geliebten
  • Im Dorfe (D 911/17) – Traum- und Wahrnehmungsverschränkung

Robert Schumann

  • Ich grolle nicht (Dichterliebe Nr. 7) – inneres Bild trotz Trennung
  • Siehe Artikel Ich grolle nicht
  • Hör ich das Liedchen klingen (Dichterliebe Nr. 13) – Erinnerung wird gegenwärtig
  • Siehe Artikel Hör ich das Liedchen klingen
  • Mondnacht (op. 39 Nr. 5) – Verschmelzung innerer und äußerer Wahrnehmung

Hugo Wolf

  • Verborgenheit – Rückzug in innere Bilderwelt
  • Anakreons Grab – poetische Bildbeschwörung

Gustav Mahler

  • Ich bin der Welt abhanden gekommen – innere Präsenz ersetzt äußere Realität

Hinweis zur Verwendung: Dieser Text kann als theoretischer Rahmen dienen. In der Analyse einzelner Lieder lässt sich dann etwa formulieren: „Die im Lied dargestellte Belebung eines inneren Bildes lässt sich als Form der mentalen Präsenzillusion verstehen (vgl. Abschnitt »Illusion von Präsenz«).“