Franz Schubert: Klaviersonate Nr. 19 D 958
Franz Schubert: Klaviersonate c-Moll D 958 (Nr. 19) ist die erste der drei letzten Sonaten, die Schubert im September 1828 komponierte – nur wenige Wochen vor seinem Tod. Zusammen mit der A-Dur-Sonate D 959 und der B-Dur-Sonate D 960 bildet sie eine gewaltige Trilogie der Spätzeit. Die c-Moll-Sonate ist das dramatischste dieser drei Werke: düster, schroff und von tiefer innerer Spannung erfüllt – oft als Schuberts Antwort auf Beethovens heroische Tradition verstanden.
Inhalt
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797 – 1828)
- Titel: Klaviersonate c-Moll D 958 („Sonate Nr. 19“)
- Entstehung: September 1828, Wien
- Erstveröffentlichung: 1839 bei Diabelli (herausgegeben von Robert Schumann)
- Dauer: ca. 30 – 35 Minuten
- Sätze:
- I. Allegro – c-Moll
- II. Adagio – As-Dur
- III. Menuetto (Allegro) – c-Moll, Trio in As-Dur
- IV. Allegro – c-Moll
Schubert begann die Arbeit an der c-Moll-Sonate kurz nach dem Tod Beethovens (1827) und im Angesicht seines eigenen nahenden Endes. Der Tonfall ist heroisch-tragisch, die Gestik orchestral. Viele sehen in ihr eine bewusste Auseinandersetzung mit Beethovens Pathétique und der Sonate op. 111 – doch mit unverkennbar schubertschem Ausdruck.
Analyse & Formverlauf
I. Allegro – c-Moll
Strenge Sonatenform mit dramatischer Exposition. Das Hauptthema ist von rhythmischer Wucht, abwärtsgerichtet und in Oktaven gesetzt; das Seitenthema in Es-Dur zeigt lyrische Zartheit unter dunklem Vorzeichen. Die Durchführung arbeitet mit sequentiellen Steigerungen und unerwarteten Modulationen – eine innere Kampfzone zwischen Form und Emotion. Die Coda endet nicht siegreich, sondern gebrochen.
II. Adagio – As-Dur
Liedform (A – B – A). Ein getragener Choral wird von plötzlichen Ausbrüchen unterbrochen; der Mittelteil führt in dramatische Chromatik. Der Rückkehr fehlt jedoch vollkommener Frieden – eine traumhafte, entrückte Klangwelt, die bereits die Spätromantik vorwegnimmt.
III. Menuetto – c-Moll / As-Dur
Streng im Charakter eines Menuetts gehalten, doch mit symphonischer Kraft. Das Trio in As-Dur wirkt wie ein kurzes Innehalten, ein Blick in eine mildere Welt – bevor die tragische Bewegung zurückkehrt.
IV. Allegro – c-Moll
Finale in Tarantella-Rhythmik (6/8). Der permanente Vorwärtsdrang und die rastlose Motorik lassen an Beethovens Op. 111 denken. Doch anstatt einer Erlösung endet das Werk in unversöhnlichem c-Moll – ein Ausdruck existentieller Kraft und Resignation.
Charakter & Ausdruck
Die Sonate D 958 zeigt Schubert auf dem Weg vom Liedkomponisten zum Dramatiker. Hier ist nichts von sentimentalem Charme – stattdessen Kampf, Düsternis und heroischer Widerstand. Dennoch finden sich Momente von tiefer menschlicher Sanftheit, vor allem im Adagio. Das Werk ist eine innere Tragödie, ohne Lösung im Licht.
Interpretation & Spielweise
- Klang: Kantig und transparent – die Dramatik entsteht aus Klarheit, nicht Lautstärke.
- Pedal: Zurückhaltend – Pedal nur zur Farbgebung, nicht zum Verschleiern.
- Tempo: Spannung aus innerem Puls, nicht aus äußerer Schnelligkeit.
- Adagio: Extrem feine Dynamiksteuerung, fließender Gesang über ruhiger Begleitung.
- Finale: Rhythmische Präzision entscheidend – die Tarantella als dämonischer Tanz.
Evgenia Fölsche – Aufführung
Evgenia Fölsche interpretiert die Sonate D 958 als monumentalen seelischen Monolog. Sie betont die Kontraste zwischen struktureller Klarheit und emotionaler Explosion, zwischen kraftvoller Deklamation und intimer Kantabilität. In ihren Konzertprogrammen steht die Sonate oft in Dialog mit Beethovens späten Werken oder Schumanns Kreisleriana.
FAQ – Schubert: Klaviersonate c-Moll D 958 (Nr. 19)
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Wann entstand die Sonate D 958?
Im September 1828 – zusammen mit den Sonaten D 959 und D 960. Es handelt sich um Schuberts letzte große Klavierwerke.
Wie lang dauert die Sonate?
Je nach Tempo etwa 30 bis 35 Minuten. Der erste Satz nimmt oft über 10 Minuten ein, das Finale ähnlich lang.
Wie schwer ist D 958 technisch?
Hoch anspruchsvoll: weite Akkordgriffe, Oktav-Passagen und hohe Klangkontrolle. Die Herausforderung liegt mehr in Dichte und Dramatik als in Virtuosität im engen Sinn.
Welche Bezüge bestehen zu Beethoven?
Die Tonart c-Moll und der tragische Gestus verweisen klar auf Beethovens Pathétique und die Sonate op. 111. Doch Schuberts Welt ist lyrischer und von innerer Resignation geprägt.
Quellenverzeichnis
- IMSLP – Sonata in C minor, D 958 (Schubert, Franz): Autograph, Erstausgabe 1839 (Diabelli / Schumann).
- Neue Schubert-Ausgabe – Serie VII, Band 2 (Bärenreiter / Henle): kritische Anmerkungen zu D 958.
- Grove Music Online – Artikel „Schubert, Franz – Piano Sonatas (D 958–960)“.