Franz Schubert: Klaviersonate Nr. 20 D 959

Franz Schubert: Klaviersonate A-Dur D 959 (Nr. 20) ist das zweite Werk seiner drei letzten Sonaten, komponiert im September 1828 – nur wenige Wochen vor seinem Tod. Gemeinsam mit den Sonaten D 958 (c-Moll) und D 960 (B-Dur) bildet sie ein monumentales Spätwerk-Trio, das zu den Höhepunkten der Klavierliteratur zählt. Die A-Dur-Sonate vereint klassische Architektur mit seelischer Weite, eruptiver Energie und zarter Innerlichkeit.

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
  • Titel: Klaviersonate A-Dur D 959 („Sonate Nr. 20“)
  • Entstehung: September 1828, Wien
  • Erstveröffentlichung: 1839 bei Diabelli, herausgegeben von Robert Schumann
  • Dauer: ca. 35–40 Minuten
  • Sätze:
    1. I. Allegro – A-Dur
    2. II. Andantino – F-Dur
    3. III. Scherzo (Allegro vivace) – A-Dur
    4. IV. Rondo (Allegretto) – A-Dur

Das Werk ist eine Synthese aus Beethovenscher Sonatenform und Schuberts eigener, weitgespannter Liedsprache. Zwischen heroischem Gestus und traumverlorener Innigkeit entfaltet sich eine der ergreifendsten Ausdruckswelten der Klavierromantik.

Analyse & Formverlauf

I. Allegro – A-Dur

Groß dimensionierte Sonatenform. Das markante Oktav-Eröffnungsmotiv und das lyrische Seitenthema bilden ein klassisches Gegensatzpaar. In der Durchführung steigert sich das Geschehen dramatisch bis zur rhythmisch aufgeladenen Reprise. Die Coda führt in eine transzendente Ruhe – ein Gleichgewicht zwischen Kraft und Melancholie.

II. Andantino – F-Dur

Dreiteilige Liedform (A–B–A). Ein schlichtes, fast volkstümliches Thema wird durch einen erschütternden Mittelteil in f-Moll unterbrochen – eine eruptive, visionäre Passage mit Tremoli und dissonanten Kaskaden. Die Rückkehr des Anfangs wirkt wie eine versöhnte Erinnerung – einer der ergreifendsten Momente der Klavierliteratur.

III. Scherzo (Allegro vivace) – A-Dur

Leichtes, tänzerisches Charakterstück mit Trio in D-Dur. Nach der Schwere des Andantino wirkt dieser Satz wie ein Aufatmen, mit federnder Artikulation und klassischer Transparenz.

IV. Rondo (Allegretto) – A-Dur

Rondo mit thematischer Rückbezüglichkeit: das Hauptthema erinnert an das Andantino. Episoden modulieren in entlegene Tonarten, verbinden Dramatik und Heiterkeit. Das Werk endet friedvoll – eine leuchtende Apotheose nach dem inneren Aufruhr.

Charakter & Ausdruck

Schuberts A-Dur-Sonate D 959 ist von inneren Spannungen getragen: heroische Geste und intime Lyrik, formale Klarheit und emotionale Abgründe. Der zweite Satz gilt als Schlüsselmoment spätromantischer Expressivität – ein Blick in die Tiefe der menschlichen Seele. Zugleich zeigt Schubert eine neue Freiheit der Form – jede Wiederkehr verwandelt das Bekannte.

Interpretation & Spielweise

  • Tempo: Innerer Puls statt äußerer Rasanz; jede Phrase atmet.
  • Pedal: Transparent führen – Halbpedal und Klangschichtung für orchestrale Wirkung.
  • Stil: Klassische Klarheit + romantische Freiheit – nie sentimental, stets erzählend.
  • Andantino: Der Mittelteil verlangt extreme dynamische Kontrolle – Explosion und Rückkehr in ein fast entrücktes Pianissimo.
  • Rondo: Lyrische Leichtigkeit mit bewusster Verbindung zum ersten Satz; klanglich „nach innen“ gespielt.

Evgenia Fölsche – Aufführung

Evgenia Fölsche interpretiert die A-Dur-Sonate D 959 als seelische Reise zwischen Licht und Schatten. Ihr Spiel betont die architektonische Größe des ersten Satzes, die emotionale Tiefe des Andantino und die feine Balance der Finalbewegung. In ihren Konzerten bildet das Werk oft den zentralen Ruhepunkt eines romantischen Programms.

FAQ – Schubert: Klaviersonate A-Dur D 959 (Nr. 20)

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Wann entstand die Sonate D 959?

Im September 1828, nur zwei Monate vor Schuberts Tod. Sie gehört zu seinem letzten Schaffensjahr und wurde erst 1839 veröffentlicht.

Wie ordnet sich D 959 in den Spätwerken ein?

Sie ist die mittlere der drei letzten Sonaten (D 958, D 959, D 960) und steht zwischen Tragik (c-Moll) und Transzendenz (B-Dur) – eine Balance von Kraft und Trost.

Wie anspruchsvoll ist die Sonate D 959?

Technisch hoch anspruchsvoll (weiträumige Arpeggien, dichte Textur, dynamische Differenzierung), zugleich interpretatorisch tief – sie verlangt Reife und klangliche Vorstellungskraft.

Wie lang dauert die Aufführung?

Je nach Tempo und Wiederholungen etwa 35–40 Minuten.

Quellenverzeichnis

  1. IMSLP – Sonata in A major, D 959 (Schubert, Franz): Autograph, Erstausgabe 1839 (Diabelli / Schumann).
  2. Neue Schubert-Ausgabe – Serie VII, Band 2 (Bärenreiter / Henle): kritischer Kommentar zu D 959.
  3. Grove Music Online – Artikel „Schubert, Franz – Piano Sonatas (D 958–960)“.