Domenico Scarlatti: Klaviersonaten

Domenico Scarlatti (1685–1757) hinterließ ein einzigartiges Labyrinth von rund 555 Sonaten für Tasteninstrument – funkelnde Miniaturen zwischen höfischer Eleganz, iberischem Temperament und kompositorischer Kühnheit. Seine Sonaten sind kurz, pointiert und radikal erfinderisch: Repetitionen, Gitarrenidiome, Handüberkreuzungen, kühne Modulationen und klare zweigeteilte Formen. Diese Seite bietet einen kompakten Überblick und verweist auf vertiefende Werkartikel, u. a. zu K. 9 und K. 141.

Historische Einordnung

Scarlatti wirkte nach Anfängen in Neapel und Rom vor allem an den Höfen Lissabon und Madrid als Lehrer der Prinzessin (später Königin) Maria Barbara. Seine gedruckten Essercizi per gravicembalo (London, 1738) präsentieren 30 Sonaten als Virtuosen-Visitenkarte; der überwältigende Rest ist in kostbaren Handschriften überliefert. Die Sonaten sind nicht „kleine Suitenstücke“, sondern eigenständige Einzelsätze – oft als Paar gedacht, stets als konzentrierte musikalische Idee.

Stilmerkmale & Idiome

  • Iberischer Gestus: Gitarrenanschläge, Kastagnetten-Anmutungen, Tanzrhythmen.
  • Technik & Mechanik: Repetitionen, Handüberkreuzungen, große Sprünge, Echoeffekte.
  • Klang & Textur: klare Zweistimmigkeit mit imitatorischen Verdichtungen; Bordun- und Trommelmuster.
  • Harmonik: kühne Wendungen bei klarer Tonalität; überraschende Seitenblicke in entfernte Bereiche.
  • Rhetorik: prägnante Motive, knappe Dramaturgie, pointierte Schlüsse – Affekt durch Bewegung.

Form & Dramaturgie

Die meisten Sonaten folgen der scarlattischen Binary Form mit Wiederholungen: A‖: :‖B. A exponiert Motivik und moduliert zur Dominante/Paralleltonart; B verarbeitet sequentiell, führt in Nebenräume und kehrt zur Tonika zurück. Wiederholungen sind kein Formalismus, sondern rhetorische Aufladung – ideal für feine Ornamentik-Varianten.

Aufführungspraxis: Cembalo & Klavier

  • Cembalo: leichtes Non-Legato, deutliche Konsonanten, klare metrische Profile, Verzierungen „vor dem Schlag“.
  • Modernes Klavier: Transparenz vor Klangfülle; Pedal nur als „Atem“. Artikulation und Puls definieren den Stil.
  • Wiederholungen: Gelegenheit zu dezenten Diminutionen/Ornamenten; Dynamik fein differenzieren.

Werkverzeichnisse: Kirkpatrick & Longo

Im 20. Jahrhundert setzte sich die Nummerierung nach Ralph Kirkpatrick (K-Nummern) durch; ältere Literatur verwendet Alessandro Longo (L-Nummern). Beispiel: K. 9 = L. 413, K. 141 = L. 422. In Programmheften empfiehlt es sich, beide Nummern zu nennen.

Einstieg & Empfehlungen

  • K. 9 d-Moll („Pastorale“): kantabel, bordunartig, poetisch – ideal als lyrischer Ruhepunkt.
  • K. 141 d-Moll: Repetitionsfeuerwerk – Musterbeispiel für scarlattische Motorik und Präzision.
  • Weitere Klassiker: K. 27 h-Moll (cantabile), K. 96 D-Dur (Trompeten-Glanz), K. 208/209 A-Dur (Zwillingspaar).

Evgenia Fölsche – Repertoire

Pianistin Evgenia Fölsche verbindet cembalistisches Denken mit der Klangpoesie des modernen Flügels. In Konzertprogrammen erscheinen Scarlatti-Sonaten als thematische Gruppen: Pastorale (K. 9), Motorik (K. 141), Cantilena (K. 27) u. a. Für Anfragen und Programmpakete siehe Kontakt.

Werkartikel: Vertiefung & Analysen

FAQ – Domenico Scarlatti & seine Sonaten

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Wie viele Scarlatti-Sonaten gibt es?

Etwa 555. Der Großteil ist in Handschriften überliefert; 30 Sonaten erschienen 1738 als Essercizi.

Sind die Sonaten für Cembalo oder Klavier gedacht?

Ursprünglich für Cembalo; auf dem modernen Klavier spielbar, jedoch mit Fokus auf Transparenz, Artikulation und sparsames Pedal.

Was bedeuten K- und L-Nummern?

K = Kirkpatrick (heute Standard), L = Longo (älter). Beispiel: K. 9 = L. 413; K. 141 = L. 422.

Welche Sonaten eignen sich für den Einstieg?

K. 9 (cantabile), K. 27 (lyrisch), K. 208/209 (A-Dur-Paar). Für Virtuosität: K. 141, K. 96, K. 119.