Domenico Scarlatti Klaviersonate K9
Domenico Scarlatti – Klavoersonaten:
Domenico Scarlatti: Sonate K. 9 d-Moll (L. 413) – „Pastorale“ gehört zu den bekanntesten Stücken aus den Essercizi per gravicembalo (1738): eine liedhafte, arios fließende Eingebung, deren einfache Oberfläche reich an satztechnischen Feinheiten ist. Typisch scarlattisch erscheinen die klar gegliederten Perioden, die tänzerische Motorik und der Wechsel zwischen d-Moll-Ernst und aufhellenden Dur-Inseln. In Konzerten wirkt K. 9 als poetische Miniatur – konzentriert, transparent, zugleich hochartikuliert.
Inhalt
Werkdaten und Form
Basisdaten
- Komponist: Domenico Scarlatti (1685–1757)
- Titel: Sonate d-Moll K. 9 (Kirkpatrick), L. 413 (Longo) – häufig „Pastorale“
- Quelle/Opus: Essercizi per gravicembalo (1738, London)
- Tempo/Charakter: meist Andante/Allegretto – pastorale Cantilene mit tänzerischem Puls
- Taktart: überwiegend 3/8 bzw. 3/4 (je nach Edition)
- Besetzung: Cembalo; auf dem modernen Klavier mit stilgerechter Artikulation spielbar
- Durchschnittliche Dauer: ca. 3–4 Minuten
- Besonderheit: klare Periodik, imitatorische Einsätze, bordunartige Bassformeln („Pastorale“-Anmutung)
Form & Struktur
Klassische scarlattische Zweiteilige Form (Binary) mit Wiederholungen: A‖: :‖B. Der A-Teil exponiert die Hauptgedanken in d-Moll und moduliert in benachbarte Tonräume; der B-Teil führt Sequenzen, imitatorische Verdichtungen und Rückmodulationen zur Ausgangstonart. Die melodische Oberstimme bleibt kantabel, während im Bass ein ruhiger, teils „bordunartiger“ Puls die pastorale Aura stützt.
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Entstehung & Quellen
Lebenssituation & Kontext
Scarlatti wirkte seit den 1720er Jahren an den iberischen Höfen von Lissabon und Madrid, als Lehrer der Prinzessin (später Königin) Maria Barbara. Die Essercizi markieren 1738 die erste gedruckte Sammlung – eine Virtuosenvisitenkarte mit 30 Sonaten (K. 1–30). K. 9 repräsentiert darin die cantabile Seite: weniger akrobatische Überkreuzungen, dafür edles Linienspiel, durchdachte Stimmführung und sprechende Artikulation.
Essercizi & Überlieferung
- Erstdruck: London 1738 (Essercizi per gravicembalo)
- Katalogisierung: Kirkpatrick (K-Nummern), Longo (L-Nummern); K. 9 = L. 413
- Quellenlage: Neben dem Druck sind mehrere zeitnahe Abschriften überliefert; kleinere Lesarten betreffen vor allem Artikulation und Verzierungen.
Aufführung & Rezeption
Seit dem 20. Jahrhundert zählt K. 9 zu den meistgespielten Scarlatti-Sonaten im Konzert und Unterricht. Pianistische Referenzen zeigen zwei Grundrichtungen: ein transparenter, eher „cembalistischer“ Zugriff mit leichtem Non-Legato – oder eine cantabile Klavierästhetik mit fein gebundenen Phrasen, die die „Pastorale“ als gesangliche Miniatur versteht.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Vladimir Horowitz – lyrisch, farbenreich, flexible Agogik
- Martha Argerich – kantabel, federndes Tempo
- Igor Levit – klare Artikulation, strukturbewusst
- Scott Ross (Cembalo) – stilprägend, texttreu
- Zuzana Růžičková (Cembalo) – elegante Linienführung
Musiktheoretische Analyse
Form & Dramaturgie
A-Teil: periodische Cantilene in d-Moll; kontrastierende Phrasen mit antwortendem Bassmotiv. Modulatorische Wendungen nach F-Dur und a-Moll bereiten die Halbschlusslage vor. B-Teil: motivische Verarbeitung (Sequenzen, Imitationen) führt durch verwandte Tonfelder (C-Dur/F-Dur) und kehrt über dominanten Vorhalt zur Tonika d-Moll zurück.
Harmonik & Tonartenplan
- Stufenprofil: I – iv – V/V – V im A-Teil; in B Sequenzen über ♭VII/III (C/F) mit Rückführung
- Charakterwechsel: Dur-Aufhellungen (F/C) erzeugen „pastorale“ Milde, ohne die Grundtrauer des d-Moll zu negieren
Textur, Artikulation & Ornamentik
- Textur: zwei- bis dreistimmig; klare Oberstimme, stützender Bass, gelegentlich imitatorische Mittelstimmen
- Artikulation: leicht federndes Non-Legato mit punktuellen Bindebögen; portato für pastorale Weichheit
- Ornamentik: kurze Vorschläge, Mordente, Triller – stilgerecht „vor dem Schlag“ ansetzen; sparsame, aber gezielte Auszierung wiederholter Phrasen
- Pedal: minimal; allenfalls Atem-Pedal auf langen Bögen – Transparenz hat Priorität
Aufführungspraxis – praktische Hinweise
- Tempo-Rahmen: eher Andante/Allegretto; der pastorale Puls bleibt ruhig – Klangsinn statt Eile
- Phrasierung: Zwei-Takt-Atmung beachten; rhetorische „Kommas“ an Kadenzen
- Voicing: oberste Stimme singen lassen; Bass nie „stampfen“ – leichte Gewichtung
- Wiederholungen: dezent variieren (Ornamente, Binnen-Dynamik) – barocke Praxis reflektieren
Ausdruck & Deutung
Der Beiname „Pastorale“ verweist auf eine landschaftliche, gelassene Empfindung: ein gleichmäßiger Grundpuls, bordunartige Bassmuster und eine gesangliche Linie. Scarlatti verbindet höfische Eleganz mit volkstümlich anmutender Schlichtheit – eine Mischung, die seine iberischen Jahre prägt und K. 9 zu einer sprechenden Miniatur macht.
Wer Scarlattis virtuose Seite (Handüberkreuzungen, Repetitionen) kennt, entdeckt hier die poetische Binnenwelt: Kleine Gesten tragen große Wirkung – bei perfekter Artikulation und feinnervigem Timing.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Aufnahme
Pianistin Evgenia Fölsche präsentiert K. 9 regelmäßig als lyrischen Ruhepunkt in barocken und klassizistischen Programmen. Ihr Fokus liegt auf einer vokalen Oberstimme, atmender Periodik, stilgerechten Verzierungen und äußerst schlankem Pedal – eine Lesart, die den cembalistischen Kern auf dem modernen Flügel hörbar macht.
Musikeinspielung & Kontakt
Konzertanfrage
Die Sonate K. 9 von Domenico Scarlatti gehört zum Repertoire von Evgenia Fölsche und wird regelmäßig im Rahmen von Konzertengagements aufgeführt. Für Programmvorschläge, Terminabsprachen und Engagement-Anfragen nehmen Sie bitte Kontakt auf.
Konzertanfrage sendenHäufige Fragen zu Scarlatti: Sonate K. 9 d-Moll
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Warum heißt K. 9 „Pastorale“?
Der Beiname ist nicht original, hat sich aber wegen bordunartiger Bässe, schlichter Cantilene und ruhigem Puls eingebürgert – typische „pastorale“ Signale.
Wie lang ist die Sonate und welcher Schwierigkeitsgrad?
Etwa 3–4 Minuten; technisch moderat, jedoch hohe Anforderungen an Artikulation, Phrasenatmung, Timing und stilgerechte Ornamentik.
Welche Ausgabe empfehlen Sie?
Kirkpatrick-basierte Urtext-Editionen sowie quellennahe Ausgaben, die Artikulations- und Verzierungsvorschläge dokumentieren; wichtig ist eine klare Unterscheidung von Drucktext und editorischen Zusätzen.
Wie viel Pedal ist stilgerecht?
So wenig wie möglich: höchstens „Atem-Pedal“ für längere Bögen. Transparenz und klare Konsonanten der Artikulation haben Vorrang.
Sollte man die Wiederholungen verzieren?
Ja, dezent: kurze Vorschläge/Mordente, gelegentliche Kadenztriller. Wiederholungen bieten Raum für feine Variation – stets im Stilrahmen.
Fragen zu Artikulation, Verzierungen oder Programmgestaltung? Jetzt unverbindlich Kontakt aufnehmen.
Quellenverzeichnis
- Essercizi per gravicembalo (1738) – Erstdrucksammlung der Sonaten K. 1–30.
- Katalogisierung nach Ralph Kirkpatrick (K-Nummern) und Alessandro Longo (L-Nummern): K. 9 = L. 413.
- Allgemeine Hinweise zur Aufführungspraxis (Artikulation, Ornamentik, Pedal) aus Standardliteratur zur Cembalo- und Frühklavierpraxis.