Franz Schubert: Auf dem Wasser zu singen
„Auf dem Wasser zu singen“, Op. 72, D 774, ist Schuberts berückendes Wasser-Lied nach Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg. Über barcarollenhaftem 6/8 trägt das Klavier die Stimme wie ein Boot: schimmerndes Licht, sanfter Wellengang – und darunter die Meditation über das Vergehen der Zeit. Das Lied spannt pro Strophe einen Bogen vom Leuchten zur Wehmut: ein Gleiten von Glanz in Erinnerung.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Friedrich Leopold zu Stolberg – moderne Orthographie)
Gedicht „Auf dem Wasser zu singen“ – Friedrich Leopold Graf zu Stolberg-Stolberg
Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
gleitet, wie Schwäne, der wankende Kahn;
ach, auf der Freude sanftschimmernden Wellen
gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
denn von dem Himmel herab auf die Wellen
tanzet das Abendrot rund um den Kahn.
Über den Wipfeln des westlichen Haines
winket uns freundlich der rötliche Schein;
unter den Zweigen des östlichen Haines
säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
atmet die Seel’ im errötenden Schein.
Ach, es entschwindet mit tauigem Flügel
mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel
wieder wie gestern und heute die Zeit,
bis ich auf höherem strahlenden Flügel
selber entschwinde der wechselnden Zeit.
Orthographie behutsam modernisiert (z. B. vereinheitlichte Akzent- und Apostrophsetzung); metrisch unverändert.
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
- Opus/Titel: Auf dem Wasser zu singen Op. 72, D 774
- Textvorlage: Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg (1750–1819)
- Komposition: 1823; Erstdruck 1823
- Tonart / Takt / Tempo: häufig As-Dur (Transpositionen gängig), 6/8, Vortragsangabe mäßig geschwind
- Dauer: ca. 3–4 Minuten
- Besetzung: Singstimme und Klavier
- Form: variierte Strophik (3 Strophen) – Begleitung und Dynamik differenziert
Daten zum Vers
- Autor: Friedrich Leopold Graf zu Stolberg-Stolberg
- Strophenform: 3 Strophen à 6 Verse; jambischer Grundgang
- Stilmittel: Wasser-Metapher als Zeitbild, Parallelismen, farbige Lichtsemantik („Abendrot“, „rötlicher Schein“)
Entstehung & Kontext
Entstanden 1823 in einer Hochphase des Liedschaffens. Schubert übersetzt Stolbergs empfindsamen Naturtext in ein barcarollenartiges Fließen; die musikalische Oberfläche glänzt, der Untergrund reflektiert Vergänglichkeit. Als Parallele existiert Liszts berühmte Klaviertranskription (S. 558).
Aufführungspraxis & Rezeption
Puls & Diktion: gleichmäßiger 6/8-Wiegepuls, keine „Wellenakzente“; Vokale verbinden, Konsonanten weich binden. Ruhe und Schimmer statt Eile.
Klavierbild: durchlaufende gebrochene Akkorde/Arpeggien als Wasserfläche; Pedal schlank staffeln, damit harmonische Farben („Abendrot“) aufleuchten, ohne zu verschwimmen.
Rezeption: eines der meistaufgeführten lyrischen Schubert-Lieder; Sinnbild für Zeitfluss und Erinnerung.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Fritz Wunderlich – Hubert Giesen
- Elly Ameling – Dalton Baldwin
- Ian Bostridge – Julius Drake
- Matthias Goerne – Christoph Eschenbach
Analyse – Musik
Wellenfigur & Zeitfluss
Der stete 6/8-Gestus lässt das „Gleiten“ hörbar werden: rechte Hand – schimmernde Arpeggien; linke Hand – ruhige Rollbewegung. Die Motorik kennt keinen Startpunkt, kein Ziel: musikalisches Bild eines kontinuierlichen Zeitstroms.
Harmonische Bewegung & Licht
Im hellen Raum von As-Dur öffnen Modulationen zu nahen Regionen (Es-Dur, f-Moll) „Lichtfenster“. Strophen schließen wie Atemzüge: gelöst, nie final – Erinnerung statt Abschluss.
Analyse – Dichtung
Stolbergs Text entwirft eine doppelte Spiegelung: Naturbild (Boot/Wellen/Abendrot) und Seelenbild („die Seele gleitet“). Strophe 2 weitet die Szene (West/Ost, Wald/Kalmus) und ruft ein equilibriges Dämmerlicht auf; Strophe 3 artikuliert die Zeitmetapher explizit („entschwindet … Zeit“).
Aussage & Wirkung
„Auf dem Wasser zu singen“ kondensiert Schuberts Natur-Symbolik: Fließen = Zeit, Licht = Erinnerung. Der Gesang ruht – und gleitet zugleich: ein stilles Memento der Vergänglichkeit.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche gestaltet den Wiegepuls als atmende Welle; die Stimme führt ruhige Bögen mit klarer Diktion. Rubati nur als feine „Atemverbreiterung“ – der Fluss bleibt ungebrochen.
Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen
Häufige Fragen zu Schubert: „Auf dem Wasser zu singen“ Op. 72 (D 774)
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Wer schrieb den Text?
Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg (1750–1819).
Tonart, Takt und Tempo?
Meist As-Dur, 6/8, Vortragsangabe mäßig geschwind (barcarollenhaft).
Strophenform?
Variierte Strophik (3 Strophen) mit feiner Begleit- und Dynamikdifferenzierung.