Franz Schubert: Der Musensohn
„Der Musensohn, D 764“ zählt zu Schuberts heiteren, virtuosen Liedern auf einen Text von Johann Wolfgang von Goethe. In ihm wandert der lyrische Sprecher „durch Feld und Wald“ und pfeift sein Liedchen fort – ein leichtfüßiger, schwungvoller Ton herrscht vor. Doch unter dem scherzhaften Gehgestus klingt zugleich die Frage nach der Rolle des Künstlers an – Frohsinn mit feinem Unterton.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Goethe – moderne Orthographie)
Gedicht „Der Musensohn“ – Johann Wolfgang von Goethe
Durch Feld und Wald zu schweifen,
mein Liedchen weg zu pfeifen,
so geht’s von Ort zu Ort.
Und nach dem Takte regt
und nach dem Maß bewegt
sich alles an mir fort.
Ich kann sie kaum erwarten,
die erste Blum’ im Garten,
die erste Blüt’ am Baum.
Sie grüßen meine Lieder,
und kommt der Winter wieder,
sing’ ich noch jenen Traum.
Ich sing’ ihn in der Weite,
auf Eises Läng’ und Breite,
da blüht der Winter schön!
Auch diese Blüte schwindet,
und neue Freude findet
sich auf bebauten Höhn.
Denn wie ich bei der Linde
das junge Völkchen finde,
sogleich erreg’ ich sie.
Der stumpfe Bursche bläht sich,
das steife Mädchen dreht sich
nach meiner Melodie.
Ihr gebt den Sohlen Flügel
und treibt durch Tal und Hügel
den Liebling weit von Haus.
Ihr lieben, holden Musen,
wann ruh’ ich ihr am Busen
auch endlich wieder aus?
Orthographie modernisiert (z. B. „sing’“, „Blüte“, „Busen“); Interpunktions- und Apostrophgebrauch dem gebräuchlichen modernen Abdruck angenähert.
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
- Titel: Der Musensohn D 764 (Op. 92 Nr. 1)
- Textvorlage: Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
- Komposition: Dezember 1822; Erstdruck 1828
- Tonart / Takt / Tempo: G-Dur (ursprüngliche Fassung A♭-Dur), 6/8, Vortragsangabe ziemlich lebhaft
- Dauer: ca. 2½–3 Minuten
- Besetzung: Singstimme und Klavier (Transpositionen gängig)
- Form: strophisches Lied (5 Strophen) mit feinen Begleit- und Phrasierungsvarianten
Daten zum Vers
- Autor: Johann Wolfgang von Goethe
- Strophenform: 5 Strophen à 6 Verse; durchgehender, tänzelnder Duktus
- Stilmittel: Alliteration („Tal und Hügel“), direkte Anrede („Ihr lieben, holden Musen“), jahreszeitliche Bilder, Schlussfrage
Entstehung & Kontext
Schubert schrieb „Der Musensohn“ im Dezember 1822 im Rahmen seiner intensiven Goethe-Beschäftigung. Das Lied zeigt ihn als Meister des leichten Tons: ein Wander- und Künstlerbild, das spielerische Bewegung und poetische Reflexion verbindet.
Die Publikationsfassung in G-Dur (mit bequemerer Lage) verbreitete sich rasch; die frühe A♭-Dur-Fassung wirkt klanglich „gläserner“ und höher glänzend – beide betonen die unbeschwerte Geste des Unterwegsseins.
Aufführungspraxis & Rezeption
Puls & Diktion: beschwingter 6/8-Puls mit klarer Silbenartikulation; die Konsonanten weich gebunden, die Vokale elastisch geführt. Das „Wandern“ bleibt stets leichtfüßig – keine Hektik.
Klavierbild: bewegte Achtel-Figuren tragen die Melodie; rechte Hand mit kleinen wellenartigen Motiven, linke Hand stabilisiert tänzerisch. Pedal sparsam, damit der Schwung transparent bleibt.
Rezeption: Beliebtes Zugaben-Lied; publikumsnah, ohne auf Virtuosität und Feinheit zu verzichten.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Dietrich Fischer-Dieskau – Gerald Moore / Jörg Demus
- Christine Schäfer – Graham Johnson
- Christoph Prégardien – Michael Gees
- Ian Bostridge – Julius Drake
Analyse – Musik
Form & Begleitung
Strophische Anlage mit reaktivem Klavier: Die Begleitung „malet“ das Schweifen („Durch Feld und Wald“) durch federnde 6/8-Bewegungen. Lokale Akzente – etwa bei „bläht sich / dreht sich“ – werden durch kleine Impulse, Artikulations-Kontraste und dynamische Spitzen hörbar gemacht.
Tonalität & Wirkung
Die Dur-Leuchtkraft und der stetige 6/8-Fluss vermitteln „Flügel“ und Auftrieb (vgl. „Ihr gebt den Sohlen Flügel“). Gegen Ende rahmt eine zarte Agogik die Schlussfrage („Wann ruh’ ich … aus?“): das kecke Lächeln öffnet einen melancholischen Subton, ohne die Heiterkeit zu brechen.
Analyse – Dichtung
Goethes „Musensohn“ ist Künstler-Selbstbild und Bewegungsszene: Er entzündet Gemeinschaft („das junge Völkchen“), ordnet Natur und Menschen „nach dem Takte“, bleibt aber selbst unruhig. Die abschließende Frage nach Ruhe („wann ruh’ ich … aus?“) markiert die feine Ambivalenz zwischen Bühne, Wirkung und persönlichem Bedürfnis.
Aussage & Wirkung im Liedschaffen
„Der Musensohn“ steht für Schuberts Kunst des leichten Tons: Virtuosität ohne Druck, Freude ohne Naivität. Das Lied verbindet öffentliche Wirkung (Ansporn der Menge) und inneren Nachklang (die unerfüllte Ruhe) – ein kleines Manifest des singenden Wanderers.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche hält den 6/8-Puls elastisch und transparent; die Melodie bleibt sprechnahe Linie mit klarem Text. Die Schlussfrage klingt in einem subtilen Rubato nach – charmant, nicht sentimental.
Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen
Häufige Fragen zu Schubert: „Der Musensohn“ D 764
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Welche Tonart wird bevorzugt aufgeführt?
G-Dur ist heute Standard (Publikationsfassung); die frühe A♭-Dur-Version existiert ebenfalls und wird gelegentlich verwendet.
Welches Tempo passt zu „ziemlich lebhaft“ im 6/8-Takt?
Beschwingt und fließend – der Puls bleibt federnd, ohne zu hetzen; Textverständlichkeit geht vor Tempo-Ehrgeiz.
Ist das Lied rein strophisch?
Ja, strophisch – doch die Begleitung variiert subtil (Artikulation, Dynamik, Phrasierung), wodurch die Dramaturgie lebendig bleibt.