Richard Strauss - Das Klavierlied
Richard Strauss (1864–1949) steht am Übergang von der Romantik zur Moderne – als Meister des Orchesterlieds, aber ebenso als Schöpfer feinster Klavierlieder. Über 150 Lieder begleiten sein Leben von den frühen Münchener Jahren bis zu den Vier letzten Liedern. Strauss’ Liedsprache vereint Leidenschaft und Transparenz, Melos und Deklamation, Intimität und orchestrale Weite. Diese Seite führt in seine Liedwelt ein – mit Fokus auf zentrale Opusgruppen und ausgewählte Werke.
Inhaltsverzeichnis
Komponistenprofil & Ästhetik
Strauss’ Liedästhetik verbindet Vokallinie als Ausdruck mit harmonischem Reichtum. Während Schubert den inneren Monolog formte, inszeniert Strauss das Lied als Miniaturdrama: Atem, Blick, Geste, orchestrale Klangfarben – selbst im Klavierlied. Typisch sind gedehnte Zeiträume („Morgen!“), aufleuchtende Gesten („Zueignung“) und duftige Bewegungsfiguren („Ständchen“). Seine Lieder sind Seelenporträts, die zwischen Melos und Wortspannung pendeln.
Werklandschaft – Zyklen & Gruppen
- Frühe Lieder (1880–1885): Einfluss von Schumann und Wolf; Texte meist von Hermann von Gilm – Sammlung Op. 10 „Letzte Blätter“.
- Mittlere Phase (1886–1894): Erweiterte Harmonik, Übergang zu orchestralen Farben – z. B. „Ständchen“ Op. 17 Nr. 2, „Die Nacht“, „Allerseelen“.
- Reifezeit (1894 ff.): Lyrisch-kontemplative Meisterwerke wie „Morgen!“ Op. 27 Nr. 4, in der Ruhe selbst zur Form wird.
- Spätwerk (nach 1900): Orchesterlieder, Vier letzte Lieder (1948), Rückblick und Erfüllung.
Fokus: Opusgruppen & Hauptlieder
Die wichtigsten Liedgruppen und Einzelwerke auf dieser Website:
Op. 10 – „Letzte Blätter“
Acht Gedichte von Hermann von Gilm (1885): Jugendlicher Schwung, lyrischer Dank – mit Zueignung, Die Nacht, Allerseelen.
Op. 17 – Sechs Lieder nach Schack
Intime Liebesminiaturen – Ständchen als klingender Inbegriff nächtlicher Bewegung.
Op. 27 – Vier Lieder
Geschenke zur Hochzeit mit Pauline de Ahna (1894): Morgen!, Ruhe, meine Seele, Cäcilie, Heimliche Aufforderung.
Weitere Lieder
Kornblumen, Allerseelen, Die Nacht – Poetische Naturbilder und seelische Spiegelungen.
Einzellieder auf dieser Website:
Zueignung (Op. 10 Nr. 1) ·
Die Nacht (Op. 10 Nr. 3) ·
Allerseelen (Op. 10 Nr. 8) ·
Ständchen (Op. 17 Nr. 2) ·
Kornblumen (Op. 22 Nr. 1) ·
Morgen! (Op. 27 Nr. 4)
Aufführungspraxis – Interpretation & Klavierpart
- Vokale Linie: Strauss verlangt legato parlando – jede Silbe gesungen, aber in Sprache verwurzelt.
- Dynamik: Weite Bögen statt plötzlicher Akzente; Espressivo entsteht durch Spannung, nicht Lautstärke.
- Klavier: Gleichberechtigter Partner. Oft orchestrales Denken im Satz (z. B. Tremoli, Arpeggien, Klangflächen).
- Agogik: Mikrobewegungen an Textkernen; die Linie „atmet“ – keine metrische Starre.
- Interpretation: Emotion und Kontrolle verbinden; Pathos ist erlaubt, Überdruck nicht.
Hören & Aufnahmen (Auswahl)
- Historisch: Lotte Lehmann / Paul Ulanowsky · Elisabeth Schwarzkopf / Gerald Moore.
- Modern: Diana Damrau / Helmut Deutsch · Jonas Kaufmann / Helmut Deutsch · Christian Gerhaher / Gerold Huber.
- Orchesterfassungen: Renée Fleming / Christian Thielemann (Wiener Philharmoniker) · Jessye Norman / Gewandhausorchester Leipzig.
FAQ – Richard Strauss & seine Klavierlieder
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Wie viele Lieder schrieb Richard Strauss?
Über 150 Lieder mit Klavierbegleitung (später auch Orchesterfassungen). Die wichtigsten Zyklen sind Op. 10, 17, 21, 27 und 29.
Was unterscheidet Strauss’ Liedsprache von Schubert oder Schumann?
Eine größere harmonische Expansion und ein stark theatralischer Zugriff. Das Lied wird Miniaturdrama: Wort = Geste = Klangfarbe.
Sind die Klavierlieder identisch mit den Orchesterliedern?
Nein. Viele wurden erst später orchestriert (z. B. Morgen!, Zueignung). Die Klavierfassung bleibt jedoch das Original.
Welche Lieder eignen sich für den Einstieg?
„Zueignung“ (emphatisch) und „Morgen!“ (meditativ) bilden ideale Gegensätze zum Kennenlernen.