Richard Strauss: Allerseelen

Symbolistische Visualisierung zu Richard Strauss’ Lied „Allerseelen“ Op. 10 Nr. 8: Ein herbstlicher Tisch mit Reseden und roten Astern steht vor einem stillen Friedhofstor; eine durchscheinende Gestalt und eine ausgestreckte Hand verbinden Erinnerung, Liebe, Vergänglichkeit und den Wunsch nach Wiederkehr „wie einst im Mai“.

Dieses Bild ist meine visuelle Deutung von Richard Strauss’ „Allerseelen“. Es macht jene Schwebe sichtbar, die das Lied trägt: zwischen Herbst und Erinnerung, zwischen Grabblüten und Liebesnähe, zwischen Vergänglichkeit und dem Wunsch, das Vergangene noch einmal gegenwärtig werden zu lassen – „wie einst im Mai“.

Autorin: Evgenia Fölsche

„Allerseelen“ ist eines der innigsten Lieder Richard Strauss’. Auf dieser Seite wird das Lied als Raum zwischen Dichtung, Musik, Bild und Erinnerung erfahrbar: ein stiller Allerseelentag, an dem Blumen, Gräber, Handberührung und der Refrain „Wie einst im Mai“ die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart für einen Augenblick öffnen.

„Allerseelen“, Op. 10 Nr. 8, beschließt Richard Strauss’ frühen Liederzyklus Acht Gedichte aus „Letzte Blätter“, Op. 10. Der Text stammt von Hermann von Gilm. In weitgespannter As-Dur-Kantilene und klangvoller Begleitung verbindet sich sehnsüchtige Erinnerung mit verhaltener Feierlichkeit.

Das Lied steht an der Schwelle zwischen Liebeslied und Totenlied. Der Allerseelentag wird nicht als düstere Szene gestaltet, sondern als Tag einer möglichen Wiederbegegnung: Blumen stehen auf dem Tisch und auf den Gräbern, eine Hand wird heimlich gedrückt, ein Blick ruft Vergangenes zurück. Der Refrain „Wie einst im Mai“ verwandelt Herbst und Tod in Erinnerung an eine frühere Liebesfülle.

Der Vers von Hermann von Gilm – moderne Orthographie

„Allerseelen“ – Hermann von Gilm (1812–1864), aus Letzte Blätter

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
die letzten roten Astern trag herbei,
und lass uns wieder von der Liebe reden,
wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke,
und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei;
gib mir nur einen deiner süßen Blicke,
wie einst im Mai.

Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe,
ein Tag im Jahr ist ja den Toten frei;
komm an mein Herz, dass ich dich wieder habe,
wie einst im Mai.

Text: Hermann von Gilm (1812–1864); moderne Orthographie und behutsam modernisierte Zeichensetzung. Erstdruck in Letzte Blätter (1858). Komposition von Richard Strauss: 1885; Veröffentlichung in Op. 10: 1887.

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Richard Strauss (1864–1949)
  • Titel: Allerseelen, Op. 10 Nr. 8
  • Liedgruppe: Acht Gedichte aus „Letzte Blätter“, Op. 10
  • Textvorlage: Hermann von Gilm, aus Letzte Blätter
  • Komposition: 1885; veröffentlicht 1887 bei Joseph Aibl, München
  • Tonart / Takt / Tempo: As-Dur, 4/4, Sehr ruhig
  • Dauer: ca. 3½–4 Minuten
  • Besetzung: Singstimme und Klavier; später auch Orchesterfassung von Richard Strauss
  • Form: dreistrophig mit Refrain „Wie einst im Mai“; harmonisch und dynamisch veredelte Strophik

Daten zum Vers

  • Autor: Hermann von Gilm (1812–1864)
  • Sprache: Deutsch
  • Zentrale Bilder: Reseden, rote Astern, Tisch, Hand, Blick, Gräber, Allerseelen, Wiederkehr, Mai
  • Stilmittel: Refrain, Erinnerungsmotiv, Blumen- und Grabsemantik, Liebesanrede, zeitliche Schleife

Entstehung & Kontext

Strauss komponierte „Allerseelen“ im Jahr 1885 als Teil seiner frühen Liedgruppe Acht Gedichte aus „Letzte Blätter“, Op. 10. Die Sammlung zeigt den jungen Komponisten bereits als außerordentlich sensiblen Liedgestalter: mit weit atmender Melodik, dichter Harmonik und einer starken Fähigkeit, Gedichtstimmungen in musikalische Räume zu verwandeln.

Innerhalb von Op. 10 steht „Allerseelen“ als Schlusslied an einer besonderen Stelle. Nach verschiedenen Formen von Liebesansprache, Nacht, Sehnsucht und Erinnerung wird hier der Blick auf einen Tag gerichtet, an dem die Toten symbolisch noch einmal frei sind. Die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, Gegenwart und Vergangenheit, Herbst und Mai wird durchlässig.

Gilm verbindet die Allerseelen-Symbolik mit einer sehr persönlichen Liebesbitte. Strauss verstärkt diese Ambivalenz nicht durch dramatische Zuspitzung, sondern durch ruhige Weite. Das Lied wirkt wie eine Erinnerung, die nicht laut zurückkehrt, sondern sich langsam im Klang ausbreitet.

Aufführungspraxis & Rezeption

Gesang: Die Stimme braucht eine weite, atmende Linie und einen warmen, aber zurückgenommenen Ton. Das Lied darf nicht sentimental überdehnt werden. Besonders der Refrain „Wie einst im Mai“ sollte nicht äußerlich gesteigert, sondern wie ein inneres Aufleuchten gestaltet werden.

Text & Diktion: Die Worte wirken schlicht, tragen aber eine große emotionale Spannung. Wichtig sind die Gegensätze zwischen Herbstblumen und Mai, Grab und Herz, öffentlichem Blick und heimlicher Handberührung. Der Text sollte nicht deklamiert, sondern in den Klang hineingesprochen werden.

Klavier: Der Klavierpart trägt die ruhige Feierlichkeit des Liedes. Die Akkordflächen brauchen Wärme und Resonanz, dürfen aber nicht schwer werden. Das Pedal sollte großzügig genug sein, um den Klangraum zu öffnen, zugleich aber so kontrolliert bleiben, dass die Linien nicht verschwimmen.

Rezeption: „Allerseelen“ zählt zu den meistaufgeführten Strauss-Liedern. Sein poetischer Tonfall, die melodische Weite und die Verbindung von Liebes- und Totengedenken machen es zu einem der eindrucksvollsten Beispiele spätromantischer Liedinnigkeit.

Referenzaufnahmen Auswahl

  • Elisabeth Schwarzkopf / Gerald Moore
  • Diana Damrau / Helmut Deutsch
  • Jessye Norman / Geoffrey Parsons
  • Jonas Kaufmann / Helmut Deutsch

Analyse – Musik

„Allerseelen“ entfaltet seine Wirkung aus einer weitgespannten, ruhigen Bogenlinie. Die Musik wirkt nicht dramatisch vorwärtsdrängend, sondern erinnernd: als ob ein vergangener Zustand noch einmal tastend gegenwärtig würde. Die Klavierbegleitung bildet dabei keinen bloßen Hintergrund, sondern einen warmen, atmenden Resonanzraum.

Das wiederkehrende „Wie einst im Mai“ ist das musikalische und poetische Zentrum. Jede Strophe führt zu diesem Refrain zurück, doch seine Bedeutung verändert sich: zunächst als Erinnerung an frühere Liebe, dann als Bitte um Nähe, schließlich als beinahe unmöglicher Wunsch nach Wiederkehr über den Tod hinaus.

Harmonisch bleibt das Lied von einer lichten Grundfarbe getragen, doch Strauss schattiert diese Helligkeit mit feinsten Trübungen. Gerade dadurch entsteht die besondere Ambivalenz: Das Lied klingt warm und versöhnlich, aber unter dieser Wärme liegt die Erfahrung von Verlust. Die Musik tröstet nicht durch Vergessen, sondern durch die behutsame Wiederbelebung der Erinnerung.

Damit zeigt das Lied exemplarisch, wie Strauss aus schlichter Strophik ein psychologisch reiches Klangbild formt. Die Wiederholung ist nicht Stillstand, sondern Verwandlung: Dasselbe Wort, dieselbe Formel, dieselbe Erinnerung erscheint jedes Mal in einem anderen Licht. Mehr dazu im Grundlagenartikel Die Semiotik des Liedes.

Visuelle Darstellung

Künstlerische Visualisierung von Evgenia Fölsche: Wie einst im Mai
Die Darstellung nimmt die zentralen Bilder von Gilms Gedicht auf: den Tisch, die duftenden Reseden, die letzten roten Astern, das Grab, die Hand und die fragile Wiederkehr einer geliebten Gestalt. Die Szene ist herbstlich, aber nicht kalt. Sie ist von warmem, dämmerndem Licht durchzogen, als könne Erinnerung für einen Augenblick die Zeit verwandeln.

Im Vordergrund stehen die Blumen. Sie gehören zugleich zum häuslichen Tisch und zur Allerseelen-Symbolik der geschmückten Gräber. Dadurch bleibt offen, ob die Szene im Inneren, im Garten, am Friedhof oder im seelischen Raum der Erinnerung stattfindet. Gerade diese Offenheit entspricht dem Lied: Das Vergangene ist nicht einfach tot, aber auch nicht wirklich zurück.

Die durchscheinende Gestalt erscheint nicht als konkrete Person, sondern als Erinnerung, Wunschbild oder für einen Tag freigegebene Nähe. Die ausgestreckte Hand verweist auf die zweite Strophe: „Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke“. Doch die Berührung bleibt zart und unsicher, zwischen körperlicher Nähe und unerreichbarer Erscheinung.

Der Refrain „Wie einst im Mai“ wird im Bild als Spannung zwischen Herbstlaub und warmer Erinnerung sichtbar. Die roten Astern und die duftenden Reseden stehen für den Allerseelentag, während das Licht die verlorene Frühlingsnähe heraufruft. So entsteht ein Bild über Liebe, Tod und die stille Macht des Erinnerns.

Analyse – Dichtung

Gilms Gedicht verbindet Allerseelen-Brauchtum mit einer sehr persönlichen Liebes- und Erinnerungsszene. Die äußeren Zeichen sind schlicht: Blumen, ein Tisch, eine Hand, ein Blick, Gräber. Doch aus diesen wenigen Dingen entsteht ein poetischer Zwischenraum, in dem die Vergangenheit für einen Tag wieder berührbar scheint.

Erste Strophe

„Stell auf den Tisch die duftenden Reseden“
Das Gedicht beginnt mit einer Aufforderung. Die Blumen werden nicht beschrieben, sondern herbeigeholt. Erinnerung entsteht hier durch Handlung: Der Tisch soll bereitet werden, als könne die frühere Liebe noch einmal empfangen werden.

„die letzten roten Astern trag herbei“
Die Astern sind Herbstblumen. Sie markieren das Ende des Jahres, aber auch eine letzte Farbigkeit. Das Rot verweist auf Liebe und Leben, steht aber im Kontext des Spätherbstes bereits unter dem Zeichen der Vergänglichkeit.

„und lass uns wieder von der Liebe reden“
Das Wort „wieder“ ist entscheidend. Die Liebe gehört einer Vergangenheit an, soll aber sprachlich noch einmal gegenwärtig werden. Reden wird zur Wiederbelebung.

„wie einst im Mai“
Der Refrain stellt dem herbstlichen Allerseelentag den Mai gegenüber. Mai bedeutet Frühling, Liebesbeginn, Fülle und Lebendigkeit. Der Wunsch des Gedichts ist nicht nur Erinnerung, sondern Rückkehr in eine verlorene Zeit.

Zweite Strophe

„Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke“
Die Erinnerung wird körperlich. Die Handberührung ist klein, heimlich und zugleich außerordentlich intensiv. Sie zeigt Nähe, die nicht offen ausgesprochen oder gezeigt werden muss.

„und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei“
Der Sprecher löst sich für einen Moment von gesellschaftlicher Rücksicht. Die wiedergefundene Nähe ist wichtiger als der Blick der anderen. Das Gedicht steigert die Intimität, ohne laut zu werden.

„gib mir nur einen deiner süßen Blicke“
Nach der Hand folgt der Blick. Die Begegnung bleibt zart und fast flüchtig. Ein Blick genügt, um frühere Liebe wieder aufzurufen.

„wie einst im Mai“
Der Refrain wird nun persönlicher. Er meint nicht nur ein Gespräch über Liebe, sondern eine konkrete körperliche und seelische Nähe, die einmal möglich war.

Dritte Strophe

„Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe“
Erst jetzt wird der Allerseelen-Kontext ausdrücklich benannt. Die Blumen stehen auf den Gräbern. Duft und Blüte gehören damit zugleich zum Leben und zum Tod.

„ein Tag im Jahr ist ja den Toten frei“
Dieser Vers öffnet das Gedicht ins Übersinnliche. Für einen Tag scheint die Grenze zwischen Lebenden und Toten durchlässig. Die Wiederbegegnung wird dadurch nicht nur Erinnerung, sondern fast Möglichkeit.

„komm an mein Herz, dass ich dich wieder habe“
Die Bitte erreicht hier ihren stärksten Punkt. Der Sprecher will nicht nur reden, nicht nur die Hand berühren, sondern die geliebte Person wieder ans Herz nehmen. Das Wort „wieder“ trägt den ganzen Schmerz des Verlusts.

„wie einst im Mai“
Am Schluss ist der Refrain am weitesten gespannt. Er meint nun nicht nur frühere Liebe, sondern die unmögliche Rückkehr der Toten, der Jugend, des Frühlings und der verlorenen Nähe. Gerade deshalb wirkt er so schlicht und so schmerzhaft.

Aussage & Wirkung

„Allerseelen“ ist ein Lied über Erinnerung als leise Wiederkehr. Es zeigt nicht den Tod als Schrecken, sondern den Moment, in dem Liebe, Verlust und Hoffnung für einen Augenblick miteinander sprechen können. Der Allerseelentag wird zum poetischen Raum, in dem das Vergangene nicht überwunden, sondern noch einmal behutsam berührt wird.

Die besondere Wirkung liegt in der Balance zwischen Schlichtheit und Tiefe. Das Gedicht verwendet einfache Bilder: Blumen, Tisch, Hand, Blick, Grab. Strauss verwandelt sie in eine weit atmende Musik, die nicht trauert im äußeren Sinn, sondern Erinnerung zum Klang werden lässt.

Am Ende bleibt keine sichere Wiederkehr, sondern ein Nachklang. „Wie einst im Mai“ ist Wunsch, Erinnerung und Illusion zugleich. Genau darin liegt die offene Kraft dieses Liedes: Es erklärt den Verlust nicht, sondern lässt spürbar werden, wie Liebe über die Zeit hinaus weiterarbeitet. Mehr dazu im Beitrag Kunst, die weiterarbeitet.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Evgenia Fölsche gestaltet „Allerseelen“ mit ruhigem Grundpuls, atmender Klanggebung und fein kontrolliertem Pedal. Das Klavier soll die Erinnerung nicht illustrieren, sondern einen Raum öffnen, in dem die Stimme den langen Bogen frei und unaufdringlich führen kann.

Entscheidend ist eine Klangbalance zwischen Wärme und Zurückhaltung. Der Schluss darf nicht verblassen, sondern soll in As-Dur ruhen: „Wie einst im Mai“ als letzter Nachklang einer Erinnerung, die nicht festgehalten werden kann, aber im Klang noch einmal gegenwärtig wird.

Hörbeispiel: Audio-Link hier ergänzen

Partitur

Die gemeinfreie Klavierfassung von Richard Strauss’ Acht Gedichte aus „Letzte Blätter“, Op. 10, ist online einsehbar.

Zur Partitur IMSLP

FAQ – Richard Strauss: „Allerseelen“ Op. 10 Nr. 8

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Zu welchem Opus gehört „Allerseelen“?

„Allerseelen“ ist Nr. 8 und Schlusslied von Richard Strauss’ Acht Gedichte aus „Letzte Blätter“, Op. 10.

Wer schrieb den Text zu „Allerseelen“?

Der Text stammt von Hermann von Gilm (1812–1864) und gehört zu seiner Gedichtsammlung Letzte Blätter.

Welche Tonart und Tempoangabe hat das Lied?

Das Lied steht in As-Dur, im 4/4-Takt und trägt die Vortragsangabe Sehr ruhig.

Ist „Allerseelen“ strophisch?

Ja. Das Lied ist dreistrophig mit dem wiederkehrenden Refrain „Wie einst im Mai“. Strauss veredelt diese Strophik jedoch durch harmonische Schattierungen, dynamische Entwicklung und große melodische Bögen.

Was ist das zentrale Thema des Liedes?

Im Zentrum steht die Sehnsucht nach Wiederbegegnung. Der Allerseelentag wird zu einem poetischen Moment, in dem Liebe, Erinnerung, Tod und vergangene Frühlingsnähe noch einmal zusammenfinden.