Franz Schubert: Winterreise

Winterreise
Autorin: Evgenia Fölsche

Franz Schubert: Winterreise D 911 (1827) ist ein Endpunkt der romantischen Liedkunst: 24 Stationen eines namenlosen Wanderers nach Gedichten von Wilhelm Müller. Ohne äußere Handlung, aber mit unerhörter innerer Konsequenz verdichtet Schubert Einsamkeit, Kälte, Selbstbefragung und eine spröde, fast „entromantisierte“ Klangsprache. Die Winterreise ist kein Reisebericht, sondern eine innere Topographie: Weg, Frost, Traum, Täuschung, Entschluss, Leere – bis zur offenen Schlussfrage im Leiermann.

Vier Essays & Hintergründe zur Winterreise

Ergänzend zu den Einzelartikeln zu jedem Lied gibt es vier neue Grundtexte, die den Zyklus aus Komposition, Literatur, Psychologie und Biographie beleuchten:

Werkdaten & Überblick

  • Titel: Winterreise D 911 – Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller
  • Komponist: Franz Schubert (1797–1828)
  • Gedichte: Wilhelm Müller, Winterreise (1823/24)
  • Komposition: 1827; Erstdruck: 1828 (in zwei Teilen)
  • Besetzung: Singstimme & Klavier (Transpositionen üblich)
  • Umfang: 24 Lieder; Aufführungsdauer ca. 65–80 Minuten
  • Poetik: existentieller Monologzyklus; Naturbilder als Innenmetaphern
  • Stellung: Spätwerk; Kulminationspunkt des romantischen Klavierlieds

Entstehung, Quellen & Kontext

Schubert begegnete Müllers Gedichten bereits in den frühen 1820er Jahren (Die schöne Müllerin, 1823). Die Winterreise verdichtet den Ton weiter: Nicht der biografische „Fall“ zählt, sondern der Bewusstseinsstrom einer Figur, die Außenszenen in innere Befunde verwandelt. Die historische Teilung in zwei Hälften (je 12 Lieder) ist verlegerisch bedingt, wirkt aber dramaturgisch plausibel: Teil I entfaltet Orientierung, Verlust und innere Erhitzung; Teil II kühlt aus, treibt zur Nüchternheit und endet im Leiermann.

Charakteristisch ist Schuberts Satzaskese: Bordun, abgesetzte Akkorde, starre Ostinati, sprechnahe Linien. Darin liegt die ungeheure Modernität des Zyklus: Er verweigert tröstendes Glitzern, um Klarheit zu gewinnen.

Aufbau des Zyklus (24 Lieder) – Kurzkommentare & Links

  1. 1. Gute Nacht – Abgang in der Nacht; ruhiger Marsch, Entschluss im Modulationsschatten.
  2. 2. Die Wetterfahne – Wankelmut: scharfe Akzente, kalter Wind im Klavier.
  3. 3. Gefrorne Tränen – Wärme „im Kalten“: Tränen als gefrorene Spur.
  4. 4. Erstarrung – Getriebene Suche: hetzender Fluss vs. totes Bild.
  5. 5. Der Lindenbaum – Lockende Erinnerung; Ruhebild mit dunklem Grund.
  6. 6. Wasserflut – Schmelze als Aufruhr; tiefer Klaviersatz, große Atemräume.
  7. 7. Auf dem Flusse – Eisschild als Tagebuchseite; Gravur im starrem Puls.
  8. 8. Rückblick – Atemloser Sprint in die Vergangenheit; Ironie der Erinnerung.
  9. 9. Irrlicht – Flackern der Richtung; harmonische Täuschung.
  10. 10. RastRast ohne Erholung; Stille legt Wunden frei.
  11. 11. Frühlingstraum – Süßes Bild vs. kalter Weckruf; zerrissene Oberfläche.
  12. 12. Einsamkeit – „Wie eine trübe Wolke“: große Linie, leeres Zentrum.
  13. 13. Die Post – Außenlärm als Herzsignal; heiterer Schein, nervöse Pointe.
  14. 14. Der greise Kopf – Alterssimulation: Reif als Todesmetapher, Ernüchterung.
  15. 15. Die Krähe – Treue des Todes; hohes Ostinato, kalte Nähe.
  16. 16. Letzte Hoffnung – Blatt-Allegorie: Mikrodrama der Hoffnung.
  17. 17. Im Dorfe – Traumökonomie der Schlafenden; nüchterne Abgrenzung.
  18. 18. Der stürmische Morgen – Blitzstück; Erkenntnis ohne Trost.
  19. 19. Täuschung – Tanzender Schein; Opern-Glanz als Maske.
  20. 20. Der Wegweiser – Askese des Entschlusses; Triolen-Schub, schmaler Schritt.
  21. 21. Das Wirtshaus – Kirchhof-Choral; verweigerte Einkehr.
  22. 22. Mut! – Trotzformel; kurzer Adrenalinschub.
  23. 23. Die Nebensonnen – Abschied vom Licht; A–B–A, Sarabanden-Schritt.
  24. 24. Der Leiermann – Bordun & Endoffenheit; Frage ohne Antwort.

Alle verlinkten Titel öffnen ausführliche Einzelartikel mit Text, Werkdaten, Analyse, Aufführungspraxis und FAQ.

Musikalische Sprache & Dramaturgie

Die Winterreise lebt von Schlichtheit mit Schärfe. Viele Lieder sind formal klein (1–3 Minuten), doch ihr „Gewicht“ entsteht aus kluger Reibung zwischen Text, Puls und Farbe. Statt Dekor setzt Schubert auf Satzaskese, präzise Wortbeleuchtung und rhythmische Ikonographie: Schritt, Frost, Atem, Bordun.

Formtypen & Textnähe

  • Durchkomponiert: Textverlauf steuert die Form.
  • Strophisch / variierte Strophe: Wiederkehr als Ritual, kleine Farbänderungen tragen Sinn.
  • Dreiteilig (A–B–A): Rückrahmung von Erkenntnis.

Tonarten, Klangfarben & „Kälte“

Der Zyklus meidet dauerhaftes „Wohlgefühl“. Mollfelder dominieren, Dur fungiert häufig als falsches Licht. Charakteristisch sind offene Quinten (Bordun im Leiermann), hochliegende Ostinati (z. B. Die Krähe) und akkordische Felder (z. B. Das Wirtshaus).

Gestik, Rhythmus & Leitbilder

  • Schritt & Marsch – der Geh-Puls als Lebensmotor.
  • Stasis – Ruhepunkte als Erkenntnis-Orte.
  • Flimmern & Täuschung – bewegte Oberflächen mit innerer Leere.
  • Choral & Ritual – liturgische Ruhe als negative Rast.
  • Bordun – unauflösliche Starre.

Aufführungspraxis: Hinweise für Sänger:innen & Pianist:innen

Diktion & Puls: Text sprechnah, klare Konsonanten; Puls ist Formträger – kein Dauerrubato. Kein Pathos-Überzug: Die Musik trägt aus Klarheit, nicht aus Lautheit.

Agogik: Kleine, begründete Atemdehnungen an Sinnzäsuren; weite Rubati vermeiden. Dynamik: Mittelzone bevorzugen; Aufgipfelungen gezielt an Signalwörtern.

Klavierbild: Transparenz vor Fülle; sparsames Pedal, saubere Stimmführung. Farben eher matt – Wärme nur dort, wo der Text sie verlangt.

Konzertanfrage

Die Winterreise von Franz Schubert gehört zum Liedrepertoire von Evgenia Fölsche und wird regelmäßig in Zusammenarbeit mit renommierten Sängern aufgeführt. Konzertprogramme können flexibel gestaltet und auf verschiedene Besetzungen abgestimmt werden.

Evgenia Fölsche hat unter anderem mit Sängern wie Johannes Kammler, Matthias Lika und Johann Kristinsson zusammengearbeitet, die Die Winterreise in ihrem Repertoire führen.

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Rezeption, Diskographie & Wirkung

Von Schuberts Freundeskreis bis zu heutigen Konzertprogrammen: Die Winterreise ist Prüfstein und Pilgerweg zugleich. Dass der Zyklus offen endet, erklärt seine Wirkung: Jede Generation hört ihre Gegenwart darin.

Häufige Fragen zur „Winterreise“

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Welche vier Hintergrundartikel gibt es zur Winterreise?
Wie ist der Zyklus aufgebaut?

24 Lieder; historisch in zwei Teilen (12 + 12) veröffentlicht. Teil I: Weg, Verlust, innere Erhitzung. Teil II: Ernüchterung, Entschluss, Entleerung. Ende offen im Leiermann.

Für welche Stimmlage ist die Winterreise geeignet?

Für alle Stimmfächer; Transpositionen sind üblich und sinnvoll. Inhalt hat Priorität vor Originalhöhe.

Evgenia Fölsche – Kurze Notiz

Pianistin Evgenia Fölsche kuratiert auf dieser Website Einzelartikel zu allen 24 Liedern sowie die vier Hintergrund-Essays. Starten Sie mit einem Lied Ihrer Wahl – oder gehen Sie den Zyklus der Reihe nach über die Liedübersicht.