Schuberts Krankheit und die Winterreise
Franz Schubert – Winterreise:
- Winterreise – Gute Nacht
- Winterreise – Die Wetterfahne
- Winterreise – Gefror’ne Thränen
- Winterreise – Erstarrung
- Winterreise – Der Lindenbaum
- Winterreise – Wasserfluth
- Winterreise – Auf dem Flusse
- Winterreise – Rückblick
- Winterreise – Irrlicht
- Winterreise – Rast
- Winterreise – Frühlingstraum
- Winterreise – Einsamkeit
- Winterreise – Die Post
- Winterreise – Der greise Kopf
- Winterreise – Die Krähe
- Winterreise – Letzte Hoffnung
- Winterreise – Im Dorfe
- Winterreise – Der stürmische Morgen
- Winterreise – Täuschung
- Winterreise – Der Wegweiser
- Winterreise – Das Wirtshaus
- Winterreise – Muth
- Winterreise – Nebensonnen
- Winterreise – Der Leiermann
Schuberts Krankheit und die Winterreise
Als Franz Schubert die Winterreise komponierte, war er ein junger Mann von dreißig Jahren – und zugleich bereits schwer chronisch krank. Seine körperliche Verfassung, seine seelische Belastung und sein Wissen um die eigene Verletzlichkeit bilden den existenziellen Hintergrund eines Werkes, das wie kaum ein anderes die Erfahrung von Ausgesetztheit in Kunst verwandelt.
Die Krankheit – historische Fakten
Seit dem Jahr 1822 litt Schubert an den Folgen einer Syphilis-Erkrankung. Zeitgenössische Briefe, Tagebucheinträge seiner Freunde und ärztliche Notizen lassen keinen Zweifel daran, dass die Krankheit chronisch verlief und in den folgenden Jahren wiederholt zu schweren Symptomen führte.
Überliefert sind:
- wiederkehrende Fieberschübe
- Kopfschmerzen und Erschöpfung
- Schwindel und Schlafstörungen
- Phasen starker körperlicher Schwäche
1827, im Jahr der Komposition der Winterreise, war Schubert bereits gezeichnet von dieser langjährigen Erkrankung.
Seelische Situation in den Jahren 1826–1828
Zur körperlichen Krankheit trat eine seelische Belastung, die aus mehreren Faktoren bestand:
- fehlende feste Anstellung
- geringe öffentliche Anerkennung
- finanzielle Unsicherheit
- soziale Abhängigkeit vom Freundeskreis
In Briefen aus dieser Zeit spricht Schubert von tiefer Niedergeschlagenheit. Berühmt ist sein Satz:
„Ich fühle mich als der unglücklichste Mensch der Welt.“
Diese Äußerungen stammen aus genau der Zeit, in der er an der Winterreise arbeitete.
Schöpferische Verdichtung trotz Krankheit
Paradoxerweise war gerade diese Zeit eine Phase enormer Produktivität. Neben der Winterreise entstanden Klaviersonaten, Impromptus, Kammermusik und große geistliche Werke.
Freunde berichten, dass Schubert in diesen Monaten „wie im Rausch“ arbeitete. Krankheit bedeutete für ihn nicht künstlerische Lähmung, sondern eine Verdichtung des Ausdrucks.
Inwiefern ist die Winterreise autobiographisch?
Die Figur des Wanderers ist keine verschlüsselte Selbsterzählung Schuberts. Sie bleibt literarische Gestalt Wilhelm Müllers.
Doch Schubert erkannte in dieser Figur eine existenzielle Nähe: das Gefühl, aus der Gesellschaft zu fallen, nicht anzukommen, keinen Ort der Geborgenheit zu finden.
Zeitzeugen berichten, dass Schubert nach der Vollendung sagte:
„Diese Lieder haben mich mehr angegriffen als alle anderen.“
Das weist auf eine Identifikation mit dem inneren Zustand des Zyklus hin – nicht als biographische Erzählung, sondern als seelische Resonanz.
Warum ist dieser Hintergrund für das Werk wichtig?
Die Kenntnis von Schuberts Lebenslage erklärt nicht die Winterreise, aber sie schärft den Blick für ihre existentielle Ernsthaftigkeit.
Schubert komponierte den Zyklus nicht als Beobachter von außen, sondern als jemand, der selbst wusste, wie brüchig Zugehörigkeit, Zukunft und körperliche Sicherheit sein können.
Darum wirkt die Musik nicht illustrativ, sondern notwendig. Nicht Pathos, sondern Wahrheit spricht aus jedem Takt.
Kunst aus der Erfahrung der Endlichkeit
Schuberts Krankheit ist kein romantischer Mythos. Sie ist historische Realität.
Aber in der Winterreise wurde aus dieser Realität kein Klagegesang, sondern ein Werk, das bis heute die tiefsten Schichten menschlicher Erfahrung berührt.