Robert Schumann: Dichterliebe
- Liederkreis op. 39 – In der Fremde (1)
- Liederkreis op. 39 – Intermezzo
- Liederkreis op. 39 – Waldesgespräch
- Liederkreis op. 39 – Die Stille
- Liederkreis op. 39 – Mondnacht
- Liederkreis op. 39 – Schöne Fremde
- Liederkreis op. 39 – Auf einer Burg
- Liederkreis op. 39 – In der Fremde (2)
- Liederkreis op. 39 – Wehmut
- Liederkreis op. 39 – Zwielicht
- Liederkreis op. 39 – Im Walde
- Liederkreis op. 39 – Frühlingsnacht
„In der Fremde“ (2) (Beginn: „Ich hör’ die Bächlein rauschen“) ist Lied Nr. 8 aus Robert Schumanns Zyklus Liederkreis op. 39 nach Joseph von Eichendorff. Der Text tastet sich durch nächtige Naturzeichen – Bächlein, Nachtigall, Mondesschimmer – und hält die Seele in schwebender Ortlosigkeit. Schumann antwortet mit strophischer Kürze, atmender Mittellage und einer Harmonik, die das „Nicht-Wissen, wo ich bin“ hörbar macht.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Joseph von Eichendorff)
Aus: Gedichte – „In der Fremde“ (Variante „Ich hör’ die Bächlein rauschen“)
Ich hör’ die Bächlein rauschen
Im Walde her und hin,
Im Walde in dem Rauschen
Ich weiß nicht, wo ich bin.
Die Nachtigallen schlagen
Hier in der Einsamkeit,
Als wollten sie was sagen
Von der alten, schönen Zeit.
Die Mondesschimmer fliegen,
Als säh’ ich unter mir
Das Schloß im Tale liegen,
Und ist doch so weit von hier!
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Robert Schumann (1810–1856)
- Zyklus: Liederkreis op. 39 (Eichendorff), Nr. 8
- Textvorlage: Joseph von Eichendorff (1788–1857)
- Entstehung (Komposition): Mai 1840 (Liederjahr); Erstdruck 1842
- Tonraum / Notation: gedämpfter Moll-/Modalcharakter, ruhige Figuration, kurze Nachspiel-Geste
- Tempoangaben: Ruhig bewegt; tragfähige Mittellage, wenig äußeres Rubato
- Dauer: ca. 1½–2 Minuten; kontemplative Nachtminiatur
- Besetzung: Singstimme (verschiedene Lagen) und Klavier
- Form: strophisch (3 Strophen) mit feiner Variation; kurzes Abblend-Nachspiel
Daten zum Vers
- Dichter: Joseph von Eichendorff
- Strophenform: 3 Strophen à 4 Verse (Schumann vertont diese drei)
- Reimschema: Kreuzreim (ABAB)
- Stilmittel: Naturklang-Synästhesie (Rauschen, Nachtigall, Mondesschimmer), Ortlosigkeitsmotiv
Entstehung & Kontexte
Das zweite „In der Fremde“ im Zyklus kontrastiert zur Nr. 1 („Aus der Heimat hinter den Blitzen rot“): Hier kein biographisches Resümee, sondern Momentaufnahme – Hören, Sehen, Nicht-Ort. Schumann legt die Sinneseindrücke in eine zarte Klanghaut, die das Verlorensein nicht dramatisiert, sondern bewahrt.
Im Zyklus steht die Nummer nach dem starren Zeitbild von Auf einer Burg (Nr. 7) und vor Wehmut (Nr. 9) – ein Durchgangsraum vom äußeren Bild zur inneren Resonanz.
Aufführungspraxis & Rezeption
Klangidee: p–mp, syllabisches Cantabile, klare Diktion; Klavier legato mit sparsam wechselndem Pedal (Klarheit vor „Waldnebel“). „Ich weiß nicht, wo ich bin“ ruhig setzen – Fakt, nicht Drama.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Dietrich Fischer-Dieskau – Christoph Eschenbach
- Elly Ameling – Dalton Baldwin
- Christian Gerhaher – Gerold Huber
- Ian Bostridge – Julius Drake
- Matthias Goerne – Christoph Eschenbach
Analyse – Musik
Nachtpuls & Ortlosigkeit
Die Begleitung fließt wie ein kleines Bächlein; die Stimme bleibt sprachnah und schlank. Harmonische Zwischentöne (modal gefärbt) vermeiden festes „Ankommen“ – das Nicht-Ortsein wird zum Klangprinzip.
Strophik & Mondesschimmer
Strophe 1 etabliert das Rauschen (Hören); Strophe 2 öffnet zur Erinnerung (Nachtigall); Strophe 3 erlaubt die stärkste Bildhaftigkeit (Mond/Schloß) – kurzer Aufblick, dann Abblendung im Nachspiel. Keine Pathosspitze, sondern Schweben.
Visuelle Darstellung
Künstlerische Visualisierung von Evgenia Fölsche:
Hoch über einem
nebelverhangenen Tal
steht ein Wanderer
auf einer bewaldeten
Höhe.
Neben ihm
rauscht ein
kleiner Gebirgsbach
den Hang hinab
zwischen Steinen,
Wurzeln
und dunklen
Tannen.
Das Tal unter ihm
ist fast ganz
von einer dichten
Wolkendecke
verhüllt.
Der Fluss,
der tief unten
durch die Landschaft
zieht,
bleibt unsichtbar.
Nur aus dem
Nebelmeer
ragt in der Ferne
ein Schloss hervor,
vom fahlen
Mondlicht
wie eine
unwirkliche Erscheinung
beleuchtet.
Über der Szene
fliegt eine
Nachtigall
durch die
stille Luft.
Ihr Gesang
scheint den Wald
ebenso zu erfüllen
wie das Murmeln
des Baches.
Das Bild greift
die eigentümliche
Schwebe des Liedes auf:
eine Landschaft
zwischen Wirklichkeit
und Erinnerung,
zwischen Orientierung
und Verlorenheit.
Der Wanderer blickt
hinab
und meint
ein Schloss
im Tale zu sehen –
und doch bleibt
die Erscheinung
fern,
undeutlich
und unerreichbar.
Auch Schumanns Musik
zeichnet diese
Atmosphäre nach.
Die fließenden
Bewegungen im Klavier
erinnern an das
Rauschen der Bächlein
und den Wind
im Wald,
während die Singstimme
wie ein suchender
Blick
über die nächtliche
Landschaft
schweift.
So wird die Natur
zum Spiegel
einer inneren
Erfahrung:
Fremde,
Sehnsucht
und die Ahnung
einer fernen,
fast traumhaften
Welt,
die sich nur
für einen Augenblick
im Mondlicht zeigt.
Analyse – Dichtung
Das zweite „In der Fremde“ entfaltet eine andere Stimmung als das eröffnende Lied des Zyklus. Hier steht nicht existenzielle Verlorenheit, sondern schwebende Erinnerung im Zentrum. Natur wird zum Resonanzraum innerer Orientierungslosigkeit.
Strophe 1 – Verloren im Klang
Ich hör’ die Bächlein rauschen
Im Walde her und hin,
Im Walde in dem Rauschen
Ich weiß nicht, wo ich bin.
Das Gedicht beginnt akustisch. Nicht das Sehen, sondern das Hören bestimmt die Wahrnehmung. Die Bächlein rauschen „her und hin“ – richtungslos, kreisend.
Das wiederholte „Im Walde“ verstärkt die Umschlossenheit. Der Wald ist kein Wegraum, sondern ein Klangraum. Der letzte Vers formuliert die Folge: Orientierung geht verloren – nicht nur räumlich, sondern existenziell.
Strophe 2 – Lockruf der Vergangenheit
Die Nachtigallen schlagen
Hier in der Einsamkeit,
Als wollten sie was sagen
Von der alten, schönen Zeit.
Die Nachtigall – traditionell Symbol der Liebe – erklingt in der „Einsamkeit“. Ihr Gesang scheint bedeutungsvoll, beinahe sprechend.
Die Vögel verweisen auf „die alte, schöne Zeit“. Vergangenheit erscheint verklärt, doch sie bleibt indirekt: Nur im „Als wollten sie“, im Möglichkeitsmodus.
Erinnerung ist hörbar, aber nicht greifbar.
Strophe 3 – Vision und Distanz
Die Mondesschimmer fliegen,
Als säh’ ich unter mir
Das Schloß im Tale liegen,
Und ist doch so weit von hier!
Mondlicht erzeugt eine Vision. Wieder steht der Konjunktiv: „Als säh’ ich“. Das Bild des Schlosses erscheint wie im Traum.
Das Schloss symbolisiert Herkunft, Heimat, vielleicht Kindheit. Doch der letzte Vers bricht die Illusion: „Und ist doch so weit von hier!“
Nähe und Ferne fallen auseinander. Die Fremde ist nicht nur Ort, sondern Zustand des Abgeschnittenseins von der eigenen Vergangenheit.
Aussage & Wirkung im Zyklus
Dieses zweite „In der Fremde“ vertieft das Motiv der inneren Entwurzelung im Liederkreis op. 39. Natur spricht, klingt, lockt – doch sie führt nicht heim.
Das Gedicht lebt von Schwebezuständen: Traum und Wirklichkeit, Nähe und Ferne, Erinnerung und Gegenwart. Alles erscheint im Konjunktiv, als Ahnung.
Schumanns Vertonung greift dieses Flirren auf. Die Musik wirkt beweglich, doch nie fest gegründet. Sie lässt die Unsicherheit hörbar werden, ohne dramatisch auszubrechen.
So entsteht ein Bild romantischer Fremdheit: Die Heimat lebt im Innern fort – aber als ferne Vision, nicht als erreichbarer Ort.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche liest „In der Fremde“ (2) als Ortlosigkeitsstück: elastischer Puls, kaum Vibrato, Text vorne; die Mondes-Strophe öffnet sich nur kurz – das Nachspiel schließt wie ein sanfter Vorhang.
Häufige Fragen zu „In der Fremde“ (Liederkreis op. 39, Nr. 8)
Klicken Sie auf eine Frage, um die Antwort einzublenden.
Gibt es mehrere „In der Fremde“ im Zyklus?
Ja. Nr. 1 („Aus der Heimat hinter den Blitzen rot“) und Nr. 8 („Ich hör’ die Bächlein rauschen“) vertonen zwei verschiedene Eichendorff-Gedichte.
Verwendet Schumann die vierte Strophe („Meine Liebste … tot“)?
Nein. Schumann vertont die drei hier abgedruckten Strophen; die längere Gedichtfassung mit einer vierten Strophe gehört zu anderen Überlieferungen.
Wie laut und wie schnell?
Ruhig bewegt, Grunddynamik p–mp. Mikrodynamik an Sinnwörtern statt großer Bögen; kein Pathos auf „Ich weiß nicht, wo ich bin“.
Interpretatorischer Tipp?
Pedal oft wechseln, damit das „Rauschen“ klar bleibt; Mond-/Schloß-Bild kurz aufhellen – danach sofort zurücknehmen.