Schumann: Liederkreis op. 39 - Wehmut

„Wehmut“ (Beginn: „Ich kann wohl manchmal singen“) ist Lied Nr. 9 aus Robert Schumanns Zyklus Liederkreis op. 39 nach Joseph von Eichendorff. Hinter scheinbar schlichter Strophik verbirgt sich eine poetische Paradoxie: öffentliches Singen – und doch „heimlich Tränen“, die das Herz frei machen. Schumann antwortet mit karger, homophoner Klarheit, die das Wort nach vorn rückt und erst im Nachspiel leise die „tiefe Leid“-Färbung ausbreitet.

Der Vers (Joseph von Eichendorff)

Aus: Gedichte

Ich kann wohl manchmal singen,
Als ob ich fröhlich sei,
Doch heimlich Tränen dringen,
Da wird das Herz mir frei.

Es lassen Nachtigallen,
Spielt draußen Frühlingsluft,
Der Sehnsucht Lied erschallen
Aus ihres Kerkers Gruft.

Da lauschen alle Herzen,
Und alles ist erfreut,
Doch keiner fühlt die Schmerzen,
Im Lied das tiefe Leid.

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Robert Schumann (1810–1856)
  • Zyklus: Liederkreis op. 39 (Eichendorff), Nr. 9
  • Textvorlage: Joseph von Eichendorff (1788–1857)
  • Entstehung (Komposition): Mai 1840 (Liederjahr); Erstdruck 1842
  • Tonraum / Notation: schlichte, homophone Satzweise; wenige Ausweichungen, chromatisches Abglühen im Nachspiel
  • Tempoangaben: Ruhig, schlicht; Atem auf dem Sprachfluss
  • Dauer: ca. 1½–2 Minuten; intime Bekenntnis-Miniatur
  • Besetzung: Singstimme (verschiedene Lagen) und Klavier
  • Form: strophisch (3 Strophen) mit zarter Variation; aussagestarkes Nachspiel

Daten zum Vers

  • Dichter: Joseph von Eichendorff
  • Strophenform: 3 Strophen à 4 Verse
  • Reimschema: Kreuzreim (ABAB)
  • Stilmittel: Paradox (öffentliches Singen/heimliche Tränen), Allegorie (Nachtigall/Kerker), Publikums-Spiegel („alle Herzen … erfreut“)

Entstehung & Kontexte

„Wehmut“ steht im Zyklus nach In der Fremde (2) (Nr. 8) und vor Zwielicht (Nr. 10): aus dem ortlosen Nacht-Hören führt es in ein persönliches Bekenntnis, bevor das Bedrohliche zuschnappt. Schumann reduziert die Mittel – ein programmatischer Vertrauensbeweis in Wort und Linie.

Bemerkenswert ist die Distanz zwischen öffentlicher Wirkung („alle … erfreut“) und innerem Befund („heimlich Tränen“) – ein romantisches Künstler-Selbstbild, das Schumann ohne Operngeste zeichnet.

Aufführungspraxis & Rezeption

Klangidee: p–mp, textzentrierte Linie, schlichtes Cantabile; Klavier homophon, Pedal sparsam wechselnd (Klarheit vor „Gefühlsnebel“). Die Strophenspitzen nicht aufblasen – die Wahrheit liegt im Nachspiel.

Referenzaufnahmen (Auswahl)

  • Dietrich Fischer-Dieskau – Christoph Eschenbach
  • Elly Ameling – Dalton Baldwin
  • Christian Gerhaher – Gerold Huber
  • Ian Bostridge – Julius Drake
  • Matthias Goerne – Christoph Eschenbach

Analyse – Musik

Homophon & textgetragen

Die Begleitung stützt die Silben – keine Girlanden, kein Blendwerk. Die Stimme bleibt sprachnah; Mikrodynamik auf Sinnwörtern („heimlich“, „frei“, „Kerker“) ersetzt große Emphase.

Strophik, Nachspiel & Leid-Farbe

Strophe 1 formuliert das Paradox (Singen/Tränen); Strophe 2 allegorisiert (Nachtigall im „Kerker“); Strophe 3 spiegelt die Kluft zwischen Publikum und Ich. Das Nachspiel verdichtet: oft chromatische Absenkung im Bass – ein tonales „Ausatmen“, das das ungesagte Leid markiert.

Analyse – Dichtung

Die Nachtigall (Sängerin) singt schön – doch stammt ihr Lied aus dem „Kerker“. Das Publikum hört Form, nicht Schmerz. Eichendorff formuliert eine romantische Poetik der verdeckten Innerlichkeit, die Schumann in musikalische Schlichtheit übersetzt.

Aussage & Wirkung

„Wehmut“ ist ein Lied über das Nicht-Zusammenfallen von Kunstwirkung und innerer Wahrheit. Gerade weil die Musik nicht „weint“, wird das Weinen hörbar.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Pianistin Evgenia Fölsche gestaltet „Wehmut“ als konzentrierte Beichte: klare Diktion, schlanke Mittellage, im Nachspiel ein kurzer, dunkler Atem – mehr nicht.

Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen

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Häufige Fragen zu „Wehmut“ (Liederkreis op. 39, Nr. 9)

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Ist das der originale Eichendorff-Text?

Ja – die dreistrophige Fassung mit „Nachtigallen/Kerker“-Bild ist die übliche Vorlage; so überliefert u. a. bei Projekt Gutenberg und in Lieder-Quellen. Quellen: Gutenberg, Oxford Song.

Warum ist die Musik so schlicht?

Schumann stellt das Wort und seine Paradoxie in den Vordergrund; die homophone Schlichtheit macht das „heimliche“ Leid glaubhaft.

Wie laut und wie schnell?

Ruhig, schlicht; Grunddynamik p–mp. Keine Pathosspitze – Aussage liegt im Nachspiel.

Interpretatorischer Tipp?

Konsonanten klar, Vokale rund; auf „heimlich“ wirklich zurücknehmen. Pedal häufig wechseln – Transparenz vor „Gefühlsnebel“.