Sergej Rachmaninow : Здесь хорошо - Hier ist es schön

Eine symbolistische Landschaft zeigt eine einzelne, kleine Figur unter einer alten Kiefer auf einer blühenden Wiese. In der Ferne glüht ein breiter Fluss im goldenen Licht, während Wiesen, Bäume und ein weiter Himmel in warmer Stille liegen. Die Szene wirkt menschenleer, friedlich und entrückt. Sie vermittelt das Gefühl von Einsamkeit ohne Schmerz, von Natur, innerer Ruhe und stiller Nähe zu einem kaum sichtbaren Traum.
Autorin: Evgenia Fölsche

„Здесь хорошо“ („Hier ist es schön“) gehört zu den stillsten und zugleich innigsten Liedern Sergei Rachmaninows. Auf dieser Seite wird das Lied als Raum zwischen Dichtung, Musik, Natur, Aufführung und Bild erfahrbar: ein Augenblick leuchtender Sammlung, in dem Landschaft, Stille, Glaube und Traumgestalt zu einer einzigen Klangmeditation verschmelzen.

Evgenia Fölsche spielt Rachmaninows „Здесь хорошо“

Konzertmitschnitt / Videoaufnahme zu Sergei Rachmaninows „Здесь хорошо“ („Hier ist es schön“), Op. 21 Nr. 7, nach einem Gedicht von Glafira Galina.

In dieser Aufführung steht besonders die leuchtende Ruhe des Liedes im Mittelpunkt: Die Musik beschreibt keine Landschaft von außen, sondern öffnet einen inneren Raum, in dem Natur, Stille, Licht und Sehnsucht für einen Moment ungetrennt erscheinen. Rachmaninows Klang bleibt in Bewegung und verweilt doch ganz im Augenblick.

Rachmaninow: Здесь хорошо / Schön ist es hier

Maria Nazarova & Evgenia Fölsche

„Здесь хорошо“ („Hier ist es schön“), Op. 21 Nr. 7, ist eines der bekanntesten Lieder von Sergei Rachmaninow aus dem Zyklus 12 Romanzen op. 21 (1902). Die Vertonung eines Gedichts von Glafira Galina beschreibt einen stillen Naturmoment, in dem Ruhe, Licht und innere Sammlung zu einer musikalischen Meditation verschmelzen.

Das Lied ist kein Naturbild im dekorativen Sinn. Die Landschaft wird zum seelischen Ort: ein glühender Fluss in der Ferne, Wiesen wie ein farbiger Teppich, weiße Wolken, Blumen, eine alte Kiefer – und eine fast unaussprechliche Gegenwart, die das lyrische Ich „mein Traum“ nennt. In zartem A-Dur entfaltet Rachmaninow daraus eine weit atmende, leuchtende Klangruhe.

Der Vers (Glafira Galina – russisch / deutsche Nachdichtung)

Русский текст:

Здесь хорошо… Взгляни, вдали
огнём горит река;
цветным ковром луга легли,
белеют облака.

Здесь нет людей… Здесь тишина…
Здесь только Бог да я,
цветы, да старая сосна,
да ты, мечта моя!

Deutsche Nachdichtung:

Hier ist es schön – sieh dort im Weiten
das Feuer fließt im Strom.
Die Wiesen liegen wie bunte Teppiche,
und Wolken glänzen fromm.

Hier ist kein Mensch, nur Stille rings –
nur Gott und ich allein,
die Blumen, eine alte Kiefer –
und du, mein Traum, mein Heim.

Text: Glafira Galina (1848–1918); freie deutsche Übertragung nach dem russischen Original. Komposition von Sergei Rachmaninow (1902).

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Sergei Rachmaninow (1873–1943)
  • Zyklus: 12 Romanzen op. 21 – Nr. 7 „Здесь хорошо“ / „Hier ist es schön“
  • Textvorlage: Glafira Galina
  • Komposition: 1902
  • Erstdruck: 1903 bei Gutheil
  • Tonart / Takt / Tempo: A-Dur, 3/4, Andante tranquillo
  • Dauer: ca. 2–3 Minuten
  • Besetzung: Singstimme und Klavier; Transpositionen sind gängig
  • Form: zweistrophige Durchkomposition mit ruhigem Spannungsbogen

Daten zum Vers

  • Autorin: Glafira Galina (1848–1918)
  • Sprache: Russisch
  • Zentrale Bilder: glühender Fluss, farbige Wiesen, weiße Wolken, Stille, Gott, Blumen, alte Kiefer, Traumgestalt
  • Stilmittel: Naturbild, Wiederholung von „hier“, Lichtsymbolik, religiöse Andeutung, Liebes- und Traumsemantik

Entstehung & Kontext

Rachmaninow komponierte die 12 Romanzen op. 21 im Jahr 1902, einer Phase, in der seine lyrische Tonsprache zu besonderer Weite und Geschlossenheit fand. „Здесь хорошо“ steht innerhalb dieses Zyklus als Moment reiner Sammlung: kein dramatischer Monolog, keine tragische Szene, sondern ein Innehalten im Licht.

Galinas Gedicht beschreibt eine Landschaft, die zugleich real und seelisch wirkt. Der Fluss brennt in der Ferne, die Wiesen liegen wie ein farbiger Teppich, die Wolken leuchten weiß. Diese Naturbilder sind nicht bloße Umgebung, sondern Ausdruck eines inneren Zustands. Die Schönheit der Landschaft wird zur Form einer stillen, beinahe religiösen Gegenwart.

Entscheidend ist die Abwesenheit der Menschen: „Hier gibt es keine Menschen“ – erst dadurch entsteht jener abgeschlossene Raum, in dem das lyrische Ich sich mit Gott, Natur und der angerufenen Traumgestalt allein weiß. Rachmaninow verwandelt diese Situation in eine Musik der Ruhe, in der jede Bewegung aus dem Atem des Klangs hervorgeht.

Aufführungspraxis & Rezeption

Gesang: Die Vokallinie braucht ein weit getragenes Legato und eine ruhige, atmende Phrasierung. Der Ausdruck sollte nicht opernhaft zugespitzt werden. Auch in den emotional intensiveren Momenten bleibt die Sprache nach innen gerichtet: Es geht um erfüllte Stille, nicht um dramatische Expansion.

Klavier: Die Begleitung muss wie Licht auf Wasser wirken: ruhig bewegt, weich arpeggiert, aber nie verschwommen. Das Pedal sollte die Harmonie verbinden, ohne die Konturen zu verwischen. Die Klavierfigur trägt die Vorstellung des Flusses und zugleich den Atem der Landschaft.

Rezeption: „Здесь хорошо“ gehört zu den meistgesungenen Liedern Rachmaninows. Es erscheint häufig in Liederabenden, auf russischen Liedprogrammen und auch in instrumentalen Bearbeitungen. Besonders bekannt ist die Klaviertranskription von Arcadi Volodos.

Referenzaufnahmen Auswahl

  • Dmitri Hvorostovsky / Ivari Ilja
  • Anna Netrebko / Daniel Barenboim
  • Sergei Leiferkus / Malcolm Martineau
  • Instrumentalfassung: Arcadi Volodos

Analyse – Musik

Das Lied steht auf einer sanft bewegten Klaviergrundierung, die weniger begleitet als einen schimmernden Raum eröffnet. Die arpeggierten Figuren lassen an Wasser, Licht und stilles Atmen denken. Über dieser ruhigen Bewegung entfaltet sich eine weit gespannte Melodie, deren Wirkung aus Kontinuität und innerer Ruhe entsteht.

Rachmaninow vermeidet jede harte dramatische Zuspitzung. Die Harmonik bleibt leuchtend und weich gefärbt; kleine Ausweichungen und chromatische Übergänge dienen nicht dem Konflikt, sondern der farblichen Vertiefung. Das A-Dur wirkt dadurch nicht schlicht idyllisch, sondern wie ein Zustand innerer Klarheit.

Besonders wichtig ist die Verbindung von musikalischer Bewegung und Ruhe. Das Klavier fließt, aber es treibt nicht vorwärts. Die Stimme steigt und öffnet sich, ohne die Grundstille zu zerstören. So entsteht eine paradoxe Wirkung: Das Lied bewegt sich, aber es scheint zugleich im Augenblick zu verweilen.

Gerade darin liegt Rachmaninows Kunst der Stille. Die Musik beschreibt keine Landschaft von außen, sondern lässt den Hörer in einen Zustand eintreten, in dem Natur, Liebe, Glaube und Traum für einen Moment ungetrennt erscheinen. Mehr zur offenen Bedeutungsbildung im Kunstlied im Grundlagenartikel Die Semiotik des Liedes.

Visuelle Darstellung

Künstlerische Visualisierung von Evgenia Fölsche: Hier ist es still und schön
Die Darstellung zeigt eine weite, lichtdurchflutete Landschaft als Ort innerer Ruhe. Eine einzelne, kleine Figur sitzt unter einer alten Kiefer und blickt in die Ferne. Vor ihr breitet sich eine blühende Wiese aus; dahinter glüht ein Fluss im goldenen Licht. Die Landschaft wirkt menschenleer, aber nicht verlassen: Sie ist erfüllt von Stille, Natur und einer kaum greifbaren Gegenwart.

Das Bild greift die zentralen Motive des Gedichts auf: den wie Feuer leuchtenden Fluss, die Wiesen als farbigen Teppich, die weiße Weite des Himmels, die Blumen und die alte Kiefer. Die kleine Figur bleibt gegenüber der Landschaft zurückgenommen. Dadurch entsteht nicht der Eindruck von Einsamkeit als Mangel, sondern von Einsamkeit als Sammlung.

Die angedeutete Traumpräsenz löst sich fast vollständig im Licht auf. Sie erscheint nicht als konkrete Gestalt, sondern als leiser Schimmer in der Atmosphäre. So bleibt offen, ob „du, mein Traum“ eine geliebte Person, eine innere Vision oder eine Form geistiger Nähe meint. Die warme Farbigkeit und der ruhige Horizont machen sichtbar, was im Lied hörbar wird: eine stille Seligkeit, in der Natur, Gott, Ich und Traum für einen Augenblick zusammenfallen.

Analyse – Dichtung

Galinas Gedicht beschreibt keinen Handlungsverlauf, sondern einen Zustand. Das wiederholte „hier“ ist entscheidend: Es bezeichnet nicht nur einen Ort, sondern einen seelischen Raum. Das lyrische Ich befindet sich in einer Landschaft, die durch ihre Stille und Schönheit zu einem Gegenbild der menschlichen Welt wird.

Erste Strophe

„Здесь хорошо…“ / „Hier ist es schön …“
Der erste Satz ist schlicht, aber umfassend. Er enthält keine Erklärung und keine Begründung, sondern eine unmittelbare Erfahrung. Das Schöne wird nicht argumentiert, sondern festgestellt: Dieser Ort genügt sich selbst.

„Взгляни, вдали / огнём горит река“ / „Sieh, in der Ferne brennt der Fluss wie Feuer“
Der Blick wird in die Weite gelenkt. Der Fluss erscheint nicht nur als Landschaftselement, sondern als Lichtphänomen. Das Feuer ist hier nicht zerstörerisch, sondern Ausdruck von Leuchten, Wärme und gesteigerter Wahrnehmung.

„цветным ковром луга легли“ / „die Wiesen liegen wie ein farbiger Teppich“
Die Wiesen werden zu einer geordneten, fast festlichen Fläche. Der Vergleich mit einem Teppich verleiht der Natur etwas Kostbares und Geborgenes. Die Landschaft ist nicht wild und bedrohlich, sondern sanft ausgebreitet.

„белеют облака“ / „weiß leuchten die Wolken“
Die Wolken schließen die Strophe nach oben hin. Nach Fluss und Wiesen öffnet sich der Himmel. Die Farbe Weiß verstärkt den Eindruck von Reinheit, Stille und lichter Ferne.

Zweite Strophe

„Здесь нет людей… Здесь тишина…“ / „Hier gibt es keine Menschen … Hier ist Stille …“
Die zweite Strophe beginnt mit einer Negation: Keine Menschen. Diese Abwesenheit ist jedoch nicht beklagenswert, sondern Voraussetzung des inneren Friedens. Die Stille wird ausdrücklich benannt und erhält fast sakrale Bedeutung.

„Здесь только Бог да я“ / „Hier sind nur Gott und ich“
Die Einsamkeit wird in einen religiösen Horizont gestellt. Das Ich ist nicht einfach allein, sondern in einer stillen Gegenwart aufgehoben. Gott erscheint nicht als dogmatische Figur, sondern als Name für die Tiefe und Weihe dieses Ortes.

„цветы, да старая сосна“ / „die Blumen und die alte Kiefer“
Die Natur wird nun konkreter und näher. Blumen stehen für Zartheit und Gegenwärtigkeit, die alte Kiefer für Dauer, Alter und stille Würde. Beide Motive verbinden Vergänglichkeit und Beständigkeit.

„да ты, мечта моя!“ / „und du, mein Traum!“
Der Schluss öffnet das Gedicht ins Mehrdeutige. Wer oder was dieser Traum ist, bleibt offen: eine geliebte Person, eine innere Vision, die Schönheit selbst oder eine unerreichbare Erfüllung. Gerade diese Offenheit macht die Zeile so stark. Das Gedicht endet nicht in Besitz, sondern in einer schwebenden Anrufung.

Aussage & Wirkung

„Здесь хорошо“ ist eine der reinsten Klangmeditationen Rachmaninows. Das Lied zeigt Schönheit nicht als Überwältigung, sondern als stille Anwesenheit. Die Natur ist hier kein Hintergrund, sondern ein Zustand innerer Ordnung: Fluss, Wiese, Wolken, Blumen und Kiefer bilden einen Raum, in dem das Ich zur Ruhe kommt.

Die besondere Wirkung liegt in der Verbindung von Einfachheit und Tiefe. Der Text benennt nur wenige Dinge, aber diese Dinge öffnen einen großen seelischen Raum. Rachmaninows Musik verstärkt diesen Vorgang, indem sie nicht dramatisiert, sondern den Augenblick ausdehnt.

Am Ende steht kein Besitz und keine Auflösung, sondern eine stille Nähe: Gott, Natur, Ich und Traum stehen nebeneinander. Das Lied bleibt offen, weil es nicht erklärt, was „mein Traum“ ist. Gerade dadurch arbeitet es weiter. Mehr dazu im Beitrag Kunst, die weiterarbeitet.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Evgenia Fölsche interpretiert das Lied mit schwebendem Tempo, weiter Atemführung und größtmöglicher Klangtransparenz. Die Stimme sollte nicht über der Landschaft stehen, sondern aus ihr hervorgehen: wie eine Linie, die mit dem Licht atmet.

Entscheidend ist die Balance zwischen Ruhe und innerer Intensität. Das Lied darf nicht sentimental werden; seine Schönheit liegt in der Einfachheit, in der klaren Linie und im langen Nachklang.

Konzertvideo: Zum Konzertmitschnitt auf dieser Seite

Rachmaninow-Lieder für Ihr Konzertprogramm

Die Lieder von Sergei Rachmaninow verbinden vokale Wärme, spätromantische Harmonik und große psychologische Feinheit. „Здесь хорошо“ eignet sich besonders für Programme rund um Natur, Stille, Licht, russische Romantik und die spirituelle Dimension des Kunstliedes.

Evgenia Fölsche kann dieses Repertoire im Rahmen von Liederabenden, thematischen Konzertprogrammen oder moderierten Formaten aufführen. Besonders reizvoll ist die Verbindung mit weiteren russischen Romanzen, aber auch mit Liedern von Schubert, Strauss, Debussy oder Tschaikowski.

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FAQ – Rachmaninow: „Hier ist es schön“ („Здесь хорошо“) Op. 21 Nr. 7

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Zu welchem Zyklus gehört das Lied?

Das Lied gehört zum Zyklus 12 Romanzen op. 21 aus dem Jahr 1902. Es ist die siebte Nummer und zählt zu Rachmaninows bekanntesten Romanzen.

Welche Tonart und Stimmung prägen das Lied?

Das Lied steht in A-Dur und trägt die Tempobezeichnung Andante tranquillo. Die Stimmung ist licht, ruhig, innig und ohne dramatische Zuspitzung.

Was ist das zentrale Bild des Gedichts?

Das zentrale Bild ist eine stille, menschenleere Landschaft: ein in der Ferne glühender Fluss, farbige Wiesen, weiße Wolken, Blumen, eine alte Kiefer und die angerufene Traumgestalt.

Was zeichnet die Aufführung besonders aus?

Entscheidend ist die Balance zwischen Ruhe und Atmung. Die Stimme muss über dem sanft bewegten Klavier frei fließen, ohne opernhafte Geste oder Sentimentalität.