Robert Schumann: Frauenliebe und -leben:
- Frauenliebe – Seit ich ihn gesehen
- Frauenliebe – Er, der Herrlichste von allen
- Frauenliebe – Ich kann’s nicht fassen, nicht glauben
- Frauenliebe – Du Ring an meinem Finger
- Frauenliebe – Helft mir, ihr Schwestern
- Frauenliebe – Süßer Freund, du blickest
- Frauenliebe – An meinem Herzen, an meiner Brust
- Frauenliebe – Nun hast du mir den ersten Schmerz getan
„An meinem Herzen, an meiner Brust“ ist das siebte Lied aus Robert Schumanns Zyklus Frauenliebe und -leben op. 42 nach Gedichten von Adelbert von Chamisso. Nach der Ankündigung der Schwangerschaft im vorherigen Lied erscheint nun das Kind selbst: Die Frau erlebt Mutterschaft als höchstes Glück. In der hier entwickelten visuellen Deutung bleibt die Szene warm und erfüllt, doch zum ersten Mal verengt sich der Bildraum sichtbar – ein erster formaler Riss im schönen Schein des Zyklus.
Inhaltsverzeichnis
Der Text von Adelbert von Chamisso
Aus: Frauenliebe und -leben
An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!
Das Glück ist die Liebe, die Lieb’ ist das Glück,
Ich hab’s gesagt und nehm’s nicht zurück.
Hab’ überschwänglich mich geschätzt,
Bin überglücklich aber jetzt.
Nur die da säugt, nur die da liebt
Das Kind, dem sie die Nahrung gibt;
Nur eine Mutter weiß allein,
Was lieben heißt und glücklich sein.
O, wie bedaur’ ich doch den Mann,
Der Mutterglück nicht fühlen kann!
Du lieber, lieber Engel du,
Du schauest mich an und lächelst dazu!
An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Robert Schumann (1810–1856)
- Zyklus: Frauenliebe und -leben op. 42, Nr. 7
- Textvorlage: Adelbert von Chamisso, Frauenliebe und -leben
- Entstehung der Komposition: 1840
- Erstdruck: 1843 bei Friedrich Whistling in Leipzig
- Tonart: D-Dur
- Charakter: hell, lebhaft und freudig
- Besetzung: Singstimme und Klavier
- Dauer: ca. 1½–2 Minuten
- Stellung im Zyklus: siebtes Lied; Mutterglück und erste formale Verengung vor dem Schlussbruch
Daten zum Gedicht
- Dichter: Adelbert von Chamisso (1781–1838)
- Gedichtzyklus: Frauenliebe und -leben
- Strophenform: kurze, liedhafte Zweizeiler
- Zentrales Motiv: Mutterglück als höchste Form der Liebe
- Leitmotive: Herz, Brust, Kind, Säugen, Mutterliebe, Wonne, Lust, Engel
Entstehung & Kontexte
Schumanns Frauenliebe und -leben entstand 1840 und verdichtet Chamissos Gedichtzyklus zu einer Folge von acht musikalischen Stationen. Nach der Hochzeit und der Ankündigung der Schwangerschaft steht nun die Mutterschaft im Zentrum.
„An meinem Herzen, an meiner Brust“ ist das hellste und unmittelbar freudigste Lied des Zyklus. Die Frau hält das Kind an sich und erlebt die Mutterrolle als Erfüllung, Steigerung und Vollendung der Liebe.
In einer kritischen Lesart ist dieses Glück jedoch nicht frei von Ambivalenz. Die Frau definiert die höchste Form der Liebe nun über die Mutterschaft. Der Zyklus nähert sich damit dem Punkt, an dem die bürgerliche Ordnung vollständig erfüllt scheint – kurz bevor sie im letzten Lied zerbricht.
Aufführungspraxis & Rezeption
Dieses Lied verlangt einen offenen, hellen und beweglichen Ton. Die Freude soll unmittelbar wirken, aber nicht sentimental überdehnt werden. Die Sprache ist einfach, fast kindlich direkt, und gerade darin liegt ihre Wirkung.
Interpretatorisch entscheidend ist, dass das Glück nicht nur äußerlich jubelnd erscheint. Es ist körperlich, nah und häuslich: Das Kind liegt am Herzen und an der Brust. Der Ausdruck sollte daher Wärme, Leichtigkeit und intime Nähe verbinden.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Christa Ludwig – Geoffrey Parsons
- Elisabeth Schwarzkopf – Gerald Moore
- Brigitte Fassbaender – Irwin Gage
- Barbara Bonney – Vladimir Ashkenazy
- Bernarda Fink – Anthony Spiri
Analyse – Musik
Jubel, Bewegung und Mutterglück
Musikalisch wirkt „An meinem Herzen, an meiner Brust“ heller und unmittelbarer als die vorangehenden Lieder. Die Freude ist nicht mehr scheu, nicht mehr fragend, sondern gegenwärtig und körperlich spürbar.
Der Liedcharakter ist knapp und direkt. Wiederholungen und einfache Ausrufe geben dem Ausdruck etwas Unmittelbares. Das Glück scheint nicht mehr erklärt werden zu müssen; es spricht sich in der Bewegung selbst aus.
Glück und beginnende Verengung
Obwohl das Lied selbst das Mutterglück feiert, steht es innerhalb des Zyklus unmittelbar vor dem Schlussbruch. Dadurch erhält die Freude rückblickend eine fragile Qualität.
In der visuellen Deutung wird diese Fragilität nicht durch die Mutter selbst ausgedrückt, sondern durch die Bildstruktur: Der Raum verengt sich. Das Glück ist echt, aber es vollzieht sich in einer zunehmend eingeschlossenen häuslichen Welt.
Visuelle Darstellung
Künstlerische Visualisierung:
Die Szene spielt in derselben Kammer wie das vorherige Bild: im Haus des Ehemanns, mit dem Fenster auf der rechten Seite. Der Mann ist nun nicht mehr anwesend. Im Zentrum steht die Frau als Mutter.
Sie hält ihr Baby liebevoll an sich. Ihr Gesicht wirkt freudig, warm und erfüllt. Neben dem Bett steht die Wiege, die im vorherigen Lied erst angekündigt wurde. Der Traum ist Wirklichkeit geworden.
Das Bild greift die Verse „An meinem Herzen, an meiner Brust“ unmittelbar auf. Das Kind ist der Mittelpunkt ihrer Zuwendung; die Mutterliebe erscheint als körperliche Nähe, Wärme und Glück.
Zugleich erscheint hier zum ersten Mal ein sichtbarer Riss in der Bildordnung. Dunkle senkrechte Balken an den Bildrändern verengen den Blick. Die Szene bleibt hell und innig, aber der Raum wirkt eingeschlossener.
Innerhalb des Bilderzyklus ist dies entscheidend: Das Mutterglück wird nicht verneint. Es bleibt schön und echt. Doch es findet in einer häuslichen Welt statt, die sich zunehmend schließt. Der spätere Zusammenbruch des schönen Scheins kündigt sich erstmals formal an.
Analyse – Dichtung
An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!
Das Gedicht beginnt mit unmittelbarer körperlicher Nähe. Das Kind liegt am Herzen und an der Brust der Mutter. Liebe erscheint nicht mehr als Blick, Ring oder Erwartung, sondern als Berührung.
Die Worte „Wonne“ und „Lust“ geben dem Mutterglück eine intensive, fast überschwängliche Färbung. Die Sprecherin erlebt das Kind als Erfüllung ihrer ganzen Existenz.
Das Glück ist die Liebe, die Lieb’ ist das Glück,
Ich hab’s gesagt und nehm’s nicht zurück.
Die Formel „Glück ist Liebe“ klingt einfach und absolut. Sie wirkt wie ein Bekenntnis, das keine Einschränkung kennt.
Zugleich zeigt die Wiederholung, wie sehr die Sprecherin ihre Lebensdeutung nun auf dieses Glück konzentriert. Liebe und Glück werden vollständig miteinander identifiziert.
Nur die da säugt, nur die da liebt
Das Kind, dem sie die Nahrung gibt;
Die Mutterschaft wird ausdrücklich über das Stillen bestimmt. Liebe erscheint als Geben von Nahrung, als körperliche Fürsorge und als untrennbare Verbindung zwischen Mutter und Kind.
Dadurch wird die Frau noch stärker an den häuslichen und körperlichen Innenraum gebunden. Das Glück ist intensiv, aber es ist auch räumlich und sozial eng verortet.
Nur eine Mutter weiß allein,
Was lieben heißt und glücklich sein.
Diese Verse erheben Mutterliebe zur höchsten Form des Liebens. Nur die Mutter, so behauptet das Gedicht, kennt den wahren Sinn von Liebe und Glück.
In einer kritischen Lesart wird hier die weibliche Erfüllung ganz auf Mutterschaft hin zugespitzt. Das Lied feiert diese Rolle, aber es macht zugleich ihre Ausschließlichkeit sichtbar.
O, wie bedaur’ ich doch den Mann,
Der Mutterglück nicht fühlen kann!
Der Mann wird hier ausnahmsweise nicht erhöht, sondern bedauert. Er kann dieses Glück nicht selbst erfahren. Für einen Moment besitzt die Frau ein Wissen, das ihm verschlossen bleibt.
Dennoch bleibt dieses Wissen an ihre Mutterrolle gebunden. Ihre besondere Erfahrung ist zugleich ihre neue Festlegung.
Du lieber, lieber Engel du,
Du schauest mich an und lächelst dazu!
Das Kind wird als Engel angesprochen. Die Verklärung, die zu Beginn dem Mann galt und später dem Ring, geht nun auf das Kind über.
Damit setzt sich die Licht- und Heiligkeitslogik des Zyklus fort. Der schöne Schein bleibt erhalten, aber sein Zentrum hat sich verschoben.
Aussage & Wirkung im Zyklus
„An meinem Herzen, an meiner Brust“ zeigt die Mutterschaft als Höhepunkt des Glücks. Die Frau erlebt sich nicht mehr nur als Liebende oder Ehefrau, sondern als Mutter.
Im Bilderzyklus wird dieser Höhepunkt bewusst warm und schön dargestellt. Das Kind ist kein Zeichen des Unglücks, sondern Mittelpunkt echter Zuwendung und Freude.
Zugleich beginnt hier der erste sichtbare Riss. Die seitlichen dunklen Balken verengen den Raum. Die bürgerliche Kammer, die bisher Ort des Scheins und der Verklärung war, wird nun als eingeschlossene Welt spürbar.
Dadurch entsteht eine doppelte Wirkung: Das Mutterglück bleibt glaubwürdig, aber es erscheint in einem enger werdenden Rahmen. Das bereitet den radikalen Umschlag des Schlussliedes vor, in dem nach dem Tod des Mannes Arbeit, Armut und Verlassenheit sichtbar werden.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche beschäftigt sich in Liedprogrammen regelmäßig mit dem romantischen Kunstlied und seinen psychologischen, poetischen und gesellschaftlichen Bedeutungsschichten. Frauenliebe und -leben eignet sich dabei besonders für eine Deutung, die musikalische Innigkeit und kritische Perspektive miteinander verbindet.
Häufige Fragen zu Schumann: „An meinem Herzen, an meiner Brust“
Klicken Sie auf eine Frage, um die Antwort einzublenden.
Worum geht es in „An meinem Herzen, an meiner Brust“?
Das Lied zeigt das Glück der Mutter mit ihrem Kind. Die Frau erlebt die körperliche Nähe zum Baby als höchste Form von Liebe und Glück.
Warum steht das Kind im Mittelpunkt?
Nach Schwangerschaft und Ehe wird die Mutterschaft zur neuen Lebensmitte. Das Kind bündelt die Liebe der Frau und erscheint als „Engel“.
Welche Bedeutung hat die Wiege im Bild?
Die Wiege war im vorherigen Lied angekündigt. Nun steht sie sichtbar im Raum und zeigt, dass der erwartete „holde Traum“ Wirklichkeit geworden ist.
Warum verengen dunkle Balken das Bild?
Die Balken sind der erste formale Riss im Zyklus. Sie zeigen, dass das Mutterglück in einer enger werdenden häuslichen Welt stattfindet.
Wie bereitet das Lied den Schluss des Zyklus vor?
Das Lied zeigt noch echtes Glück, aber der Raum beginnt sich zu schließen. Im folgenden Schlusslied zerbricht der schöne Schein vollständig.