Das italienische Liederbuch II – Sterb’ ich, so hüllt in Blumen meine Glieder

„Sterb’ ich, so hüllt in Blumen meine Glieder“ ist eine stille, innig getönte Miniatur aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch, Heft II (1896; nach Volkslied-Nachdichtungen von Paul Heyse / Emanuel Geibel). Der Text imaginiert den Tod als liebende Hingabe – ohne Grab, vielmehr unter den Mauern, an denen die Geliebte den Sänger oft gesehen hat. Wolf antwortet mit sprachnaher Linie, feinsten Dynamikabstufungen und einem schwebend-milden Schluss.

Der Vers (Italienisches Liederbuch – dt. Nachdichtung, moderne Orthographie)

Quelle: Paul Heyse / Emanuel Geibel (nach einem italienischen Volkslied) – moderne Orthographie

Sterb’ ich, so hüllt in Blumen meine Glieder;
Ich wünsche nicht, dass ihr ein Grab mir grabt.
Gegenüber jenen Mauern legt mich nieder,
Wo ihr so manchmal mich gesehen habt.
Dort legt mich hin, in Regen oder Wind;
Gern sterb’ ich, ist’s um dich, geliebtes Kind.
Dort legt mich hin in Sonnenschein und Regen;
Ich sterbe lieblich, sterb’ ich deinetwegen.

Werkdaten & Überblick

  • Komponist: Hugo Wolf (1860–1903)
  • Werk: Italienisches Liederbuch, Heft II (1896); häufig Nr. 33
  • Textvorlage: Italienisches Volkslied in deutscher Nachdichtung (Paul Heyse / Emanuel Geibel)
  • Tonraum / Notation: lyrisch-helles Feld; syllabische Deklamation, zarte Cantabile-Aufhellungen
  • Tempoangaben: Ruhig bewegt, sehr innig (sprechnahe Agogik, breite Atembögen)
  • Dauer: ca. 1–1½ Minuten; konzentrierte Kantilene
  • Besetzung: Singstimme (Transpositionen üblich) und Klavier
  • Form: knapp durchkomponiert (Bildfolge → Bekenntnis → sanftes Ausleuchten)

Daten zum Vers

  • Strophenform: 1 Strophe à 8 Verse
  • Reimschema: Kreuz-/Paarreim-Nähe
  • Stilmittel: Imperativ („legt mich nieder“), Topos von Blumen/Tod, Wiederholung als Inbrunstfigur

Entstehung & Kontexte

In Heft II (1896) verdichtet Wolf seine „Psychologie im Kleinen“: sprachnah, mit mikrologischer Dynamik und fein balancierten Farben. Das Lied gehört zu den innigen Nummern des Hefts – eine Todesvision ohne Operngeste, getragen von schlichter Zuwendung.

Die Musik meidet Pathos: Konversation vor Arie, Kontur vor Volumen; das Klavier trägt den Atem, nicht das Drama.

Aufführungspraxis & Rezeption

Klangidee: p–mp, Text vorn; Linien „im Atem“ führen. Auf „Blumen“, „Mauern“, „Regen/Wind“ behutsame Farbsetzung; keine vibratoreiche Emphase. Klavier: schlank, atmend, Pedal sparsam differenziert; Schluss morendo.

Referenzaufnahmen (Auswahl)

  • Jonas Kaufmann – Helmut Deutsch
  • Olaf Bär – Helmut Deutsch
  • Christian Gerhaher – Gerold Huber
  • Soile Isokoski – Marita Viitasalo
  • Elisabeth Schwarzkopf – Gerald Moore

Analyse – Musik

Gestus, Atem & Klangfarbe

Der Textfluss wirkt wie gesprochenes Beten: weiche Konsonanten, gebundene Silben. Schlüsselwörter (Blumen, Mauern, Regen/Wind) erhalten feine Leuchtpunkte; die Wiederholung „Dort legt mich hin …“ stabilisiert die Andacht.

Form, Harmonik & Schlusslicht

Bogen Bitte → Ortung → Hingabe. Helle Grundharmonik mit zarten Färbungen; Schlusskadenz weich abatmend – kein heroischer Schlussstrich, sondern Verlöschen.

Analyse – Dichtung

Volksliedliche Kürze trifft Kult der Nähe: Nicht das Grab, sondern der Ort gemeinsamer Erinnerung zählt. Die Dopplungen (Regen/Wind – Sonnenschein/Regen) entwerfen eine Welt ohne Zeit: Liebe als ruhige Konstante.

Aussage & Wirkung

Ein leises Amen im Heft II: Zärtlichkeit statt Tragöde. Ideal als Ruhepunkt zwischen satirischen und dramatischen Nummern – berührt ohne Pathos.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Pianistin Evgenia Fölsche liest das Lied als „Atemmusik“: elastischer Sprachpuls, transparentes Klangbild, morendo-Schluss. Zuwendung statt Deklamationsdruck.

Hinweis:
Die Lieder des Italienischen Liederbuchs werde ich im Rahmen des Festival der Stimmen Liechtenstein 2026 aufführen.

Gemeinsam mit den herausragenden Sänger*innen Katharina Ruckgaber und Johannes Kammler gestalte ich einen Liederabend, der die ganze Tiefe und Leuchtkraft dieses Zyklus entfaltet.

👉 Zum Konzert „Italienisches Liederbuch“ beim Festival der Stimmen 2026

Hörbeispiele:

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Häufige Fragen zu „Sterb’ ich, so hüllt in Blumen meine Glieder“

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Wo steht das Lied im Zyklus?

In Heft II (1896), häufig als Nr. 33 geführt.

Grundcharakter & Tempo?

Ruhig bewegt, innig; Text vor Klang, Schluss morendo.

Welche Stimmlagen sind geeignet?

Alle via Transposition; entscheidend sind Atemführung, Textpräzision und kammermusikalische Balance.

Poetischer Kern?

Hingabe ohne Pathos: der geliebte Blick-Ort ersetzt das Grab; Wiederholung als Andachtsformel.