Das italienische Liederbuch II – Wie viele Zeit verlor ich
- Das italienische Liederbuch II – Was für ein Lied soll dir gesungen werden?
- Das italienische Liederbuch II – Ich esse nun mein Brot nicht trocken mehr
- Das italienische Liederbuch II – Mein Liebster hat zu Tische mich geladen
- Das italienische Liederbuch II – Ich ließ mir sagen
- Das italienische Liederbuch II – Schon streckt’ ich aus im Bett die müden Glieder
- Das italienische Liederbuch II – Du sagst mir, daß ich keine Fürstin sei
- Das italienische Liederbuch II – Wohl kenn’ ich Euern Stand
- Das italienische Liederbuch II – Laß sie nur gehn!
- Das italienische Liederbuch II – Wie soll ich fröhlich sein?
- Das italienische Liederbuch II – Was soll der Zorn, mein Schatz?
- Das italienische Liederbuch II – Sterb’ ich, so hüllt in Blumen meine Glieder
- Das italienische Liederbuch II – Und steht Ihr früh am Morgen auf vom Bette
- Das italienische Liederbuch II – Benedeit die sel’ge Mutter
- Das italienische Liederbuch II – Wenn du, mein Liebster, steigst zum Himmel auf
- Das italienische Liederbuch II – Wie viele Zeit verlor ich
- Das italienische Liederbuch II – Wenn du mich mit den Augen streifst
- Das italienische Liederbuch II – Heut’ Nacht erhob ich mich
- Das italienische Liederbuch II – O wär’ dein Haus durchsichtig wie ein Glas
- Das italienische Liederbuch II – Gesegnet sei das Grün!
- Das italienische Liederbuch II – Nicht länger kann ich singen
- Das italienische Liederbuch II – Schweig einmal still!
- Das italienische Liederbuch II – O wüßtest du, wieviel ich deinetwegen
- Das italienische Liederbuch II – Ich hab’ in Penna einen Liebsten wohnen
- Das italienische Liederbuch II – Verschling’ der Abgrund meines Liebsten Hütte
„Wie viele Zeit verlor ich, dich zu lieben!“ gehört zu den pointiert-ernsten Sentenzen in Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch, Heft II (1896; nach Volkslied-Nachdichtungen von Paul Heyse / Emanuel Geibel). In acht Versen klagt das lyrische Ich über vergeudete Zeit für irdische Liebe – und kontrastiert sie mit der verpassten Himmelslohn-Perspektive. Wolf setzt das in sprechnahe Kantilene, trockene Akzentspitzen und einen bündigen, leicht verdimmten Schluss.
Inhaltsverzeichnis
Der Vers (Italienisches Liederbuch – dt. Nachdichtung, moderne Orthographie)
Quelle: Paul Heyse (nach einem italienischen Volkslied) – modernisierte Orthographie
Wie viele Zeit verlor ich, dich zu lieben!
Hätt’ ich doch Gott geliebt in all der Zeit,
Ein Platz im Paradies wär’ mir verschrieben,
Ein Heiliger säße dann an meiner Seit’.
Und weil ich dich geliebt, schön frisch Gesicht,
Verscherzt’ ich mir des Paradieses Licht,
Und weil ich dich geliebt, schön Veigelein,
Komm’ ich nun nicht ins Paradies hinein.
Werkdaten & Überblick
- Komponist: Hugo Wolf (1860–1903)
- Werk: Italienisches Liederbuch, Heft II (1896); üblicherweise Nr. 37
- Textvorlage: Italienisches Volkslied in deutscher Nachdichtung (Paul Heyse / Emanuel Geibel)
- Tonraum / Notation: sprechnahe, hell gehaltene Linie; syllabische Deklamation mit kurzen Cantabile-Aufhellungen
- Tempoangaben: Bewegt, sprechend; elastischer Puls, präzise Artikulation
- Dauer: ca. 1 Minute; komprimierte Sentenz
- Besetzung: Singstimme (Transpositionen üblich) und Klavier
- Form: knapp durchkomponiert (Selbstanklage → Gegenhimmel → trockene Schlussformel)
Daten zum Vers
- Strophenform: 1 Strophe à 8 Verse
- Reimschema: Paar-/Kreuzreim-Nähe
- Stilmittel: Hyperbel (Paradies vs. irdische Liebe), Antithese, refrainartige Wiederaufnahme („Und weil ich dich geliebt …“)
Entstehung & Kontexte
Heft II (1896) versammelt Wolfs reife „Psychologie im Kleinen“: Sprechgesang, mikrologische Akzente, lakonische Pointen. „Wie viele Zeit verlor ich …“ steht auf der ernst-ironischen Seite des Hefts: Bußton und Liebesbekenntnis prallen funkelnd aufeinander.
Die Musik meidet opernhafte Breite – der Text bleibt Gespräch, nicht Arie.
Aufführungspraxis & Rezeption
Klangidee: Grunddynamik mp, Text vorn; semantische Akzente auf „Paradies“, „Heiliger“, „Licht“. Keine theatralische Bußgestik – trocken setzen, mit feinem Understatement. Klavier federnd, Pedal sparsam; Schluss secco.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Jonas Kaufmann – Helmut Deutsch (live)
- Christian Gerhaher – Gerold Huber
- Dietrich Fischer-Dieskau – Gerald Moore
- Ian Bostridge – Julius Drake
- Samuel Hasselhorn – Joseph Middleton
Analyse – Musik
Sprechgestus & Akzente
Die Eröffnungszeile als vorwärtsneigende, leicht trockene Deklamation; Aufhellungen bei „Gott“/„Paradies“. Die Wiederholungsformel „Und weil ich dich geliebt …“ erhält eine knapp schärfende Nuance – Reue ohne Wehleid.
Form, Harmonik & Pointe
Bogen Selbstanklage → Gegenhimmel → Bilanz. Helle Grundharmonik mit pikanten Chromatik-Tupfern; Kadenz kurz, bündig – Fächer klappt zu.
Analyse – Dichtung
Heyses Volkslied-Nachdichtung bindet Bußtopik (Heiliger/Paradies) an Liebesempirie (schönes Gesicht/Veigelein). Der Text bleibt ambivalent: klagt, aber ohne echte Lossagung – idealer Nährboden für Wolfs knappe Ironie.
Aussage & Wirkung
Irdische Liebe kontra Himmelslohn – als blitzende Miniatur. Im Liederabend ein schneller, klarer Kontrastpunkt zwischen innigen oder satirischen Nummern des Hefts II.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio
Pianistin Evgenia Fölsche betont den Sprachpuls: elastische Artikulation, transparente Textur, secco-Schluss. Reue als trockene Pointe – nicht als Pathosbild.
Hinweis:
Die Lieder des Italienischen Liederbuchs werde ich im Rahmen des
Festival der Stimmen Liechtenstein 2026 aufführen.
Gemeinsam mit den herausragenden Sänger*innen Katharina Ruckgaber und Johannes Kammler gestalte ich einen Liederabend, der die ganze Tiefe und Leuchtkraft dieses Zyklus entfaltet.
👉 Zum Konzert „Italienisches Liederbuch“ beim Festival der Stimmen 2026
Hörbeispiele:
- Jonas Kaufmann & Helmut Deutsch: „Wie viele Zeit verlor ich, dich zu lieben!“ (Live) auf YouTube
- Hermann Prey (Konzertmitschnitt): Weitere Interpretation des Liedes auf YouTube
Häufige Fragen zu „Wie viele Zeit verlor ich, dich zu lieben!“
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Wo steht das Lied im Zyklus?
In Heft II (1896), gängig als Nr. 37 geführt.
Grundcharakter & Tempo?
Bewegt, sprechend; Text vorn, knapper secco-Schluss – keine große Emphase.
Welche Stimmlagen sind geeignet?
Alle via Transposition; häufig Tenor/Bariton. Entscheidend sind Textpräzision, Timing und kammermusikalische Balance.
Poetischer Kern?
Antithese von irdischer Liebe und Himmelslohn – Bußton mit funkelnder Ironie.