Ralph Vaughan Williams: Songs of Travel
Ralph Vaughan Williams (1872–1958) bündelt in den Songs of Travel (ca. 1901–1904) die englische Liedästhetik um 1900: Volksliednahe Melodik, modale Harmonik, klare Prosodie. Robert Louis Stevensons Verse erzählen vom Unterwegssein – Freiheit, Wahrnehmung, Erinnerung, Abschied. Neun Lieder (inkl. Epilog) bilden eine Reise von der Straße zur inneren Bilanz, in Klavier- und Orchesterfassung gleichermaßen etabliert.
Inhaltsverzeichnis
Werkdaten & Entstehung
- Komponist: Ralph Vaughan Williams (1872–1958)
- Titel: Songs of Travel – Liederzyklus nach Texten von Robert Louis Stevenson (aus Songs of Travel and Other Verses, 1896)
- Entstehung: ca. 1901–1904; Erstdruck als Zyklus für Singstimme & Klavier (8 Lieder); Orchesterfassung autorisiert; das Epilog-Lied wird heute als Nr. 9 aufgeführt.
- Besetzung: Singstimme und Klavier (Transpositionen üblich); orchestrierte Fassung
- Dauer: ca. 18–22 Minuten (Fassung & Tempi abhängig)
- Sprache: Englisch
- Form: Sequenz erzählender Einzellieder; strophische Nummern wechseln mit durchkomponierten Ruhepunkten
Zyklusgliederung – Übersicht & Links
1. The Vagabond
Marschpuls, Bekenntnis des Unterwegsseins – Prolog des Zyklus.
2. Let Beauty Awake
Lyrischer 6/8 – Morgen/Abend: Schönheit als Haltung der Wahrnehmung.
3. The Roadside Fire
Zärtliche Vision von Heim & Herd – Wärme ohne Sentiment.
4. Youth and Love
Wendepunkt: wehmütige Rückschau – Dur/Moll-Schattierung.
5. In Dreams
Nacht- und Erinnerungsraum – schwebende Zeit, offene Kadenzen.
6. The Infinite Shining Heavens
Kosmische Weite – kontemplativer, „stehender“ Klangraum.
7. Whither must I wander?
Zentrales Erinnerungsstück – volksliednah, würdig, schlicht.
8. Bright is the ring of words
Lob der Kunst: Worte, die weiterziehen – helles Leuchten vor dem Schluss.
9. I Have Trod the Upward and the Downward Slope
Epilog – lakonisches Resümee, leise offene Schlussgeste.
Stilprofil & Ästhetik
Vaughan Williams’ Liedsprache ist sprechmelodisch und von der englischen Folksong-Tradition geprägt. Modale Färbungen (dorisch/mixolydisch), klare Wortakzente und eine ruhende, weiträumige Harmonik schaffen Würde ohne Pathos. Die Klaviertextur wirkt oft orchestrisch gedacht, bleibt aber kammermusikalisch transparent – die Straße ist Schritt, nicht Spektakel.
Aufführungspraxis – Stimme & Klavier
- Gesang: Erzählerischer Ton, tragfähiges Leise, Vibrato schlank. Prosodie führt die Linie.
- Klavier: Gleichmäßiger Grundpuls; Pedal differenziert, um modale Farben nicht zu verwischen. Klangflächen atmen lassen.
- Dramaturgie: Sinnvolle Blöcke (1–3, 4–6, 7–9) programmieren; Kontraste „Gang – Innenschau – Bilanz“ hörbar machen.
Hören & Aufnahmen (Auswahl)
- Bryn Terfel – Malcolm Martineau
- Gerald Finley – Julius Drake
- Sir Thomas Allen – Roger Vignoles
- Roderick Williams – Iain Burnside
- Orchesterfassungen in gleicher Besetzungstradition verfügbar
FAQ – Vaughan Williams: Songs of Travel
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Gibt es „die“ originale Fassung – Klavier oder Orchester?
Die Klavierfassung wurde zuerst veröffentlicht; eine autorisierte Orchestrierung existiert. In der Praxis sind beide Fassungen etabliert – die Klavierfassung intimer, die Orchesterfassung weiter im Klang.
Warum zählt der Zyklus oft neun Lieder?
Historisch kursierten zunächst acht Lieder; das Epilog-Stück I Have Trod… ist heute als Nr. 9 üblich und beschließt die Reise dramaturgisch schlüssig.
Mit welchem Lied beginnt man am besten?
Als Einstieg empfehlen sich The Vagabond (Prolog) oder Whither must I wander? (Zentrum der Erinnerung). Für die kontemplative Seite: The Infinite Shining Heavens.