Chopin Scherzo Nr. 3

Autorin: Evgenia Fölsche
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Frédéric Chopin: Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39 bündelt extreme Kontraste zu einem hochgespannten Drama: rasende Oktavketten, funkelnde Figurationen und ein nahezu orchestral verdichteter Rahmen stehen einer feierlichen, choralartigen Mittelsektion gegenüber. Die klare A–B–A-Architektur wirkt dabei weniger episodisch als zwingend – wie ein innerer Spannungsbogen, der sich erst in der strahlenden Dur-Schlusswendung (Picardie-Terz) löst. Entstanden 1839 (Beginn Winter 1838/39 auf Mallorca, Abschluss in Frankreich), zählt das Werk zu den konzentriertesten und wirkungsvollsten Konzertstücken Chopins.

Kartause von Valldemossa im Regen – Aufenthaltsort Chopins 1838/39, Kontext zu Scherzo Nr. 3 op. 39
Künstlerische Verdichtung der Kartause von Valldemossa (Mallorca), in der Chopin im Winter 1838/39 lebte und arbeitete. Das Bild dient als historischer Resonanzraum für Isolation, Witterung und innere Sammlung – nicht als Programmmusik.

Werkdaten und Form

Basisdaten

  • Komponist: Frédéric Chopin (1810–1849)
  • Titel: Scherzo Nr. 3 in cis-Moll, op. 39
  • Tempo: Presto con fuoco
  • Taktart: überwiegend 3/4
  • Entstehung: 1839 (Beginn Winter 1838/39 in Valldemossa/Mallorca)
  • Erstveröffentlichung: 1840 – Paris (Troupenas), Leipzig (Breitkopf & Härtel), London (Wessel)
  • Widmung: Adolphe (Adolf) Gutmann
  • Dauer: ca. 7–8 Minuten

Form & Struktur

Erweiterte Scherzoform A–B–A + Coda: Ein hochenergetischer cis-Moll-Rahmen mit markanter Oktavgeste prägt die Außenteile. Die Mittelsektion (enharmonisch Des-Dur) erscheint choralartig, weit gespannt und von ruhiger Satzdichte. Reprise und Coda verdichten das Ausgangsmaterial und münden in eine überraschend klare Dur-Schlusswendung (Picardie-Terz).

Entstehung & Kontext

Valldemossa 1838/39: Resonanzraum ohne Programmatik

Chopin begann die Arbeit am Scherzo Nr. 3 während seines Aufenthalts im Kartäuserkloster von Valldemossa auf Mallorca. Der Winter 1838/39 war geprägt von Krankheit, Isolation und ungünstigen klimatischen Bedingungen. Anders als beim ersten Scherzo lassen sich jedoch keine direkten politischen oder programmatischen Bezüge nachweisen.

Der Ort wirkt vielmehr als historischer Resonanzraum: Abgeschiedenheit, massive Architektur und das Erleben von Witterung und Enge bilden einen plausiblen Hintergrund für die extreme Polarität des Werkes – ohne dass die Musik auf konkrete außermusikalische Bilder festgelegt wäre.

In diesem Zusammenhang wird häufig auch Chopins sogenanntes „Regentropfen“-Prélude (op. 28 Nr. 15) erwähnt, das ebenfalls mit Valldemossa assoziiert wird. Während das Prélude monotone Wiederkehr in miniaturhafter Form gestaltet, erscheint das Scherzo Nr. 3 als großformatige Entfaltung derselben Grundspannung: äußere Unruhe versus innere Sammlung.

Aufführung & Rezeption

Ein formales Uraufführungsdatum ist nicht dokumentiert; unmittelbar nach der Drucklegung etablierte sich das Werk im Konzertleben. Kritiken betonten früh die dramatische Zuspitzung des Rahmens und die feierliche Ruhe des Mittelteils – ein Kontrast, der bis heute als Schlüssel zur Wirkung des Werkes gilt.

Referenzaufnahmen (Auswahl)

  • Alfred Cortot – historische Einspielungen (APR/Hyperion)
  • Vladimir Horowitz – Studio- und Live-Aufnahmen (u. a. 1957)
  • Arthur RubinsteinThe Chopin Scherzos (RCA, 1959)
  • Sviatoslav Richter – Zyklen mit allen vier Scherzi
  • Claudio Arrau – Gesamteinspielungen
  • Maurizio Pollini – DG-Editionen
  • Martha Argerich – Konzertmitschnitte

Visuelle Darstellung

Künstlerische Visualisierung von Evgenia Foelsche:
Die künstlerische Darstellung bezieht sich auf die Kartause von Valldemossa auf Mallorca – den Ort, der bis heute mit Chopins Mallorca-Winter verbunden ist. Architektur, Stein und Licht wirken wie eine stille Erinnerungsschicht: ein klösterlicher Raum, in dem sich Rückzug, Konzentration und innere Spannungen bündeln. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Musik eine erzählerische Tiefe – zwischen eruptiver Dramatik und dem feierlichen, fast sakralen Atem der Choralsektion. Das Bild setzt nicht „Illustration“ dagegen, sondern einen Resonanzraum: Valldemossa als Symbol für Einkehr, Wetterstürme draußen und Klarheit, die sich am Ende in einem hellen Schlusslicht öffnet.

Musiktheoretische Analyse

Dramaturgie und Satztechnik

Die exponierte Oktavgeste des Beginns fungiert als strukturelles Motto und prägt Reprise und Coda. Der Mittelteil arbeitet demgegenüber mit homophoner Satzweise und klarer Stimmführung – Weite statt Drang, Statik statt Motorik.

Tonarten- und Spannungsplan

  • Außenrahmen: cis-Moll – Chromatik, Dominantspannung, Sequenzen
  • Mitte: enharmonisch Des-Dur – klangliche Aufhellung, hymnischer Charakter
  • Coda: Verdichtung und Umschlag zur Picardie-Terz (Cis-Dur)

Ausdruck & Deutung

Häufig wird das Scherzo Nr. 3 als Konfrontation zweier Sphären gelesen: äußerer Drang und innere Sammlung. Der Mittelteil erscheint dabei wie ein stillgestellter Kern – Erinnerung, Gebet oder Vision –, der vom hochenergetischen Rahmen umschlossen wird. Die helle Schlusswendung lässt das Werk nicht triumphal, sondern geklärt enden: als Überwindung, nicht als Sieg.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Aufnahme

Pianistin Evgenia Fölsche hat Chopins Scherzo Nr. 3 mehrfach im Konzert aufgeführt und eingespielt. Ihre Interpretation betont organische Temporelationen, eine gesanglich getragene Choralkantilene und klare, nicht überbetonte Oktavgesten.

Musik & Kontakt

Evgenia Fölsche spielt Scherzo Nr. 3 von Frédéric Chopin:

Scherzo Nr. 3

Evgenia Fölsche spielt Scherzo Nr. 3 op. 39 von Frédéric Chopin

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Häufige Fragen zu Chopin: Scherzo Nr. 3 op. 39

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Was macht das Scherzo Nr. 3 besonders?

Der Kontrast zwischen einer vehementen, oktavierten Rahmengeste (Presto con fuoco) und einer feierlichen Choralkantilene in Des-Dur. Die musikalische Spannung kulminiert in einer hellen Dur-Schlusswendung (Picardie-Terz).

Wie lang ist das Stück und wie anspruchsvoll?

Etwa 7–8 Minuten. Technisch fordernd (Oktaven, Akkordschläge, weite Lagen, Arpeggien) und interpretatorisch anspruchsvoll (Klangbalance, Pedalökonomie, Formbogen).

Welche Ausgaben sind empfehlenswert?

Polnische Nationaledition (PWM), Henle Urtext sowie kritisch kommentierte Reprints der Erstausgaben (Paris/Leipzig/London) – sie dokumentieren Artikulations- und Pedalvarianten.

Wann entstand und erschien das Werk?

Komponiert 1839; veröffentlicht 1840 (Paris: Troupenas; Leipzig: Breitkopf & Härtel; London: Wessel).

Wo finde ich mehr zu den vier Scherzi?

Eine Einführung in alle vier Scherzi: Übersicht. Verwandte Artikel: Nr. 2 · Nr. 4.

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Quellenverzeichnis

  1. LA Phil – Werkkommentar Scherzo No. 3, Op. 39. Pfad: laphil.com/musicdb/pieces/3165/scherzo-no-3-op-39
  2. AllMusic – Werkprofil. Pfad: allmusic.com/composition/…mc0002364214
  3. University of Chicago – Chopin First Editions (Erstveröffentlichungen 1840). Pfad: chopin.lib.uchicago.edu/…/39.pdf
  4. NIFC / Chopin-Institut – Werkseite (Widmung an Gutmann; Kontext). Pfad: chopin2020.pl/…/scherzo-in-c-sharp-minor-op.-39
  5. IMSLP – Scherzo No. 3, Op. 39. Pfad: imslp.org/wiki/Scherzo_No.3,_Op.39
  6. Repertoire-Diskographie – Cortot, Horowitz, Rubinstein, Richter, Arrau, Pollini, Argerich (Label-/Katalogeinträge, Reissues).