Chopin Scherzo Nr. 2
Frédéric Chopin: Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31 ist ein dramaturgisches Meisterstück: Ein geheimnisvolles sotto voce-Vorspiel stellt eine Frage, auf die das Werk mit einer machtvollen Antwort reagiert. Die Musik spannt den Bogen zwischen eruptiver Virtuosität und einer der kantabelsten Melodielinien der Romantik. 1837 in Paris vollendet und veröffentlicht, gehört das Scherzo Nr. 2 heute zu den meistgespielten Chopin-Stücken im Konzertsaal.
Inhalt
Scherzo Nr. 2 – Werkdaten
Basisdaten
- Komponist: Frédéric Chopin (1810–1849)
- Titel: Scherzo Nr. 2 in b-Moll, op. 31
- Tonart & Takt: b-Moll (B-flat minor), überwiegend 3/4
- Tempo/Spielanweisungen: Presto (sotto voce) im Vorspiel; kantables Thema con anima
- Entstehung/Publikation: Vollendung und Erstausgabe 1837 (Paris; zeitnah Leipzig/London)
- Widmung: Gräfin Adèle (Adèle) de Fürstenstein
- Dauer: ca. 9–10 Minuten (interpretationsabhängig)
- Instrument: moderner Konzertflügel; historisch: französische/englische Flügel der 1830er (kürzere Ausklingzeit → anderes Pedalverhalten)
Form & Struktur
Erweiterte Scherzo-Architektur A–B–A + Coda: Ein leises, fragendes Vorspiel (sotto voce) mit gebrochenen Akkorden (Frage) und ff-Akkordblöcken (Antwort) entfesselt den A-Teil. Die große lyrische Passage steht häufig im Des-Dur-Nahbereich (relative Dur), während der Mittelteil nach A-Dur ausweicht; die Reprise bündelt die Energien und führt in eine brillante Coda.
Mehr Kontext zu den vier Scherzi (inkl. Einzelartikeln): Überblick · Nr. 3 · Nr. 4
Entstehung & Quellen
Lebenssituation 1835–1837
Chopin hatte sich in den Pariser Salons etabliert – als Komponist, Pianist und gefragter Lehrer. Das Jahr 1837 markiert eine produktive Phase mit mehreren Schlüsselwerken. Das Scherzo Nr. 2 wurde in Paris vollendet und noch im selben Jahr verlegt; deutsche und englische Ausgaben folgten kurz darauf.
Quellen/Hinweise des Komponisten
Erstausgaben und Kopistensätze (u. a. Fontana) belegen Widmung und frühe Textgestalt. Überliefert ist zudem der Hinweis des Chopin-Zeitgenossen Wilhelm von Lenz: Der Beginn „müsse ein Beinhaus sein“ – das sotto voce als Frage, die anschließenden Akkorde als Antwort. Diese Deutung prägte die Rezeptionsgeschichte des Werks.
Aufführung & Rezeption
Ein offizielles Uraufführungsdatum ist nicht dokumentiert; unmittelbar nach der Drucklegung verbreitete sich das Werk rasch im Konzertleben. Seither gehört es zum Kernrepertoire – beliebt wegen seines dramatischen Kontrasts und der großen, kantablen Linie.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Arthur Rubinstein – The Chopin Scherzos (RCA, 1959)
- Vladimir Horowitz – frühe Einspielung 1926; weitere Studio/Live-Aufnahmen (u. a. 1957)
- Alfred Cortot – historische Zyklen der Scherzi (diverse Reissues)
- Arturo Benedetti Michelangeli – HMV DB 5355 (Mailand, 1941)
- Sviatoslav Richter – Chopin: 4 Scherzi (verschiedene Editionen)
- Maurizio Pollini – DG-Aufnahmen der Scherzi (Box/Editionen)
- Claudio Arrau – Scherzi in verschiedenen Gesamtausgaben
Hinweis: Die genannten Versionen sind stilistisch sehr verschieden – vom granitartig-klaren Zugriff bis zu frei atmender Kantabilität. Ein Vergleich lohnt sich für Interpretationsentscheidungen.
Musiktheoretische Analyse
Form & Dramaturgie
Das sotto voce-Vorspiel arbeitet mit Wellen von gebrochenen Akkorden und harmonischen Verdichtungen. Der A-Teil setzt die „Antwort“ als blockhafte, akzentuierte Gestik in Gang (häufig oktaviert). Die ausgedehnte lyrische Passage (Des-Dur-Nahbereich) entfaltet eine breite, gesangliche Linie; der Mittelteil (A-Dur) erweitert den tonalen Horizont, bevor Reprise und Coda die Anfangsidee transformiert zurückführen.
Harmonik & Tonartenplan
- Start: b-Moll mit Chromatikfeldern und Dominantspannung
- Lyrische Passage: Des-Dur/As-Dur-Nahbereich (relative Dur/Seitensphäre)
- Mittelteil: Ausweichung nach A-Dur (über sequenzierte Übergänge)
- Reprise/Coda: Rückkehr nach b-Moll, Verdichtung durch Sequenzen, Oktavketten, Akkordschläge
Textur & Technik
- Figuration: gebrochene Akkorde, großräumige Arpeggien, Doppel-Oktaven
- Motorik: punktierte/akzentuierte Gesten vs. cantabile-Linie
- Registrik: weite Lagensprünge, dramatische Bass-Treibhölzer, Glanz im Diskant
- Pedal: differenziert (Halb-/Viertelpedal) für Resonanz ohne Verwischen; Lyrik ≠ Hallteppich
- Voicing: Melodie immer über Begleitfiguration, besonders im Des-Dur-Bogen
Aufführungspraxis – praktische Hinweise
- Vorspiel: wirklich sotto voce – klar artikuliert, aber in der Tiefe „atmend“; die „Antwort“ nicht brutalisieren, sondern plastisch phrasieren
- Rubato: „atmen“ um die Melodie, Grundpuls hörbar halten (linke Hand stabilisiert)
- Balance: ff-Akkorde tragend, nicht metallisch; lyrische Linie als stimmführendes Zentrum
- Coda: Fokus auf Linienführung in den Oktaven, Klarheit über Tempo-Rausch
Ausdruck & Deutung
Das berühmte „Frage–Antwort“-Prinzip (Lenz) prägt die Rhetorik: ein existenzieller Anfang, der sich zu heroischer Entschlossenheit steigert. Die große Des-Dur-Kantilene bildet ein emotionales Zentrum – Rückzugsort und Perspektivwechsel – bevor der dramatische Rahmen zurückkehrt. Viele Interpretationen lesen das Stück als Balance aus „Zartheit und Kühnheit“: kraftvolle Energie, die stets im Dienst des Gesangs bleibt.
Für Kontext und Gattungsvergleich siehe auch den Überblicksbeitrag: Chopins Scherzi.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Aufnahme
Pianistin Evgenia Fölsche hat Chopins Scherzo Nr. 2 in verschiedenen Konzertprogrammen vorgestellt und eine Einspielung realisiert. Ihr interpretatorischer Fokus liegt auf der plastischen Ausarbeitung des Frage–Antwort-Gestus, der kantablen Linienführung und einer klaren, nicht „überpedalisierten“ Klangsprache.
Musikeinspielung & Kontakt
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Häufige Fragen zu Chopin: Scherzo Nr. 2 op. 31
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Was zeichnet das Scherzo Nr. 2 musikalisch aus?
Das geheimnisvolle sotto voce-Vorspiel mit „Frage–Antwort“-Gestus, ein dramatischer Hauptteil in b-Moll sowie eine weit ausschwingende, kantable Passage (häufig im Des-Dur-Nahbereich) – zusammengeführt in einer brillanten Coda.
Wie lang ist das Stück und wie schwer?
Rund 9–10 Minuten; es gehört zu Chopins virtuosen Konzertstücken (Oktaven, großräumige Figuration, Balance zwischen Linie und Akkorden).
Welche Ausgabe empfehlen Sie?
Bewährt sind die Polnische Nationaledition (PWM), Henle Urtext sowie kritisch kommentierte Reprints der Erstausgaben; sie dokumentieren Varianten (Artikulation, Pedal, Phrasierung).
Wann entstand und erschien das Werk?
1837 komponiert und im selben Jahr veröffentlicht (Paris; zeitnah Leipzig und London).
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Quellenverzeichnis
- NIFC – Überblick Scherzi (Datierung/Publikation 1837). Pfad: chopin.nifc.pl/en/chopin/gatunki/14_scherza
- IMSLP – Scherzo No. 2, Op. 31 (Erstausgaben/Kopistensatz; Widmung Adèle de Fürstenstein). Pfad: imslp.org/wiki/Scherzo_No.2,_Op.31
- LA Phil – Werkkommentar (composed 1837). Pfad: laphil.com/musicdb/pieces/3163/scherzo-no-2-in-b-flat-minor-op-31
- AllMusic – Werkprofil (Comp. & Pub. 1837, Dauer, Strukturhinweise). Pfad: allmusic.com/composition/mc0002363846
- Hyperion (Liner Notes) – Lenz-Zitat („It must be a charnel house …“, Frage/Antwort-Deutung). Pfad: hyperion-records.co.uk/dw.asp?dc=W777_GBAJY1719429
- Discogs – Alfred Cortot, Sammlungen mit Scherzo Nr. 2. Pfad: discogs.com/release/10342643
- Discogs – Arthur Rubinstein The Chopin Scherzos (RCA, 1959). Pfad: discogs.com/master/297085
- Offizielle Horowitz-Diskographie (Sitzungen 1926/1957 u. a.). Pfad: vladimirhorowitz.com/1_38_All-Recordings-1926-1968.html
- Internet Archive – Michelangeli HMV DB 5355 (Label-/Matrixangaben). Pfad: archive.org/details/...db-5355
- DG/Presto – Pollini mit Chopin-Scherzi (Editionen). Pfad: deutschegrammophon.com/.../chopin-4-scherzi · presto music – pollini chopin
- Discogs – Sviatoslav Richter: Chopin – 4 Scherzi (Master). Pfad: discogs.com/master/629213
- Apple Music – Claudio Arrau: Scherzo No. 2 (katalogisierte Einspielung). Pfad: classical.music.apple.com/.../598924672