Chopin Scherzo Nr. 4

Frédéric Chopin: Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54 ist das luzideste der vier Scherzi: funkelnde Läufe, federnde Leichtigkeit – und eine nach innen lauschende Mittelsektion. 1842 in Nohant konzipiert und 1843 erstveröffentlicht, steht es im Zyklus als einziges Scherzo primär in einer Dur-Tonart. Hinter der Helligkeit verbirgt sich allerdings hochfeine Virtuosität, die klangliche Kontrolle und Strukturgefühl verlangt.

Werkdaten und Form

Basisdaten

  • Komponist: Frédéric Chopin (1810–1849)
  • Titel: Scherzo Nr. 4 in E-Dur, op. 54
  • Tempo: häufig mit Presto überschrieben
  • Entstehung: 1842 (Sommer in Nohant)
  • Erstveröffentlichungen: Paris & Leipzig 1843; London 1844/45 (parallel erschienene Ausgaben)
  • Dauer: ca. 8–10 Minuten (interpretationsabhängig)
  • Besonderheit: einziges Scherzo Chopins primär in Dur

Form & Struktur

Häufig als Sonatenrondo beschrieben (A–B–A–B–A mit Coda): das elegante Hauptthema in E-Dur kehrt mehrfach variiert wieder; ein kontrastierendes Trio in cis-Moll (mit liedhafter Prägung) bildet das innere Gegengewicht; die Coda bündelt die Bewegungsenergie in glitzernden Laufwerken und akkordischen Kaskaden.

Verwandte Artikel: Scherzo Nr. 1 · Scherzo Nr. 2 · Scherzo Nr. 3 · Überblick: Chopins Scherzi

Entstehung & Quellen

Lebenssituation & Orte

Chopin arbeitete 1842 während des Sommers in Nohant (Landhaus George Sands) am vierten Scherzo. Der hellere, kapriziöse Tonfall wird oft als Gegenpol zu den düsteren Rahmensätzen der drei früheren Scherzi gelesen.

Erstauflagen & Widmung

  • Paris/Leipzig: 1843 – Schlesinger (Paris), Breitkopf & Härtel (Leipzig)
  • London: 1844/45 – Wessel
  • Widmung: in Quellen variierend; Autograph und frühe deutsche Ausgabe nennen Mlle. Jeanne de Caraman (Titelblatt-Dedikation), teils finden sich Belege für eine französische Fassung mit Clotilde de Caraman.

Aufführung & Rezeption

Das E-Dur-Scherzo gehört seit dem 19. Jahrhundert zum Konzertrepertoire – oft als „helles“ Gegenstück zu op. 20/31/39 programmiert. Kommentatoren betonen die Mischung aus Brillanz und Eleganz, die ein besonders differenziertes Pianissimo, geschmeidiges Legato und spritzige Artikulation verlangt.

Referenzaufnahmen (Auswahl)

  • Arthur RubinsteinThe Chopin Scherzos (RCA)
  • Vladimir Horowitz – Studio-/Live-Aufnahmen (div. Editionen)
  • Alfred Cortot – historische Zyklen (APR/Hyperion-Reissues)
  • Maurizio Pollini – DG-Editionen/Boxen
  • Martha Argerich – Konzertmitschnitte/Editionen
  • Evgeny Kissin – Programmbeispiel mit op. 54 in Rezitalen

Hör-Tipp: Der Vergleich von Pollinis architektonischer Klarheit, Rubinsteins nobler Linie und Cortots sprechender Agogik zeigt die interpretatorische Spannweite dieses Werks.

Musiktheoretische Analyse

Form & Dramaturgie

Das Hauptthema tänzelt elegant in E-Dur und wird in den Reprisen zunehmend virtuos koloriert. Der Mittelteil in cis-Moll wirkt wie eine gesangliche Innenschau (periodische Phrasen, klarer Stimmensatz), bevor sich das Rondo-Prinzip wieder durchsetzt und die Schlusscoda die Motorik verdichtet.

Harmonik & Tonartenplan

  • Rahmen: E-Dur, mit Ausweichungen in Dominant- und Mediantbereiche, chromatische Überleitungen
  • Trio: cis-Moll (nahverwandte Mollparallele), liedhaftes Profil
  • Coda: Sequenzverdichtungen, akkordische Glanzpunkte, brillantes Finale

Textur, Technik & Klang

  • Figuration: flirrende Skalen, gebrochene Akkorde, Doppelgriffe
  • Artikulation: elastisch und federnd; klare Differenzierung zwischen Vordergrundlinie und Begleitfläche
  • Pedal: zurückhaltend; Halbpdal/Wechselpedal für Transparenz
  • Voicing: sangliche Oberstimme bei gleichzeitigem Leichtgewicht der Begleitung

Aufführungspraxis – praktische Hinweise

  • Tempo-Architektur: gleichmäßiger Puls, innere Elastizität über Phrasenatmen statt Beschleunigungsdrift
  • Dynamik: Brillanz ≠ Härte; Glanz über Klangfarben und Timing, nicht über Lautstärke
  • Technik: Läufe zunächst rhythmisch variiert üben; Staccatissimo federnd, nicht percussiv

Ausdruck & Deutung

Zeitgenössische und moderne Kommentare beschreiben op. 54 als „lichtes“ Gegenbild zu den düsteren Scherzi – nicht harmlos, sondern kapriziös, feingliedrig und von eleganter Innerlichkeit. Die Musik wirkt wie eine kunstvolle Maskerade: hinter dem Lächeln verbirgt sich strenge Kompositionslogik und pianistischer Anspruch.

Für Gattungskontext und Vergleich mit den anderen Scherzi siehe den Überblick: Chopins Scherzi.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Aufnahme

Pianistin Evgenia Fölsche hat Chopins Scherzo Nr. 4 in Konzertprogrammen vorgestellt und eine Einspielung realisiert. Ihre Lesart betont die federnde Rhetorik, die Durchhörbarkeit der Binnenstimmen und eine funkelnde, aber niemals „harte“ Brillanz in der Coda.

Musikeinspielung & Kontakt

→ Zur Musikeinspielung (Platzhalter-Link)

Sie möchten Chopin: Scherzo Nr. 4 in einem Konzertabend programmieren? Kontakt zu Evgenia Fölsche.

Häufige Fragen zu Chopin: Scherzo Nr. 4 op. 54

Klicken Sie auf eine Frage, um die Antwort einzublenden.

Was macht das Scherzo Nr. 4 besonders?

Es ist das einzige der vier Scherzi primär in Dur (E-Dur), mit einem liedhaften Trio in cis-Moll und einem elegant-brillanten Rondo-Gestus.

Wie lang ist das Stück und wie anspruchsvoll?

Etwa 8–10 Minuten; technisch heikel (flirrende Läufe, Doppelgriffe, federnde Artikulation) und interpretatorisch anspruchsvoll (Leichtigkeit, Transparenz, Puls).

Welche Ausgaben sind empfehlenswert?

Polnische Nationaledition (PWM), Henle Urtext und kritisch kommentierte Erstausgabenreprints (Schlesinger/Breitkopf/Wessel) – dokumentieren Varianten und editorische Differenzen.

Wann entstand und erschien das Werk?

Komponiert 1842 (Nohant); veröffentlicht 1843 (Paris/Leipzig), kurz darauf in London.

Wo finde ich mehr zu den vier Scherzi?

Eine Einführung in alle vier Scherzi: Übersicht. Verwandte Artikel: Nr. 1 · Nr. 2 · Nr. 3.

Fragen zu Programm, Notenauswahl oder Interpretation? Jetzt unverbindlich Kontakt aufnehmen.

Kontakt aufnehmen

Quellenverzeichnis

  1. LA Phil – Werkkommentar Scherzo No. 4 in E major, Op. 54 (Charakter, Entstehungsjahr 1842). Pfad: laphil.com/musicdb/pieces/3166/scherzo-no-4-in-e-major-op-54
  2. UChicago – Chopin First Editions (Erstausgaben Paris/Leipzig 1843; London 1844; Komposition 1842–43). Pfad: chopin.lib.uchicago.edu/.../54.pdf
  3. NIFC – Gattungsseite Scherzos & Kompositionskontext. Pfad: chopin.nifc.pl/en/chopin/gatunki/14_scherza
  4. Wikipedia – Werkprofil (Nohant 1842; Formangabe Sonatenrondo; Trio in cis-Moll; einziges Scherzo in Dur). Pfad: en.wikipedia.org/wiki/Scherzo_No._4_(Chopin)
  5. OMI Facsimiles – Autograph mit Dedikation an Mlle. Jeanne de Caraman. Pfad: omifacsimiles.com/brochures/chop_sch54.html
  6. IMSLP – Werkseite (Key, Jahr, Erstveröffentlichung, Dedikation). Pfad: imslp.org/wiki/Scherzo_No.4,_Op.54
  7. Chopin 2020 (XVIII Chopin Competition) – Werknotiz (Entstehung/Publikation). Pfad: chopin2020.pl/.../scherzo-in-e-major-op.-54