Chopin Scherzo Nr. 1
Frédéric Chopin: Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20 eröffnet mit zwei spannungsgeladenen, dissonanten Akkorden – ein Aufschrei, der in ein nervös aufgewühltes Presto con fuoco mündet. Im Zentrum steht ein berückend stiller B-Dur-Abschnitt, in dem Chopin das polnische Weihnachtslied Lulajże, Jezuniu zitiert. Skizziert 1831 in Wien, in Paris vollendet und 1835 erstveröffentlicht, zählt das Werk zu den prägnantesten und wirkungsmächtigsten Stücken seines Konzertrepertoires.
Inhalt
Werkdaten und Form
Basisdaten
- Komponist: Frédéric Chopin (1810–1849)
- Titel: Scherzo Nr. 1 in h-Moll (B minor), op. 20
- Tempo: Presto con fuoco
- Taktart: überwiegend 3/4
- Entstehung: Skizzen 1831 (Wien); Fertigstellung Paris (ca. 1833)
- Erstveröffentlichungen: 1835 – Paris (Maurice Schlesinger), Leipzig (Breitkopf & Härtel)
- Widmung: Thomas Albrecht
- Durchschnittliche Dauer: ca. 9–11 Minuten (Interpretationsspanne)
- Besonderheit: Zitat des polnischen Weihnachtslieds Lulajże, Jezuniu im Mittelteil
Form & Struktur
Dramaturgisch erweitertes Scherzo A–B–A + Coda: Zwei schneidende Anfangsakkorde brechen das Schweigen; der A-Teil entfaltet eine hochmotorische, dissonanzgesättigte Geste. Der Mittelteil (B) in B-Dur führt eine innige, chorale Melodie (Lulajże, Jezuniu) in der Mittelstimme, umspielt von weitgriffigen Wellenfiguren. Reprise und Coda bündeln die Energie des Beginns in eine virtuose Schlussapotheose.
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Entstehung & Quellen
Lebenssituation & Orte
In den frühen 1830er Jahren verließ Chopin das politisch erschütterte Polen und fand über Wien nach Paris. Zeitzeugenberichte und Werkkommentare nennen Wien 1831 als Ausgangspunkt der Skizzen und Paris als Ort der Vollendung. Der markante Gegensatz zwischen dramatischem Außenrahmen und innigem Mittelteil spiegelt häufig gedeutet die Spannung zwischen Exil, Erinnerung und künstlerischer Neuorientierung.
Widmung & Erstauflagen
- Widmung: Thomas Albrecht
- Erstausgaben (1835): Paris: Maurice Schlesinger; Leipzig: Breitkopf & Härtel – parallel erscheinen Fassungen im englischen Markt. Bibliographische Nachweise in Bibliographie de la France und Hofmeisters Monatsberichten.
Aufführung & Rezeption
Ein formales Uraufführungsdatum ist nicht belegt; das Werk verbreitete sich nach Drucklegung rasch. Programmhefte heben bis heute den „Aufschrei“ der Anfangstakte, die schneidende Motorik und die kontemplative B-Dur-Insel hervor – eine Dramaturgie, die Publikum wie Interpret:innen gleichermaßen fesselt.
Referenzaufnahmen (Auswahl)
- Arthur Rubinstein – The Chopin Scherzos (RCA)
- Vladimir Horowitz – Studio- und Live-Einspielungen u. a. 1957
- Alfred Cortot – historische Zyklen (APR/Hyperion-Reissues)
- Arturo Benedetti Michelangeli – dokumentierte Aufnahmen/Editionen
- Sviatoslav Richter – Zyklen mit allen vier Scherzi
- Maurizio Pollini – DG-Editionen/Boxen
- Martha Argerich – Konzertmitschnitte/Editionen
Hör-Tipp: Der Vergleich von Horowitz’ elektrisierender Spannung, Rubinsteins nobler Linie und Pollinis architektonischer Klarheit zeigt das interpretatorische Spektrum des op. 20.
Musiktheoretische Analyse
Form & Dramaturgie
Der A-Teil wirkt wie ein dramatischer Monolog: Akkordschläge, rasende Figuration, expansive Sequenzen; der B-Teil in B-Dur (mit Lulajże, Jezuniu) stellt eine innige, chorale Kantabilität in die Mittelstimme, umwoben von arpeggierten Begleitwellen. Reprise und Coda retransformieren das Anfangsmaterial und schließen mit virtuoser Glanzgeste.
Harmonik & Tonartenplan
- Außenrahmen: h-Moll (Chromatik, scharfe Dissonanzen, Dominantfelder)
- Mittelteil: B-Dur (enharmonische/nahverwandte Bezüge); Melodie in der Mittelstimme
- Coda: komprimierte Sequenzen, Oktavverdopplungen, zugespitzte Schlusswirkung
Textur, Technik & Klang
- Figuration: Oktavketten, Doppelgriffe, großräumige Arpeggien, Akkordfanfaren
- Artikulation: Kontrast zwischen scharf akzentuiertem Rahmen und innigem Legato-Choral
- Pedal: im Mittelteil transparent (Halb-/Viertelpedal), im Rahmen stützend ohne Verwischen
- Voicing: Mittelstimmenführung der Choralmelodie klar über den Begleitwellen halten
Aufführungspraxis – praktische Hinweise
- Beginn: die beiden Auftakt-Akkorde als „dramatische Setzung“, nicht als bloße Lautstärke
- Tempo-Architektur: Puls im Presto stabilisieren; Spannung aus Binnenpuls und Phrasenatmen
- Balance: Rahmen energisch, aber farbig; Mittelteil mit tragfähigem Mittelsatz und kontrolliertem Pedal
Ausdruck & Deutung
Zeitgenössische Kommentare betonen die Unvereinbarkeit von „Scherz“ und der düsteren Aura des Stücks – Robert Schumann formulierte pointiert: „Wie soll sich die ‘Ernsthaftigkeit’ kleiden, wenn der ‘Scherz’ in dunklen Schleiern einhergeht?“ Die Dialektik von Aufschrei und Tröstung, von Exil und Erinnerung prägt die moderne Rezeption – und macht op. 20 zu einem Schlüsselwerk.
Für Gattungskontext und Vergleich mit den anderen Scherzi siehe: Chopins Scherzi.
Evgenia Fölsche – Aufführungen & Aufnahme
Pianistin Evgenia Fölsche hat Chopins Scherzo Nr. 1 mehrfach in Konzertprogrammen präsentiert und eine Einspielung vorgelegt. Ihre Lesart konzentriert sich auf eine plastische Dramaturgie des Anfangs, eine „singende“ Mittelstimme im B-Dur-Choral und eine klar konturierte, nicht überpedalisierte Klangrede in Reprise und Coda.
Musikeinspielung & Kontakt
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Häufige Fragen zu Chopin: Scherzo Nr. 1 op. 20
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Was ist das Charakteristische am Scherzo Nr. 1?
Die zwei aufschneidenden Anfangsakkorde, die eruptive Motorik des Presto con fuoco und der innige B-Dur-Mittelteil mit der Melodie Lulajże, Jezuniu.
Wie lang ist das Stück und wie schwer?
Meist 9–11 Minuten; technisch und interpretatorisch anspruchsvoll (Oktaven, Akkordschläge, weite Lagen, differenziertes Pedal; balanciertes Rubato).
Welche Ausgaben empfehlen Sie?
Polnische Nationaledition (PWM), Henle Urtext und kritisch kommentierte Erstdruck-Reprints (Schlesinger/Breitkopf); sie dokumentieren Varianten und editorische Differenzen.
Wann entstand und erschien das Werk?
Skizziert 1831 in Wien; Vollendung in Paris (ca. 1833); Erstveröffentlichung 1835 simultan in Paris und Leipzig.
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Quellenverzeichnis
- LA Phil – Werkkommentar Scherzo No. 1 Op. 20 (Skizzen 1831 Wien; polnisches Weihnachtslied im Mittelteil). Pfad: laphil.com/musicdb/pieces/3162/scherzo-no-1-op-20
- IMSLP – Scherzo No. 1, Op. 20 (Kompositionsjahr 1833; Erstveröffentlichung 1835 Paris/Leipzig; Widmung Thomas Albrecht; bibliographische Nachweise). Pfad: imslp.org/wiki/Scherzo_No.1,_Op.20
- UChicago – Chopin First Editions (Werkbeschreibung op. 20: Paris Schlesinger 1835; Leipzig Breitkopf & Härtel 1835; Komponiert 1833). Pfad: chopin.lib.uchicago.edu/.../20.pdf
- Wikipedia – Überblicksartikel mit Hinweis auf Lulajże, Jezuniu im Mittelteil (B-Dur) und Formangaben. Pfad: en.wikipedia.org/wiki/Scherzo_No._1_(Chopin)