Franz Schubert: Die schöne Müllerin – Die schöne Müllerin als Werther der Liedkultur

Autorin: Evgenia Fölsche

Die schöne Müllerin als Werther der Liedkultur

Der Vergleich liegt nahe: Wilhelm Müllers Die schöne Müllerin erzählt – wie Goethes Werther – von idealisierter Liebe, Sprachlosigkeit, Rivalität und einem tragischen Ende. Doch Müllers Zyklus ist kein bloßes Nachbild des berühmten Briefromans. Er verbindet mehrere literarische Strömungen seiner Zeit: empfindsame Liebesdichtung, romantische Wanderliteratur, Volksliedton und eine beseelte Naturpoesie. So entsteht ein „Werther der Liedkultur“ – volksnah im Ton, aber tief in der literarischen Tradition verwurzelt.

1. Warum gerade Werther?

Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774) prägten ein Muster, das die europäische Literatur lange beschäftigte: Ein junger Mann erlebt Liebe als absolutes Sinnversprechen, scheitert an einer unerreichbaren Geliebten und gerät in eine Spirale aus Kränkung, Selbstverlust und Verzweiflung. Genau dieses Grundgerüst findet sich auch in Müllers Zyklus wieder – übertragen in eine andere soziale und poetische Welt.

2. Strukturparallelen: Das Werther-Muster in der Mühle

  • Ich-Erzählung: Wie Werther spricht auch der Müllergeselle aus radikaler Innenperspektive.
  • Idealisierte Geliebte: Lotte wie die Müllerin bleiben weitgehend Projektionsflächen.
  • Rivalenfigur: Albert und der Jäger verkörpern stabile soziale Realität.
  • Natur als Seelenspiegel: Beide Werke lassen Landschaft zum Resonanzraum der Psyche werden.
  • Tragisches Ende: Selbstauflösung als letzte Konsequenz innerer Verengung.

3. Empfindsame Liebesromane als weiterer Hintergrund

Werther steht selbst in einer Tradition empfindsamer Briefromane des 18. Jahrhunderts, etwa Rousseaus La Nouvelle Héloïse oder Richardsons Clarissa. Diese Literatur entwickelte erstmals das Modell einer radikal inneren Gefühlserzählung. Müllers Zyklus übernimmt dieses Erzählprinzip – verzichtet jedoch auf epistolare Reflexion zugunsten unmittelbarer lyrischer Verdichtung.

4. Romantische Wanderschaft: Der Held als Suchender

Neben der empfindsamen Tradition steht die romantische Wanderliteratur. Der Müllergeselle ist ein Verwandter von Eichendorffs „Taugenichts“ und den Wandergesellenliedern des frühen 19. Jahrhunderts. Wandern bedeutet Selbstsuche, Offenheit für Welt – aber auch Heimatlosigkeit. Diese Bewegung bildet das äußere Gerüst der inneren Erzählung.

5. Volksliedton: Die bewusste Einfachheit der Sprache

Wilhelm Müller wollte Gedichte schreiben, „die ein Mädchen singen könnte“. Seine Sprache orientiert sich am Volkslied: schlicht, rhythmisch, leicht memorierbar. Damit wird das große Liebesdrama aus dem bürgerlichen Salon in eine alltagsnahe Lebenswelt übertragen. Gerade diese Einfachheit öffnete Schubert den Weg zur musikalischen Erzählform des Liedzyklus.

6. Die beseelte Natur der Romantik

Schließlich steht Müllers Naturpoesie in der Tradition von Novalis, Tieck und Brentano: Die Natur ist kein Hintergrund, sondern Mitsprecherin der Seele. Bach, Wald und Blumen übernehmen dialogische Funktionen – eine romantische Metapher für innere Selbstgespräche.

7. Vom Briefroman zum Liedzyklus

Der entscheidende Unterschied zu Goethe liegt in der Form: Der Werther schreibt Briefe – der Müllergeselle singt Lieder. Aus reflektierender Prosa wird affektgeladene Lyrik. So verwandelt sich empfindsame Literatur in musikalisch erzählbare Szenen.

Fazit

Die schöne Müllerin bündelt mehrere literarische Traditionen: empfindsamer Liebesroman, romantische Wanderdichtung, Volkslied und beseelte Naturpoesie. Goethe liefert das tragische Grundmuster, Müller übersetzt es in eine volksnahe Liedsprache. So entsteht ein „Werther der Liedkultur“ – ein großes romantisches Seelendrama in scheinbar einfacher Form.