Franz Schubert: Die schöne Müllerin – Die vollkommen unbekannte schöne Müllerin

Autorin: Evgenia Fölsche

Die vollkommen unbekannte schöne Müllerin

Wenn heute von Die schöne Müllerin die Rede ist, meint man fast immer den Liederzyklus von Franz Schubert. Dass dieser Zyklus auf einem deutlich umfangreicheren Gedichtkonvolut von Wilhelm Müller beruht, ist selbst vielen Kennern kaum bewusst. Müllers literarische Schöne Müllerin ist größer, vielschichtiger, ironischer – und in Teilen radikal anders akzentuiert als die heute kanonische musikalische Fassung.

Dieser Überblicksartikel widmet sich genau jenen Texten, die in der Rezeption fast unsichtbar geblieben sind: den Gedichten, die Schubert nicht vertont hat, sowie dem poetischen Rahmen aus Prolog und Epilog. Zusammengenommen eröffnen sie eine andere Lesart des Zyklus – eine, die weniger auf lineare Tragik, dafür stärker auf Reflexion, Stillstand und Ironie setzt.

Wilhelm Müllers Gedichtzyklus – mehr als 20 Texte

Wilhelm Müllers Gedichtzyklus Die schöne Müllerin umfasst mehr Texte, als Schubert in seinem Liederzyklus verwendet hat. Neben den heute bekannten zwanzig vertonten Gedichten enthält Müllers Originalfassung:

  • einen Prolog („Der Dichter“),
  • einen Epilog („Der Dichter“),
  • sowie drei weitere Gedichte innerhalb der eigentlichen Folge.

Diese fünf Texte gehören bei Müller ausdrücklich zum Zyklus. Sie sind keine Randnotizen oder frühen Skizzen, sondern integrale Bestandteile seiner literarischen Konzeption.

Was Schubert auslässt

Schubert übernimmt den Zyklus nicht vollständig. Er entfernt:

  • den Prolog und Epilog („Der Dichter“),
  • sowie genau drei Gedichte aus der inneren Abfolge.

Es handelt sich um:

Hinzu kommt der vollständige Verzicht auf den poetischen Rahmen:

Quellenlage: Was wissen wir über Schuberts Entscheidung?

Die Quellenlage zu der Frage, warum Schubert diese Texte ausgelassen hat, ist nüchtern zu beurteilen: Es existieren keine überlieferten Äußerungen Schuberts, in denen er seine Auswahl explizit begründet. Weder Briefe noch zeitgenössische Berichte liefern eine direkte Erklärung.

Die Forschung kann daher lediglich feststellen, dass Schubert ausgewählt hat – nicht warum im Sinne einer autoritativen Aussage. Alle weitergehenden Erklärungen beruhen auf dramaturgischer, textanalytischer und vergleichender Interpretation.

Warum Schubert diese Texte vermutlich ausgelassen hat – eine Analyse

Betrachtet man die ausgelassenen Texte gemeinsam, zeigt sich ein klares Muster. Es handelt sich nicht um zufällige Streichungen, sondern um eine konsequente ästhetische Entscheidung.

1. Ausschluss der Dichterstimme

Prolog und Epilog etablieren bei Müller eine auktoriale Erzählinstanz. Der Dichter kommentiert, rahmt und relativiert. Schubert verzichtet darauf vollständig und formt den Zyklus zu einem unmittelbaren Ich-Drama. Alles, was Distanz schafft, wird entfernt.

2. Vermeidung von Stillstand

Das Mühlenleben beschreibt keinen Fortschritt, sondern Dauer. Für einen musikalisch-dramatischen Bogen, der auf Eskalation und Zuspitzung angelegt ist, bedeutet dieser Text einen Halt – dramaturgisch ein Problem.

3. Bündelung des Todesvorboten

Blümlein Vergißmein und Trockne Blumen fungieren bei Müller beide als Todesvorboten. Schubert entscheidet sich offenbar dafür, diese Funktion nicht zu verdoppeln, sondern in einem einzigen, emotional konkretisierten Moment zu bündeln.

4. Vorrang des Emotionalen vor dem Symbolischen

Sowohl Blümlein Vergißmein als auch Erster Schmerz, letzter Scherz arbeiten stark reflexiv, symbolisch oder ironisch. Schuberts Auswahl folgt hingegen konsequent der subjektiven Erlebnislinie: Empfinden, Kränkung, Rückzug, Tod – ohne kommentierende Zwischenebenen.

Fazit: Zwei „Schöne Müllerinnen“

Die vollständig gelesene Schöne Müllerin Wilhelm Müllers ist kein reines Liebesdrama, sondern ein poetisch reflektierter Zyklus mit Ironie, Stillstand und auktorialer Distanz. Schuberts Liederzyklus dagegen ist eine bewusste Reduktion: Er schärft die Geschichte zu einem geschlossenen seelischen Drama.

Die ausgelassenen Texte sind deshalb keine Randstücke, sondern markieren genau jene Aspekte, die Schubert nicht erzählen wollte. Gerade darin liegt ihre Bedeutung – und ihre bis heute fast vollständige Unbekanntheit.