Die vollkommen unbekannte schöne Müllerin – Blümlein Vergißmein

Autorin: Evgenia Fölsche

„Blümlein Vergißmein“ gehört zu den eindringlichsten (und zugleich überraschendsten) Gedichten aus Die schöne Müllerin von Wilhelm Müller. Was zunächst wie ein harmloses Natur- und Liebessymbol wirkt, kippt im Verlauf ins Unheimliche: Das „Vergißmeinnicht“ ist hier nicht blau und zart, sondern schwarz, bodennah und an einen Abgrund gebunden. Der Text markiert damit eine Schwelle – weg von romantischer Verheißung, hin zu dunkler Vorahnung, Verlust und Todesnähe.

Der Vers (Wilhelm Müller)

Aus: Die schöne Müllerin

Was treibt mich jeden Morgen
So tief in’s Holz hinein?
Was frommt mir, mich zu bergen
Im unbelauschten Hain?

Es blüht auf allen Fluren
Blümlein Vergiß mein nicht,
Es schaut vom heitern Himmel
Herab in blauem Licht.

Und soll ich’s niedertreten,
Bebt mir der Fuß zurück,
Es fleht aus jedem Kelche
Ein wohlbekannter Blick.

Weißt du, in welchem Garten
Blümlein Vergiß mein steht?
Das Blümlein muß ich suchen,
Wie auch die Straße geht.

’S ist nicht für Mädchenbusen,
So schön sieht es nicht aus:
Schwarz, schwarz ist seine Farbe,
Es paßt in keinen Strauß.

Hat keine grüne Blätter,
Hat keinen Blütenduft,
Es windet sich am Boden
In nächtig dumpfer Luft.

Wächst auch an einem Ufer,
Doch unten fließt kein Bach,
Und willst das Blümlein pflücken,
Dich zieht der Abgrund nach.

Das ist der rechte Garten,
Ein schwarzer, schwarzer Flor:
Darauf magst du dich betten –
Schleuß zu das Gartenthor!

Text nach gängigen Abdrucken/Editionen (u. a. Zeno.org, Wikisource).

Kontext im Zyklus

Im Kosmos der Schönen Müllerin wirkt „Blümlein Vergißmein“ wie ein Kontrapunkt zum naheliegenden, „romantisch blauen“ Vergißmeinnicht-Klischee. Das Gedicht nutzt ein vertrautes Erinnerungszeichen – und verdreht es. Genau dieses Verdrehmoment macht den Text so stark: Er zeigt, wie ein Symbol der Treue in ein Zeichen der Bindung mit Schattenseite umschlagen kann.

Motive & Symbolik

1) Das Vergißmeinnicht als psychologischer Zwang

Das lyrische Ich wird „jeden Morgen“ in den Wald getrieben – nicht aus Freude, sondern wie von einer inneren Kraft. Die Frageform („Was treibt mich…?“) ist bereits ein Symptom: Der Sprecher versteht die eigene Bewegung nicht mehr als Entscheidung, sondern als Getriebenwerden.

2) Der Blick aus dem Kelch

Besonders unheimlich ist die Verschiebung vom botanischen Bild zur sozialen Beziehung: Aus „jedem Kelche“ fleht ein „wohlbekannter Blick“. Das Blümlein wird zum Stellvertreter einer Person, einer Erinnerung – oder einer Forderung: Vergiß mich nicht.

3) Schwarz statt Blau

Der Bruch kommt offen: „Schwarz, schwarz ist seine Farbe“. Das ist nicht nur eine Farbansage, sondern eine Umwertung des Symbols. Das Blümlein ist „nicht für Mädchenbusen“, passt „in keinen Strauß“, hat „keinen Blütenduft“ – es verweigert alle üblichen Liebesgesten.

4) Ufer ohne Bach – Abgrund statt Weg

Das Motiv „Ufer“ weckt Erwartung – normalerweise fließt darunter Wasser. Hier aber ausdrücklich nicht: „Doch unten fließt kein Bach“. Statt Orientierung und Begleitung steht der Abgrund bereit. Wer pflücken will (also besitzen, festhalten), wird hineingezogen.

Sprache, Form & Dramaturgie

Der Text arbeitet mit einer klaren Strophik und starken Umschlagpunkten: von der morgendlichen Bewegung (Strophe 1) über das scheinbar helle Naturbild (Strophe 2) hin zur moralisch-emotionalen Hemmung („Bebt mir der Fuß zurück“) und schließlich zur Enthüllung des „schwarzen“ Vergißmeinnichts. Wiederholungen („Blümlein Vergiß mein nicht“, „schwarz, schwarz“) wirken wie Beschwörung – als müsse sich das Ich selbst an eine fixe Idee binden.

Deutung: Vom Erinnerungszeichen zum Abgrund

„Blümlein Vergißmein“ zeigt, wie Erinnerung kippen kann: vom warmen Treueversprechen zur dunklen Bindung, die nicht mehr trägt, sondern zieht. Das „rechte“ Beet ist kein Garten der Begegnung, sondern ein „schwarzer Flor“ – Trauerstoff. Und das Schlussbild („Darauf magst du dich betten – / Schleuß zu das Gartenthor!“) schließt den Raum endgültig: nicht offene Landschaft, sondern Endgültigkeit, Verschluss, Grab-Assoziation.

Gerade weil der Text so konsequent gegen das erwartete Symbol schreibt, wirkt er wie eine Warnung innerhalb der Zykluswelt: Wer Liebe nur als Festhalten denkt, landet nicht bei Nähe, sondern am Rand des Abgrunds.

Häufige Fragen zu „Blümlein Vergißmein“ (Wilhelm Müller)

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Worum geht es im Kern?

Um ein Erinnerungs- und Treuesymbol, das ins Unheimliche kippt: Das „Vergißmeinnicht“ wird nicht zum Liebesgruß, sondern zum Zeichen von Zwang, Trauer und Abgrundnähe.

Warum ist das Blümlein „schwarz“?

„Schwarz“ markiert die Umwertung: Nicht romantische Verheißung, sondern Verlust, Dunkelheit, Trauer. Das Bild passt zu „Flor“ (Trauerstoff) und zum Schluss, der wie ein Verschließen/Begraben wirkt.

Was bedeutet das „Ufer“, unter dem „kein Bach“ fließt?

Eine enttäuschte Erwartung: Wo man Richtung, Begleitung oder Leben erwartet, ist Leere – und darunter der Abgrund. Das ist ein starkes Bild für Orientierungslosigkeit und gefährliches Festhalten.

Wo finde ich den Text in einer zuverlässigen Fassung?

Gute Textfassungen finden sich u. a. bei Zeno.org und Wikisource (jeweils mit Editions-/Quellenhinweisen).