Hugo Wolf: Das italienische Liederbuch

Hugo Wolf: Das italienische Liederbuch vereint in zwei Heften (I: 1890/91, II: 1896) knapp vierzig Miniaturen nach deutschen Nachdichtungen italienischer Volkslieder von Paul Heyse und Emanuel Geibel. Der Zyklus ist ein Labor für „Psychologie im Kleinen“: witzig, innig, giftig, sanft – stets textnah, sprechbetont und kammermusikalisch. Diese Übersichtsseite bündelt Entstehung, Poetik und Aufführungspraxis – und verlinkt zu allen Einzelartikeln der Website.

Werkportrait

Das Italienische Liederbuch ist kein Erzählzyklus im linearen Sinn, sondern ein Kaleidoskop: Miniaturen von Liebe, Eifersucht, Spott, Sehnsucht und Versöhnung. Wolf hört den Text „mit dem Mikroskop“ – jede Silbe, jede Interpunktion hat musikalische Folgen. Typisch sind syllabische Deklamation, präzise Mikrodynamik, bewegte, doch unemphatische Cantabilen und farbige, häufig chromatisch getönte Harmonik mit blitzschnellen semantischen Wendungen.

  • Besetzung: Singstimme und Klavier (Transpositionen üblich)
  • Umfang: Zwei Hefte (Heft I 1890/91, Heft II 1896)
  • Dauer im Konzert: flexibel (Einzelgruppen oder gesamte Hefte)

Entstehung & Quellen

Wolf komponierte Heft I in einer Phase dichter Produktivität (1890/91) – hell, pointiert, oft witzig –, Heft II (1896) wirkt reifer, dunkler koloriert, psychologisch konzentrierter. Textbasis sind Heyses und Geibels Nachdichtungen italienischer Volkslieder: bewusst schlank in Bild und Syntax – ideale Spielflächen für Wolfs sprechnahe Musiksprache.

Dramaturgie, Themen & Figuren

Das Geflecht entsteht aus Kontrasten und Spiegelungen: „Preis & Abwehr“, „Witz & Ernst“, „Nähe & Distanz“. Wiederkehrende Topoi:

  • Serenade & Nacht (Lauschen, Leuchten, Still-Kantilenen)
  • Schalk & Satire (gesellschaftliche Spitzen, Rollenwitz)
  • Innigkeit (Bitte, Trost, Versöhnung – meist ohne Pathos)
  • Eifersucht & Gerücht (Personifikationen, z. B. Mond als „Weltblick“)

Aufführungspraxis

Klangideal: Text vor Ton. Grunddynamik p–mp, Akzente semantisch, nicht „darstellerisch laut“. Das Klavier agiert als atmender Partner: Binnenstimmen klar, Pedal differenziert. Humor entsteht aus Trockenheit und Timing; Innigkeit aus Atem und Vokalführung – nicht aus Volumen.

  • Agogik: elastisch, sprechnah; Pausen sind „Textzeichen“.
  • Farbe: hell bis gedeckt; Chromatik trägt Bedeutung, nicht Effekt.
  • Disposition: Gruppen dramaturgisch kuratieren (Kontrast & Fluss).

Heft I – ausgewählte Lieder (mit Links)

Tipp: Die vollständige Linkliste findet sich im Seitenmenü oben auf dieser Übersichtsseite.

Heft II – ausgewählte Lieder (mit Links)

Programmhinweise & Kombinationen

  • Eröffnen mit: „Auch kleine Dinge können uns entzücken“ – Poetik des Maßes.
  • Kontrastblöcke: Witz (z. B. „Du denkst, mit einem Fädchen …“) ↔ Innigkeit (z. B. „Mir ward gesagt …“).
  • Nachtfenster: „Der Mond hat eine schwere Klag’ erhoben“, „Mein Liebster singt am Haus“ – sotto voce bündeln.
  • Finale (leise): Eine schlichte Versöhnungsminiatur („Nun lass uns Frieden schließen“) statt „Krone“.

Evgenia Fölsche – Aufführungen & Audio

Pianistin Evgenia Fölsche akzentuiert die Wort-Musik-Balance: Text vorn, elastischer Atem, farbige Transparenz im Klavier. Im Konzert werden Blöcke dramaturgisch kombiniert; innige Stücke erhalten „Raum“ durch Stille und Nachklang.

Hörbeispiel: Audio/Video-Link hier ergänzen

Kontakt für Konzert-/Programmanfragen

Häufige Fragen zum Italienischen Liederbuch

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Ist das Italienische Liederbuch ein „Zyklus“ im engeren Sinn?

Eher ein Sammlungs-Zyklus: kein durchgehendes Narrativ, sondern fein kuratierte Miniaturen. Dramaturgie entsteht durch Gruppierung und Kontraste.

Welche Ausgabe/Stimmlage ist geeignet?

Es existieren Transpositionen für alle Lagen. Entscheidend sind Textpräzision, Beweglichkeit der Sprache und kammermusikalische Balance.

Wie viel Rubato ist stilistisch angemessen?

Sprechnähe vor „Schwung“. Rubato dient der Semantik (Punktuation, Sinnwörter) – nicht der Emphase.

Kann man beide Hefte an einem Abend singen?

Ja – mit kluger Dramaturgie (Pausen, Blöcke, Licht/Schattierungen). Häufig werden jedoch 12–18 Lieder kuratiert.